Integriert und erfolgreich

Herdecke. (mas) Alle reden von Integration – so auch aktuell die Bundesregierung. Dabei muss man gar nicht lange suchen, will man gelungene Beispiele finden. Etwa in Herdecke – wo die Familie Aynur daheim ist.

Ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration: Hava Aynur mit ihrem jüngsten Enkel Ozan, dessen Mutter Yadiker (r.), ihrem Sohn Coskun und dessen Ehefrau Nunye. (Foto: Margrit Sollbach-Papeler)

Als die heute 52-jährige Hava (auf Deutsch: Eva) Aynur ihrem Ehemann Hicabi 1973 mit vier ihrer fünf Kinder aus dem Nordosten der Türkei nahe der Schwarzmeerküste nach Herdecke folgte, ahnte sie nicht im Geringsten, was einmal auf sie zukommen würde. Ihr Ehemann war zu der Zeit schon zwei Jahre in der Ruhrstadt und hatte Arbeit im Tiefbau gefunden. Die älteste Tochter, damals neun Jahre alt, blieb zunächst noch für ein Jahr bei ihrer Großmutter in der Türkei.

In Herdecke wurden dann noch zwei weitere Töchter geboren. Doch als die Mutter mit ihrer Tochter Yadiker schwanger war, verstarb 1981 plötzlich ihr Ehemann. Damit fehlte auf einen Schlag der Ernährer der Familie. Hava Aynur saß mit ihren fünf bzw. kurz danach sechs Töchtern und einem Sohn alleine da. Dabei war die Älteste gerade einmal 17 Jahre alt. Doch ließen sich Hava Aynur und ihre Kinder nicht unterkriegen. Der Haushalt wurde vollkommen neu organisiert und die ältesten Töchter übernahmen Mutterstelle an ihren jüngeren Geschwistern.

Keine Sozialhilfe!

Zu den neuen Pflichten, vor allem der zweitältesten Tochter Tülin, gehörte jetzt auch der Besuch der Elternsprechtage und der Klassenkonferenzen für ihre jüngeren Geschwister. Mutter Aynur ging nämlich arbeiten, um das nötige Geld für den Unterhalt der Familie herbeizuschaffen. Auf Sozialhilfe wollten sie keinesfalls angewiesen sein. In einer Reihe von Herdecker Haushalten putzte sie jahrelang zu deren vollen Zufriedenheit. Um den Schulbesuch bzw. das Studium zu finanzieren, nahmen die Töchter auch selbst Putzstellen an.

Als die älteste Tochter heiratete, wurde deren Ehemann in die Familiengemeinschaft auch als aktives und unterstützendes Mitglied aufgenommen. Aber auch von Herdecker Bürgerinnen und Bürger erhielt die Familie ganz selbstverständlich Hilfe und Unterstützung, wie Hava Aynur dankbar erwähnt.

Bildungschancen genutzt

Mutter Hava legte großen Wert auf die Schulbildung ihrer Kinder – und das trotz der geringen finanziellen Mittel. So haben 6 der 7 Geschwister studiert, z.B. angewandte Sozialwissenschaft, Wirtschafts- und Betriebswirtschaft, oder sie haben zumindest eine gute Berufsausbildung. Mittlerweile sind alle Kinder von Hava Aynur verheiratet. Zwei wohnen heute wieder in Herdecke, die übrigen haben ihr neues Zuhause in Memmingen, Bochum, Hagen oder Mülheim gefunden.

Mutter Aynur wohnt in einem Appartement in der Nähe ihres einzigen Sohnes Coskun in Herdecke. Die Ehepartner ihrer Kinder sind alle türkischer Abstammung und die Meisten von ihnen lebten vor ihrer Heirat bereits längere Zeit in Deutschland. Nur Coskuns Ehefrau Nunye wuchs in der Türkei auf. Als die Beiden vor acht Jahren heirateten und Nunye nach Herdecke kam, nahm sie auf Anraten ihres Ehemanns sofort an einem neunmonatigen Deutsch-Crash-Kursus an der Ruhruniversität in Bochum teil.

Hava Aynur ist natürlich stolz auf ihre erfolgreichen Kinder und mittlerweile sieben Enkel und einem Urenkel. Der jüngste Enkel Ozan wurde im Dezember letzten Jahres geboren.

Mutter zuerst entsetzt

Vor ein paar Jahren war sie jedoch über ihren Sohn Coskun entsetzt. Als dieser ihr vor einigen Jahren eröffnete, dass er das denkmalgeschützte Haus Hauptstraße 1 in Herdecke gekauft hatte, habe sie vor Fassungslosigkeit geweint, erzählt sie. Sie vermochte sich nicht vorzustellen, dass aus dem damals arg heruntergekommenen Fachwerkbau etwas werden könnte. Ihrer Meinung nach war das Geld zum Fenster hinausgeworfen, denn sie war es gewohnt, jeden Pfennig bzw. Cent mindestens dreimal umzudrehen, um ja nichts Unnötiges zu kaufen!

Doch mittlerweile freut sie sich, was für ein Schmuckstück ihr Junge aus diesem Haus gemacht hat, natürlich auch unter aktiver Mithilfe der übrigen Familienmitglieder. Mittlerweile betreibt Nunye Aynur dort sogar erfolgreich ein Café.

Trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme lässt sich Hava auch heute nicht unterkriegen. Ihre Deutschkenntnisse lassen zwar etwas zu wünschen übrig, da sie zum Deutsch lernen einfach keine Zeit hatte. Dafür sind aber alle ihre Kinder und deren Familien perfekt zweisprachig und voll und ganz integriert. Auch darauf kann Hava Aynur zurecht stolz sein.