Innovation sichert das Überleben: Licht und Schatten in der Industrie

Iserlohn. (as) Die Wirtschaft im Märkischen Kreis, in Hagen und im EN-Kreis brummt. 88 Prozent der Betriebe der Metall- und Elektroindustrie betrachten ihre Geschäftslage zum Jahreswechsel als gut oder wenigstens befriedigend. Weit mehr als im Vorjahr. Acht Prozent mehr Betriebe als noch vor einem Jahr wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Investitionen werden geplant.
Horst-Werner Maier-Hunke, Vorsitzender des Märkischen Arbeitgeberverbands (MAV), könnte sich entspannt zurücklehnen und den Aufschwung genießen. Doch er tritt auf die Euphorie-Bremse. „Vorsicht bei den Erwartungen“, sagt er.
Horst-Werner Maier-Hunke ist weder als Miesepeter noch als Spielverderber bekannt. Ganz im Gegenteil. Als er in der vergangenen Woche die Zahlen der Konjunkturumfrage vorträgt, will sich aber das schelmische Lächeln, das beinahe zu seinem Markenzeichen geworden ist, nicht so recht einstellen. „Die meisten Einschätzungen berücksichtigen ausschließlich die wirtschaftliche Lage und nicht das Umfeld“, erklärt er. Doch genau das „Umfeld“ ist es, was ihm Bauchschmerzen bereitet.
Rechnen mit Veränderungen
Der Vorsitzende des Märkischen Arbeitgeberverbands rechnet mit Veränderungen. Ob sie positiv oder negativ sein werden, mag er nicht einzuschätzen. Doch es werde einiges geschehen – auch schon in diesem Jahr.
Direkt vor unserer Haustür, also in Europa, macht er die ersten Unsicherheitsfaktoren aus. Bei der Suche nach einem neuen Parlamentspräsidenten zeige sich die Uneinigkeit der Europäischen Union. Horst-Werner Maier-Hunke geht aber auch auf die einzelnen Staaten ein. Was geschieht, beispielsweise, wenn Marie Le Pen in Frankreich das Ruder übernimmt? Ihre Chancen stünden zurzeit zwar nicht auf Wahlsieg, aber das könne sich bekanntlich schnell wieder ändern. Auch in den Niederlanden werde gewählt: Rechtspopulist Geert Wilders kann sich Hoffnungen machen auf das mächstigste Amt im Nachbarland. „Es kann zu Störfeuer kommen, wenn sich viele Euro-Gegner in der EU breit machen“, prognostiziert der MAV-Chef.
Die Brexit-Entscheidung der Briten sorge zwar für niedrige Unternehmenssteuern auf der Insel, aber auch für höhere Preise. Russland profitiere zurzeit von den steigenden Ölpreisen. Ein Glück, kommentiert Horst-Werner Maier-Hunke. Denn das russische Volk sei zwar sehr leidensfähig, aber nicht so sehr, dass es alles mitmache.
Der chinesische Markt bleibe trotz seines Wachstums von immer noch 6,7 Prozent ein Unsicherheitsfaktor.
Was macht Donald Trump?
Entscheidend ist für den MAV-Vorsitzenden aber auch der Blick über den Atlantik: Was geschieht in der Ära Trump? „Donald Trump hat viel angekündigt“, sagt Horst-Werner Maier-Hunke. Die Konzentration auf den Binnenmarkt beispielsweise. Horst-Werner Maier-Hunke ist der Überzeugung, dass der designierte US-Präsident mit vielen seiner Ideen durchaus wirtschaftliche Erfolge erzielen könnte – allerdings nur kurzfristig. „Wenn er glaubt, er wäre erfolgreich, wird er vielleicht sogar wieder Zölle einführen“, sagt der MAV-Vorsitzende. „Europa“, ergänzt er, „war nie Mittelpunkt der US-Politik.“ Unter Trump befürchtet er, dass Europa im Nachrichtenwert von Seite 4 auf Seite 6 der Zeitungen verbannt werden könne.
Wenig gut bezahlte Arbeitsplätze
Doch auch vor Ort in Deutschland sei nicht alles Gold, was glänze. Natürlich freue er sich über die gute Beschäftigungslage, von der man bei der heimischen Agentur für Arbeit schwärme. Aber: „Da sind zu viele Arbeitsplätze im prekären Bereich“, sagt Horst-Werner Maier-Hunke. „Das heißt: Wir haben nicht mehr genügend gut bezahlte Arbeitsplätze.“
Ein weiteres Problem: Unter anderem wegen der hohen Energiekosten seien die Gießereien in ihrer Existenz bedroht. „Wenn das so weiter geht, sind Ende des Jahres die Hälfte der Gießereien weg.“
Auch die Ausbildung gibt ihm zu denken: „Wir haben bei uns fast zu viele Menschen, die Abitur machen“, sagt er. Das bedeute, das viele, vor allem kleine Unternehmen im Metall- und Elektrobereich massive Schwierigkeiten haben, Nachwuchs zu finden.
Damit Mami Karriere machen kann
Der Rundumschlag geht weiter: „Wir haben noch nicht genug Kitas, und es fehlen Leute in der Altenpflege“, sagt Horst-Werner Maier-Hunke. „Das hat zwar nicht direkt etwas mit der Metall- und Elektroindustrie zu tun“, sagt er. „Aber wir sind ja nicht isoliert.“ Denn ein Rädchen greift ins nächste. Wo es keine Kita-Plätze gibt, muss Mami auf die Karriere in der Industrie verzichten. Fehlendes Pflegepersonal wiederum kann dazu führen, dass zeitintensive Weiterbildungen für den einen oder die andere nicht möglich sind.
„Ich hab ein bisschen Sorge, wie sich die Autoindustrie entwickelt“, sagt Horst-Werner Maier-Hunke. Dabei denkt er nicht unbedingt an den Abgasskandal. „Wenn die Elektroautos kommen, und daran ist nicht zu rütteln, können Firmen verschwinden, wenn sie sich nicht rechtzeitig umstellen.“ Wieso? Ganz einfach. „Wer beispielsweise Kurbelwellen für die Autoindustrie produziert, muss gucken, welches Produkt er stattdessen herstellt.“ Und zwar schon jetzt. Kurbelwellen werden bei einem E-Auto nicht gebraucht. Ein neues Produkt zu entwickeln aber könne Jahre dauern.
Horst-Werner Maier-Hunke spricht von Qualifizierungen und von Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit. „Wir hatten ein Projekt, jungen Leuten ohne Hauptschulabschluss eine Ausbildung zu ermöglichen. Die Ausbildungszeit wurde dabei um ein Jahr verlängert.“ Nur: „Wir mussten einige von den Teilnehmern morgens aus dem Bett holen.“
Neue, spannende, aufregende Jobs
Allen dunklen Schatten zum Trotz: Die Lage der heimischen Metall- und Elektroindustrie ist gut. Sogar die Erwartungen, mit denen viele Betriebe ins neue Jahr gestartet sind, sind „gefühlt besser“ als noch im Vorjahr. Damit dies auch für die vielen Arbeiter und Angestellten so bleibe, „müssen wir ein Bewusstsein schaffen, dass das Leben nach der Gesellenprüfung nicht zu Ende ist“, sagt Horst-Werner Maier-Hunke. Denn Berufsbilder verändern sich. „Innovation sichert das Überleben“, ergänzt er. „Nur durch Qualifizierung wird es den Belegschaften gelingen, auch weiter in neuen, spannenden, aufregenden Jobs zu arbeiten.“