„Highway“ zum Fürchten

Hagen. (ME) Der im Raum Hagen für seine geschichtlichen Forschungen bekannte Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach ist auch ein begeisterter Naturfreund. Im Herbst wählte er das westliche Neufundland und das südöstliche Labrador zum Ziel seines diesjährigen Wander-Abenteuers. In den ersten beiden Teilen seiner Reisereportage hat er unter anderem die Begegnung mit einer Elch-Kuh beschrieben.

Heute folgt Teil 3:

120.000 Elche gibt es in Neufundland. Allerdings sind die Elche ursprünglich nicht in Neufundland beheimatet gewesen. Sie wurden erst in den 1870er Jahren und erneut zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Fleischlieferanten für die isolierten Siedlungen eingeführt. Inzwischen haben sie sich in ihrer neuen Heimat prächtig vermehrt, und zwar so prächtig, dass die Autounfälle mit Elchen zu einem ernsthaften Problem geworden sind. Immerhin erreicht diese größte heute lebende Hirschart eine Körperlänge von bis zu 3 m und ein Gewicht von bis zu 800 kg.

Fährbetrieb eingestellt

Ein Muss für jeden, insbesondere jeden historisch interessierten Neufundland-Besucher ist die Fahrt zur „L‘Anse aux Meadows Historic Site“ an der Nordspitze der Insel: Hier hat man die einzige bisher bekannte Wikingersiedlung in Nordamerika entdeckt und ausgegraben. Da ich als Mittelalter-Experte seit langem mit an dem Projekt beteiligt bin, war mein Besuch dort fest eingeplant und auch schon erwartet.

Zuvor stand ein Reiseziel an, auf das ich vor allem gespannt war – Labrador, genauer gesagt: der südwestliche Teil der zur Provinz Neufundland gehörenden Labrador-Region. Dorthin gelangt man mit einer Fähre von St. Barbe aus über die Belle-Isle-Meerenge. Doch als ich am Fähr-Terminal in St. Barbe eintraf, wurde mir eröffnet, dass der Betrieb zur Zeit eingestellt sei – Sturm! Man habe bereits eine Windstärke von 108 km/h. Die Dame bot mir an, mich auf eine Warteliste zu setzen und wies mich an, am nächsten Morgen bereits um 7 Uhr wieder zu erscheinen.

Sobald der Sturm nämlich nachlasse, werde die Fähre schnellstens auslaufen. Zum Glück befindet sich direkt gegenüber dem Terminal ein großer Campground. Ich war dort natürlich der einzige Kunde. Ein Zeltaufbau kam bei diesem Sturm aber wieder einmal nicht infrage. Ich musste erneut eine unbequeme Nacht in den Schlafsack und eine Vliesdecke eingehüllt auf dem Rücksitz meines Kleintransporters verbringen. Geschlafen habe ich wenig. Der Sturm kam nämlich in Böen und immer wieder wurde das Auto derart heftig geschüttelt, dass ich manchmal fürchtete, es würde umkippen. Zum Glück ging’s dann mit der Fähr-Fahrt glatt.

Tiefe Schlaglöcher

Was würde mich in Labrador erwarten? Ich war richtig neugierig. Nach dem Ausschiffen fuhr ich in westlicher Richtung auf dem Trans Labrador Highway. Wer beim Wort Highway an eine gut ausgebaute Straße denkt, ist hier auf dem Holzweg. Denn dieser Highway ist eher eine Straße zum Fürchten. Der Trans Labrador Highway – kurz TLH – ist insgesamt 1.188 km lang und führt meist durch unbewohnte Wildnis.

Nur ein kleiner Teil ist asphaltiert, der Rest besteht aus einer recht schmalen Schotterstraße mit mehr oder weniger großen Steinen und tiefen Schlaglöchern. Ich habe bei der Fahrt häufig Sorge um meine Reifen gehabt. Wie ich später erfuhr, geht tatsächlich mindestens ein Pneu bei der Fahrt über den TLH drauf. Auch ist der Highway wegen der vielen engen Kurven und starken Steigungen nicht ungefährlich, wie Autowracks am Straßenrand bezeugten, auf die man hin und wieder stößt.

Alle Teile der Serie:

  1. Auf dem Gros Morne Mountain
  2. Doppelt Glück gehabt
  3. „Highway“ zum Fürchten
  4. Das Land, das Gott Kain gab