Herbecker Archiv "angekratzt"

Hagen. Eine völlig neue Quelle für die ältere Hagener Geschichte ist jetzt erstmals erschlossen worden. Es handelt sich um das Archiv des Hauses Herbeck, das Dokumente aus mehr als fünf Jahrhunderten enthält und sich im Besitz der heute in Junkernthal bei Siegen ansässigen Familie von Hövel befindet. Im Auftrag des Historischen Centrums Hagen hat der Historiker Dr. Gerhard E. Sollbach jetzt das Archiv in Junkernthal besucht.

Freiherr Friedrich von Hövel (links) gewährte dem Herdecker Historiker Gerhard E. Sollbach Einsicht in den Bestand des Hauses Herbeck im von Hövelschen Familienarchiv in Haus Junkernthal/Siegen. (Foto: Stadt Hagen)

Ihm hatte der gegenwärtige Eigentümer, Friedrich von Hövel, gestattet, den Archivbestand dieses ehemaligen Adelssitzes und heute noch an der Dolomitstraße vorhandenen Gutshofes einzusehen und wissenschaftlich auszuwerten. Es war das erste Mal, seitdem das Archiv in Junkernthal zu Anfang der 1960 geordnet wurde, dass jemand Zutritt bekommen hat.

Großartiges Gefühl

Für einen Historiker ist es ein großartiges Gefühl, Schriftstücke in der Hand zu halten, die seit einem halben Jahrhundert niemand mehr angefasst hat und die vor allem noch nie wissenschaftlich ausgewertet worden sind“, freute sich Sollbach. Außerdem erwies sich Eigentümer Friedrich v. Hövel nicht nur an der historischen Arbeit von Sollbach interessiert, sondern auch als ausgesprochen hilfsbereit. Unter anderem hat er angeboten, auch einschlägige Akten und Dokumente persönlich zur Reproduktion nach Hagen in das Historische Centrum zu bringen.

Doch bei seinem ersten Besuch konnte der ehrenamtlich für das Historische Centrum tätige Wissenschaftler nur ein bisschen an der Oberfläche des enormen Archivbestands kratzen.

Allein die Akte über Streitfälle betreffend die Eppenhauser Mark war gut 30 Zentimeter dick, und sie war nur eine von mehreren Eppenhauser-Mark-Akten“, erläutert Sollbach. Doch hat er bereits einige echte historische Schätzchen“ entdeckt. Dazu gehört ein so genanntes Einscharungs-Buch“ der Eppenhauser Mark aus dem späten 16. Jahrhundert. Darin sind jedes Jahr alle in der Eppenhauser Mark Berechtigten namentlich und mit der Anzahl der von ihnen zur Herbstmast in die Mark eingetriebenen Schweine verzeichnet. Dieses Dokument könnte auch für Genealogen interessant sein“, vermutet der Historiker.

„Historische Perle“

Eine echte historische Perle“ ist das aus dem Jahr 1584 stammende Verzeichnis aller beweglichen und unbeweglichen Güter des Hauses Herbeck. Es wurde nach dem Tod der bisherigen Besitzer, Jakob von Fürstenberg und Anna von Laer, angefertigt. Wahrscheinlich geschah diese Inventarisierung auf Betreiben der Gläubiger. Sollbach vermutet, dass Haus Herbeck wie viele der kleinen landadeligen Besitzungen damals stark verschuldet war. Doch dieser damalige leidvolle Umstand hat der Hagener Geschichtsforschung heute eine einmalige sozialgeschichtliche Quelle beschert. Aus dem Verzeichnis lässt sich beispielsweise auch die Ausstattung eines niederadeligen Haushalts exakt rekonstruieren und so ein Bild von dem materiellen Lebensstandard in der frühen Neuzeit gewinnen.

Der war bescheiden, um nicht zu sagen, kärglich“, hat Sollbach bereits bei einer ersten Durchsicht des umfangreichen Dokuments festgestellt. Die Damen und Herren aßen von Zinn- und auch Holztellern und zumeist mit Holzlöffeln.“ Als Silberware nennt das Inventar nämlich nur drei silberne Löffel und außerdem noch vier silberne Töpfe mit Zinndeckeln.

Chefin erfreut

Auch die Leiterin des Historischen Centrums, Beate Hauck, zeigte sich erfreut über die erste Ausbeute im von Hövelschen Archiv: Die bereits jetzt ausfindig gemachten Dokumente stellen eine wesentliche Bereicherung des Hagener Archivbestands gerade für die frühe Neuzeit dar. Wir können auf dieser Grundlage neue und erweiterte Kenntnisse über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Hagener Raum gewinnen.“

Professor Sollbach ist sich aber sicher, dass sich in dem Archiv in Junkernthal noch mehr für die Hagener Geschichte interessantes und bisher völlig unbekanntes Quellenmaterial verbirgt. So konnte er aus Zeitgründen beispielsweise den dortigen bis in das Mittelalter zurückreichenden Urkundenbestand noch gar nicht ansehen. Doch auf den ist Sollbach besonders gespannt.