Irrer Guckkasten

Nach Evis Operation durfte sie sich mit ihrem ebenfalls kurbedürftigen Ehemann drei Wochen im Allgäu hegen und pflegen lassen. Schon um acht Uhr abends fielen sie täglich in den Tiefschlaf, denn sie hatten seit dem Frühstück jeweils sechs verschiedene Anwendungen abgeleistet. Wassergymnastik, Walking, Ernährungsberatung, Geräteturnen in der „Mucki-Bude“, kreativer Tanz, autogenes Training… – die Wohltaten wollten gar kein Ende nehmen. Dazu gab es Schonkost in übersichtlichen Portionen, null-komma-null Süßigkeiten und keinen Tropfen Alkohol.
 „Übrigens haben wir auch die ganze Zeit über kein Fernsehen geguckt“, berichtet die fit-gemachte Evi wieder daheim stolz ihrer Tochter. „Und als wir gestern hier mal wieder vor der Flimmerkiste saßen, haben wir das gar nicht ausgehalten. Schrecklich war das. Das Fernsehen hat sich ja in der kurzen Zeit so verändert. Das kann man kaum noch ertragen.“ Ach? Verwundert fragt die Tochter nach. Evi fährt fort: „Wir haben den Film schnell wieder ausgeschaltet. Das war ja mehr wie ein Hörspiel. Da kriegte man immer zusätzlich alles beschrieben, was man doch sowieso sieht: ‚Der Mann und die Frau stehen auf der Terrasse am See. Er schüttelt sie an der Schulter. Die Frau weint. Jetzt geht der Mann allein zum See hinunter. Die Frau läuft ins Haus.‘ – Und so weiter und so weiter. Da wird man irre dabei. Da wird man ja behandelt, als könnte man nichts sehen, als wäre man blind.“ – Jetzt dämmert es der Tochter. Sie nimmt die Fernbedienung des elterlichen Guckkastens, schaltet das Gerät ein und sucht sich die Menü-Ebene, auf der man den besonderen Ton-Service für Zuschauer mit Sehbeeinträchtigungen wieder abschalten kann. „Bitte sehr“, schmunzelt sie. „Jetzt ist euer Fernsehen wieder so wie früher.“ Manche Kuren sind vielleicht gut für den Körper, aber…
Schönen Sonntag.