"Indian Summer": Farbenzauber in voller Pracht

Hagen. (Red./ME) Der Geschichtsprofessor Gerhard E. Sollbach an der TU und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Geschichte des Hagener Raums ist auch ein großer Naturfreund. Zur Herbstzeit zieht es ihn immer wieder nach Kanada. Mit Zelt und Rucksack ist er dann wochenlang allein auf Wildnispfaden unterwegs. So auch in diesem Jahr. Für den Wochenkurier hat er darüber einen dreiteiligen Bericht erstellt. Heute folgt Teil 2:

Tortur

Für jeden echten Outdoor-Fan ist die Besteigung des in dem Park gelegenen und seine eigentliche Attraktion ausmachenden Mount Carleton ein Muss. Klar, dass auch ich auf den Berg musste. Er ist zwar nur 817 m hoch, doch die letzten rd. 150 Höhenmeter haben es in sich, wie ich noch schmerzhaft erfahren sollte.

In der Ranger-Station empfahl mir die Rangerin, den rechten der beiden Trails zu nehmen. Auf meine Frage, „warum?“, antwortete sie, er sei der schönere. Prompt habe ich mich auch für diesen „schöneren“ Trail entschieden. Tatsächlich führt er zunächst durch Laubwald mit teils alten und knorrigen Bäumen sowie entlang an Bächen, die über mit grünen Moosen bewachsene Felsen zu Tal rauschen. Doch dann stand ich plötzlich vor einem mit Krüppelkiefern und sonstigem Gebüsch dicht bewachsenen, fast senkrecht aufragenden Steilhang. Mitten hindurch zog sich ein schmales Band von durcheinandergewürfelten, teils riesigen Felsbrocken. Das soll der Weg sein? War es!

Wald und Wasser prägen die Wildnis im Norden der ostkanadischen Provinz New Brunswick. (Foto: G.E. Sollbach)
Wald und Wasser prägen die Wildnis im Norden der ostkanadischen Provinz New Brunswick. (Foto: G.E. Sollbach)

Die als Wegmarkierung dienenden blauen Farbkleckse ließen keinen Zweifel. Allerdings konnte ich nur ein kurzes Stück dieses „Wegs“ sehen. Das Stückchen schaffe ich noch, dachte ich, und machte mich an die Kletterei. Teilweise kroch ich auf allen Vieren; dann wieder musste ich mich an Felsen hochziehen. Als ich meinte, oben zu sein, stellte sich heraus, dass der „Weg“ immer noch weiter ging. Und so ging es mehrere Male.

Zwischendurch dachte ich an Umkehr. Doch als ich zurückblickte und sah, wie steil der Hang war, habe ich den Gedanken gleich wieder aufgegeben. Vorsichtig und immer darauf bedacht, festen Halt unter den Füßen zu haben und ja nicht aus- oder abzurutschen habe ich mich immer weiter nach oben gehangelt. Zum ersten Mal hat mich da in der Wildnis ein gewisses Angstgefühl beschlichen, nämlich zu verunglücken, ohne auf zumindest rasche Hilfe hoffen zu können. Etwa eine Stunde, denke ich, hat die Quälerei gedauert, bis ich endlich oben war – doch immer noch nicht auf dem Gipfel.

Atemberaubend

Doch als ich endlich auf dem Gipfel stand, hat es mir fast den Atem verschlagen – und das nicht nur wegen des heftigen Winds. Soweit das Auge blicken konnte, erstreckten sich auf allen Seiten bis zum Horizont endlose Wälder. Dazwischen glitzerten hier und da von der Sonne beschienene und durch das Grün mäandernde Flussläufe sowie Seen unterschiedlichster Größe. Dazu herrschte eine von keinem Zivilisationsgeräusch gestörte große Stille. Das Bewusstsein, hier weit und breit der einzige Mensch zu sein, war schon etwas Erhebendes. Leider konnte ich dieses und auch den Rundblick nicht allzu lange genießen. Ich wollte rechtzeitig vor dem Einbruch der Dunkelheit wieder im Camp sein und vor mir lag noch der mehrstündige Abstieg, den ich allerdings dann über die „leichtere“ Route nahm.

Mit dem Wetter hatte ich übrigens großes Glück. In all den Wochen herrschte mit Ausnahme von ein paar Tagen herrliches, sonniges Wetter. Allerdings gab es bereits ab der dritten Septemberwoche nachts Bodenfrost. In den letzten zwei Wochen konnte ich dann auch noch den Farbenzauber des „Indian Summer“ in seiner vollen Pracht erleben. Die Wälder boten ein betörendes Farbschauspiel, das von Rot bis Gelb mit allen dazwischen liegenden Variationen reichte und süchtig machen kann. Richtig erleben kann man diese Farbenspektakel aber eigentlich nur zu Fuß.

(wird fortgesetzt)