„Integration ist kein Spaziergang“

Hagen. (as) „Ich wünsche mir, dass die Menschen, die zu uns nach Deutschland kommen, weiter willkommen sind und integriert werden“, sagt Heike Spielmann. Gleichzeitig warnt sie: „Das wird kein Spaziergang.“ Heike Spielmann ist diplomierte Sozialarbeiterin. Viel hat sie als Leiterin von Integrationsagentur und Zuwanderungsberatung der Diakonie Mark-Ruhr bereits gehört und gesehen. Viel Leid, traumatisierte Menschen, erschreckende Lebensgeschichten. Aber auch Freude, Hoffnung und den Wunsch, anzukommen und akzeptiert zu werden in der neuen Heimat. Deshalb weiß Heike Spielmann: „Wir müssen uns auch selbst verändern. Es ist nicht klug, das nur von den Menschen zu verlangen, die zu uns kommen.“ Sie ist der festen Überzeugung: „So werden wir alle voneinander lernen können.“

Heike Spielmann ist Leiterin von Integrationsagentur und Zuwanderungsberatung der Diakonie Mark-Ruhr. (Foto: A. Schneider)
Heike Spielmann ist Leiterin von Integrationsagentur und Zuwanderungsberatung der Diakonie Mark-Ruhr. (Foto: A. Schneider)

Mehr als 40 Jahre schon leistet die Diakonie Migrationsberatung, mehr als 25 Jahre zusätzlich Flüchtlingsberatung. Heike Spielmann und ihr Team betreuen und beraten die Asylbewerber, die in den kommunalen Unterkünften beispielsweise in der Posener Straße oder der Seilerstraße untergebracht sind. Etwa 850 Menschen warten dort und an anderen Orten in Hagen auf ihre erste Anhörung, auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag, auf die Chance, einen Deutschkurs zu besuchen, auf ihre Papiere – auf eine Zukunft.

Mit den gut 1.000 Menschen, die in den Not-Erstaufnahmeunterkünften des Landes, also in Delstern in der Firma Könemann, in der Spielbrinkschule in Haspe oder in der Hohenlimburger Regenbogenschule untergekommen sind, haben die Berater der Diakonie nichts zu tun. Eigentlich. Doch: „Es kommen inzwischen einige aus diesen Unterkünften“, sagt Heike Spielmann. Eine Zwickmühle für das Team der Diakonie. „In den Notunterkünften dürfen wir nicht beraten“, sagt Heike Spielmann. Allerdings: Wer mag Menschen in all ihrer Not und Verzweiflung schon wegschicken?

Vom Glück, Farsi zu sprechen

Das Team der Diakonie berät in den eigenen Räumen in der Bergstraße 121. Doch es leistet auch so genannte aufsuchende Hilfe in den Unterkünften. Kinder, Alleinstehende, ganze Familien werden betreut. „Wir sind froh, dass eine Kollegin in der Familienbetreuung Farsi spricht“, sagt Heike Spielmann. Damit kann sie vielen Asylbewerbern aus dem Iran und aus Afghanistan ohne „Umwege“ helfen.

Doch in den meisten Fällen sind die Berater auf Dolmetscher angewiesen. Manchmal werden Kinder, die schon einigermaßen firm sind in der deutschen Sprache, für Übersetzungsdienste zu Rate gezogen. Heike Spielmann hält nicht viel davon: „13- oder 16-jährige Mädchen und Jungen sind, selbst wenn sie gut deutsch sprechen, nicht in der Lage, ihren Eltern die Tragweite rechtlicher Sachverhalte zu erklären“, sagt sie. „Diese Kinder sind mit dieser Aufgabe überfordert. Das kann fatale Folgen haben.“

Zwei Jahre Warten auf Anhörung

Fatal sind aber auch andere Schicksale. Das zermürbende Warten auf die erste offizielle Anhörung beispielsweise. „Wir haben in Hagen Menschen aus Afghanistan, die warten seit zwei Jahren auf ihr erstes Gespräch“, sagt sie. Dabei hat genau dieses erste Gespräch eine immense Bedeutung für den Asylantrag: „Die Interviewer müssen die Fluchtgründe genau rekonstruieren. Was ist wann und wo geschehen?“, sagt Heike Spielmann. Aber: Wer erinnert sich nach zwei Jahren schon an jedes Wort, jede Tat, jede Handlung? Wer kann all das mit exakten Daten in Verbindung bringen? „Wir raten den Menschen, alles aufzuschreiben, woran sie sich erinnern – so genau wie möglich“, sagt die Sozialarbeiterin.

Lange Wartezeiten waren schon zuvor gang und gäbe. Der Zustrom an Flüchtlingen bringt das Bundesamt für Migration an die Belastungsgrenzen. In dieser Ausnahmesituation gibt es nun beschleunigte Verfahren für Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea. Das macht es nicht für alle einfacher. Durch die Änderung im Verwaltungsablauf können sich Wartezeiten für andere Menschen, die keinen Anspruch auf ein beschleunigtes Verfahren haben, weiter verlängern. Heike Spielmann: „Warten aktiviert noch einmal Ängste.“

Angst vor den Übersetzern

Das lange Warten zehrt an den Kräften und an den Nerven. Doch gerade die liegen bei den Menschen, die eine Odyssee des Schreckens und der Entbehrungen hinter sich gebracht haben, ohnehin blank. Hinzu kommen Kriegstraumata – Bilder von Fassbombeneinschlägen, von brennenden Menschen, Angreifer, die mit Macheten auf ihre Opfer einhacken. „Wir bieten Therapien für Asylbewerber und Flüchtlinge an“, sagt Heike Spielmann. Hier müssen die Therapeuten viel Fingerspitzengefühl bei der Wahl der Übersetzer beweisen. „Die Flüchtlinge sind misstrauisch“, sagt sie. „Sie haben Angst, dass Dolmetscher Kontakte zu Tätern unterhalten können, dass sie vielleicht selbst ehedem Täter waren.“

Heike Spielmann weiß, dass viele Anstrengungen darauf verwendet werden, Kindern einen guten Start in ihrer neuen Heimat zu ermöglichen. „Kinder“, so sagt sie, „fallen aber recht schnell auf, wenn etwas schief läuft.“ Anders sieht es bei älteren Menschen aus. Sie haben Angst, vor die Tür zu gehen, sprechen die Sprache nicht, fallen durchs Raster. Die Leiterin der Integrationsagentur fordert, die Nöte von Senioren ebenso ernst zu nehmen wie die der Jugend.

Geld sinnvoll vor Ort anlegen

„Der zentrale Punkt: Spracherwerb“, sagt Heike Spielmann. Doch sie weiß: „Wir kommen in Deutschland nicht hinterher mit der Einrichtung von Sprachkursen.“ Dabei sei auch hier schnelles Handeln wichtig: „Bei den türkischen Gastarbeitern haben wir zwei Generationen verpennt, bevor wir ernsthaft über Maßnahmen zur Integration nachgedacht haben“, sagt sie. „Bei den Flüchtlingen haben wir die Chance, gleich in der ersten Generation anzusetzen.“ Damit eine Integration gelingt, ist Geld nötig. Geld, das sinnvoll vor Ort angelegt wird. Heike Spielmann hofft, „dass ein Teil der Flüchtlingsmilliarden bei uns landet.“ Damit Willkommenskultur und Integrationsarbeit in Hagen auch weiter Hand in Hand gehen können.