Höllenfahrt auf der Route 360

Hagen. (ME) Im letzten Herbst berichtete der wochenkurier über die „Kanada-Wildnis-Tour“ des Herdecker Historikers Dr. Gerhard E. Sollbach. Jetzt war er ein weiteres Mal in Kanada auf „einsamen Abenteuer-Pfaden“ unterwegs. Der wochenkurier hat ihn gebeten, erneut zu berichten – in einer mehrteiligen Serie. G.E. Sollbach erzählt heute im 2. Teil, wie es ihm im Jacques-Cartier-Nationalpark ergangen ist:

Was da im Jacques-Cartier-Nationalpark als Trail bezeichnet wurde, erwies sich als ein mit mehr oder weniger großen Felsbrocken übersäter Pfad, der manchmal mehr ein Hohlweg war. Offenbar schoss auf ihm bei den in diesem Nationalpark häufigen starken Regenfällen sowie bei der Schneeschmelze im Frühjahr das Wasser den Berg hinab. Mit meinen etwas kurzen Beinen hatte ich daher manchmal Mühe voranzukommen.

Eine große Hilfe war, wenn am Trailrand Bäume standen, an deren Stämmen ich mich hochziehen konnte. Manchmal führte der Trail aber auch über nackten Fels aufwärts. Hinauf ging es ja noch, aber abwärts war es schon recht abenteuerlich. Auf dem Rückweg bin ich dann auch mehrmals in Rutschen gekommen und konnte nur mit Hilfe meines Wanderstocks oder mit einem schnellen Griff an einen Baumstamm oder eine aufragende Baumwurzel wieder Halt gewinnen.

Anstrengung vergessen

Doch der Blick von der Höhe 550 Meter hinunter und weit in den Canyon hinein, auf dessen Boden sich der Fluss in zahlreichen Windungen entlang schlängelt, war in der Tat beeindruckend und lässt schnell die Anstrengung des stundenlangen Aufstiegs vergessen. Der Jacques-Cartier-Nationalpark zeichnet sich auch dadurch aus, dass man hier an einem Tag bzw. bei einem Aufstieg mehrere Klima- und Vegetationszonen erleben kann: von den dicht mit Laubbäumen bedeckten Talsohlen bis zu den kahlen und fast schon arktischen Hochflächen.

Mehrere Tage habe ich auf verschiedenen Trails den Park erkundet. Doch nur ein kleiner Teil seiner insgesamt 670 Quadratkilometer ist überhaupt erschlossen und zugänglich. Der Rest ist unberührte und geschützte Wildnis. Leider hatte die Laubverfärbung des berühmten Indian Summer noch nicht richtig eingesetzt. In der Ranger-Station wurde mir aber versichert, dass in spätestens zwei Wochen der Park in voller Farbenpracht stehen würde. Ich beschloss, dann auf jeden Fall wiederzukommen.

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Höllenfahrt

Als nächstes stand der weiter nordöstlich gelegene Grands-Jardins-Nationalpark auf dem Programm. Nach Ausweis der Karte gelangte man auf einer von der Route 175 nach Osten abzweigenden Route 360 dorthin. Ich hätte mir die Karte aber genauer ansehen sollen. Was dort als Straße eingezeichnet war, entpuppte sich als eine Art miserabler Feldweg, den vor langer Zeit wohl einmal eine Planierraupe durch die Wildnis gebahnt hatte. Der Weg war übersät von Steinbrocken unterschiedlicher Größe und von teils recht tiefen Schlaglöchern. Außerdem ging es ständig und meist sogar recht steil hügelauf- und -abwärts und an vielen Stellen auch über nackten Fels. Nicht selten drehten die Räder meines normalen Mietwagen-PKWs beim Bergfahren zeitweilig durch und ich fürchtete, nicht mehr weiterzukommen und mitten in der Wildnis stecken zu bleiben.

Die herrliche bewaldete Laurentides-Landschaft mit zahlreichen Seen, durch die ich dabei an einem zudem wunderbaren Sonnentag kam, konnte ich daher überhaupt nicht genießen. Ich musste unablässig die Fahrbahn im Auge behalten, um nicht in einem der tiefen Schlaglöcher zu landen oder gegen einen besonders großen Felsblock zu knallen. Dazu kam das ständige Schlagen der Steine gegen den Unterboden des Wagens. Dieses ständige „Klack-Klack“ hat mir noch in den Ohren geklungen, als ich in der folgenden Nacht schon längst in meinem Schlafsack lag. Jetzt dachte ich aber nur, wann hat dieser Weg denn endlich ein Ende. Nirgends war auch ein Mensch oder ein Auto zu sehen. Ein Stein, nein, es war schon ein richtiger Felsbrocken, fiel vom Herzen, als ich schließlich die – geteerte – Route 381 erreichte. Mehr als fünf Stunden hatte ich für die gut 60 km lange Strecke auf der 360 gebraucht. Über die 381 gelangte ich schließlich am späten Nachmittag zum Eingang des Grands-Jardins Nationalparks.

Einmalig

Die besondere Attraktion des Nationalparks sind die riesigen Flächen von verschiedenen Flechten und Moosen auf dem Hochland. Das ist einmalig, denn solche Verhältnisse findet man eigentlich erst ab dem 52. nördlichen Breitengrad, also rund 500 km höher im Norden. Außerdem finden sich in dem Park ausgedehnte Tundra- bzw. Taiga-Gebiete mitsamt Karibus, der nordamerikanischen Rentierart. Der Park bildet zudem und nicht zufällig auch die Kernzone eines UNESCO-Biosphären-Reservats. Doch das sind noch nicht alle Attraktionen. Aber davon später.

Mein Lagerplatz befand sich am Fuß des steil aufragenden und auf dem Gipfel in eine nackte Granitkuppel übergehenden Mont du Lac à Moise tief in einem dichten Wald. Wie ich in der Ranger-Station erfuhr, war ich da völlig alleine. In der Nacht war es dicht bewölkt und folglich stockdunkel. Außerdem wehte ein starker Wind. In der Dunkelheit habe ich mich irgendwie unsicher und bedroht gefühlt. Vermutlich war das auch eine Nachwirkung der Anspannung auf der Route-360-Höllenfahrt. Es ist aber auch das einzige Mal auf der ganzen Reise gewesen, dass mich in der Wildnis ein ungewisses Angstgefühl beschlichen hat. Am nächsten Morgen bei herrlichem Sonnenschein und strahlend blauem Himmel war aber alles wieder vorbei…

(wird fortgesetzt)