„Ich möchte stolz auf mich sein“ – Jobcenter schreibt Erfolgsgeschichte

[1/2] In exklusiven Bussen werden die Bewerber zu ihren Vorstellungsgesprächen gebracht. „Wir wollen ein Stück Wertschätzung an die Bewerberinnen und Bewerber zurückgeben“

[1/2] In exklusiven Bussen werden die Bewerber zu ihren Vorstellungsgesprächen gebracht. „Wir wollen ein Stück Wertschätzung an die Bewerberinnen und Bewerber zurückgeben“, sagt Rosemarie Wrede. Und: „Das Busunternehmen hat uns verstanden und schickt die

Hagen/Iserlohn/Schwerte. (as) Das Wort Jobcenter löst viele Reaktionen aus. Gute sind nur selten darunter. Schließlich hört man immer wieder von Menschen, die schlechte Erfahrungen mit dieser Einrichtung gemacht haben. Von pampigen Mitarbeitern und gekürzten Zuwendungen. Hier soll nicht daran gezweifelt werden, dass Jobcenter-Mitarbeiter auch mal pampig sein können. Dass Leistungen gekürzt oder sogar gestrichen werden.
Doch ein Jobcenter hat viele Facetten. Es gibt sie wirklich, die „Kundinnen und Kunden“, die Tränen des Glücks weinen und mit einem kleinen Stückchen Schokolade danke sagen. Genau darüber soll hier berichtet werden. Denn das Jobcenter in Hagen schreibt eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Auch Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, werden hier intensiv gefördert – vom Durchforsten des Kleiderschranks mit der Überlegung „Was ziehe ich beim Vorstellungsgespräch an?“ bis zum Bewerbershuttle. Das sind Fahrten im gecharterten Bus zu Arbeitgebern, die vielleicht genau diese Bewerber und ihre Qualitäten suchen.
Dabei „wildern“ die engagierten Jobcenter-Mitarbeiter sogar in anderen Städten auf der Suche nach Arbeitsplätzen. Dann nämlich, wenn Firmen ihren Sitz in Iserlohn, Hemer oder Schwerte haben und nur eine Filiale in Hagen betreiben.
Der Busshuttle, den das Hagener Jobcenter auf die Beine gestellt hat, ist einzigartig in Deutschland. Und dazu noch ausgesprochen erfolgreich.
Denn viele Bewerber steigen mit einem Arbeitsvertrag oder der Möglichkeit, einen Tag oder eine Woche zur Probe zu arbeiten, wieder zurück in den Bus. Der erste Schritt zurück auf den Arbeitsmarkt.
„Einstellungssache“
Zennur Matur ist nervös. Kein Wunder: Die junge Mutter sitzt mit anderen Bewerberinnen im Bus zu einem Vorstellungstermin. Klappt es, klappt‘s nicht? Die Spannung ist greifbar. Und dann sitzt da auch noch eine Journalistin im Bus und macht sich Notizen.
Zennur Matur blättert immer wieder in ihrer Bewerbungsmappe. Die kann sich sehen lassen, was auch für die Unterlagen all der anderen „Mitreisenden“ gilt. Als Teilnehmerinnen der bundesweiten Aktion „Einstellungssache – Jobs für Eltern“ haben sie ein ausgiebiges Coaching genossen. Stärkenanalyse, Imageberatung und sogar ein professionelles Fotoshooting gehören in Hagen dazu.
Begleitet werden die Bewerberinnen und Bewerber von Rosemarie Wrede und Britta Moranz. Die beiden sind verantwortlich für die Aktion „Einstellungssache“, aber auch für viele weitere unkonventionelle Jobcenter-Projekte, mit denen sie Menschen helfen, einen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. „Wir sind froh über jeden, der es schafft, unseren ‚Verein‘ zu verlassen“, sagt Britta Moranz. Der Verein, das ist das Jobcenter.
Rosemarie Wrede und Britta Moranz vom Team Bewerber-Service beim Jobcenter sitzen mit im Bus. Kleine Gespräche, Ermunterungen, die eine oder andere Umarmung. Jede Geste sagt: „Ihr seid gut, ihr schafft das.“
Die beiden fahren nicht nur mit zu den Arbeitgebern, mit denen sie zuvor die Termine ausgemacht haben. Sie begleiten die Bewerber auch beim Vorstellungsgespräch. „Das ist kein Muss, kann aber helfen“, sagt Rosemarie Wrede. „Wir haben schon erlebt, dass ein Bewerber beim Vorstellungsgespräch komplett verkrampfte und kein Wort mehr herausbekam.“ Was dann? „Ich konnte ihn aufrütteln und aus der Sprachlosigkeit holen. Das Bewerbungsgespräch lief danach gut.“
Hilfe für ein neues Start-up
Marisa Alexandra Costa Marques Rocha ist eine Frau, deren Herzenswärme und zupackende Hilfsbereitschaft noch ihren Namen überstrahlt. „Warum ich hier mitmache?“, fragt sie. „Ist doch klar: Ich möchte nicht, dass meine Kinder glauben, dass das Geld zum Leben nur vom Amt kommt.“
Sie möchte arbeiten. Sie will Vorbild sein. „Ich möchte, dass meine Kinder stolz auf mich sind“, sagt sie. Und ergänzt – etwas leiser: „Ich möchte auch auf mich stolz sein können.“
Die erste Station des Bewerberbusses ist erreicht. „HagenRail“, ein junges Start-up-Unternehmen, das sich auf Dienstleistungen rund um den Bahnbetrieb spezialisiert hat, sucht noch Unterstützung im Büro. Zwei junge Frauen haben Rosemarie Wrede und Britta Moranz für die Vorstellungsgespräche vorgeschlagen. Zwei Frauen, bei denen sie überzeugt sind, dass sie dem Anforderungsprofil entsprechen.
„HagenRail“-Gründer Jamal Ben Achour ist beeindruckt. „In einem kleinen Unternehmen wie unserem haben wir oft gar nicht die Zeit, uns durch hunderte von Bewerbungen zu lesen und die entsprechenden Gespräche zu führen“, sagt er. Das Angebot von Britta Moranz und Rosemarie Wrede, einfach mal mit zwei Bewerberinnen vorbeizukommen, war für Jamal Ben Achour und seine rechte Hand Jens Schweda wie ein Segen. „Es passt“, sagt der Geschäftsmann und muss gleich weiter zum nächsten Termin. Eine neue, selbstständig arbeitende Bürokraft hat er auch gefunden: Der Arbeitsvertrag ist an eine der beiden Bewerberinnen gegangen. Bewerberin Nummer zwei hat übrigens in einem anderen Unternehmen ihr Glück gefunden.
Motivation ist das A und O
„Wir können nicht zaubern“, sagt Rosemarie Wrede. Das heißt: „Wir sind auf die Mithilfe unserer Kundinnen und Kunden angewiesen. Das A und O ist die Motivation.“
Es gibt drei Grundtugenden, die jeder Mensch mitbringen sollte: „Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit“, sagt Britta Moranz. „Wenn das stimmt, finden wir einen Arbeitgeber, der genau diese Bewerberin oder diesen Bewerber sucht“, ergänzt sie. „Vielleicht nicht beim ersten Vorstellungsgespräch, aber beim zweiten oder dritten…“
Manchmal geht das Schicksal ungewöhnliche Wege: Britta Moranz saß unlängst im Auto auf dem Weg nach Hause und grübelte darüber nach, bei welchem Arbeitgeber sie die Pflegekräfte unterbringen sollte, die an der Aktion „Einstellungssache“ teilnehmen. Das Problem: Für junge Mütter ist eine Wochenendarbeit, wie sie im Pflegedienst gang und gäbe ist, häufig nicht realisierbar. Tief in diesen Gedankengängen sah sie das Auto eines Pflegediensts, den sie noch gar nicht kannte. Kein Wunder: Die Zentrale des Dienstes befindet sich in Hemer. Britta Moranz notierte sich die Telefonnummer, die auf dem Wagen vermerkt war.
Der Anruf war ein Volltreffer aus Sicht der Arbeitsvermittlerin. „Kommen Sie, kommen Sie“, hieß es. „Wir suchen.“
Mit mehreren Bewerberinnen sitzen Britta Moranz und Rosemarie Wrede im Bus nach Hemer. Alle sind bestens vorbereitet. Dennoch: Die Nervosität knistert.
Svetlana Kamen, eine der beiden Geschäftsführerinnen des Pflegediensts aus Hemer, versucht, die Anspannung aufzulockern. „Haben Sie die Bewerbungsunterlagen dabei?“
Zennur Matur fasst sich ein Herz. Die junge Frau, die gerade noch als Nervenbündel aus dem Bus gestiegen ist, präsentiert sich und ihre Bewerbung mit einer Souveränität, die selbst hartgesottene Bewerbungsprofis wie Rosemarie Wrede oder Britta Moranz überrumpelt. Und anrührt. Und stolz macht.
Die Ernte hat gerade begonnen
„Für genau solche Momente arbeiten wir“, sagt Rosemarie Wrede. „Dafür lohnen sich lange Tage und alle Anstrengungen.“
Auch dafür: 25 Kundinnen und Kunden des Jobcenters haben bei dem Projekt „Einstellungssache“ mitgemacht. 23 wurden nach ihrem Vorstellungsgespräch zu einer so genannten „Maßnahme beim Arbeitgeber“ eingeladen, im Volksmund besser als Probearbeiten zum gegenseitigen Kennenlernen bekannt. Acht feste Zusagen für einen Arbeitsvertrag liegen vor. Aber, so Britta Moranz, „die ‚Ernte‘ hat gerade erst begonnen.“
Der Bewerber-Service ist zu erreichen unter Tel. 02331/ 36758-713 oder 36758-603.