Kältetod verhindert

Mutter Ivonne Friedrich, hier mit den Zwillingen Leonie Ashley und Charlin Sharon, ist überglücklich, dass ihr Sohn Steven (l.) und Tochter Hannah (r.) den Einbruch ins Eis überlebt haben. Zusammen mit ihrem Ehemann Paul Udo möchte sie sich beim Retter ganz herzlich bedanken. Der kleine Logan wollte auch aufs Foto. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Ein Teil dieser Geschichte war unlängst schon im wochenkurier zu lesen. Jetzt haben sich die beinahe erfrorenen Kinder beim wk gemeldet – um selbst ihre Geschichte zu erzählen und sich bei ihrem Retter zu bedanken:

Ein kleiner zugefrorener Teich nahe der Verbandstraße im Lennetal wurde am 17. Dezember des letzten Jahres vier Kindern fast zum Verhängnis: Steven (14), Chantal (9) und Hannah (6) Friedrichs waren am Nachmittag zusammen mit der 13-jährigen Nachbarstochter Jacqueline zum Spielen aufgebrochen. Sie durchstöberten Wald und Feld und landeten schließlich an einem kleinen zugefrorenen Teich in der Nachbarschaft der Gaststätte Gosmann.

Noch während der 14-jährige große Bruder die Mädchen vor dem Betreten des Eises warnt, schlittern die schon längst darauf herum und schlagen die Warnungen des Bruders in den Wind. Als das Eis tatsächlich hält, wagt sich auch Steven zum Schlindern auf die gefrorene Wasseroberfläche. Es dauert eine ganze Weile, dann bricht das Eis und Jacqueline und Hannah sind bis zum Hals im Wasser verschwunden. Auch Chantal ist nass geworden, kann aber allein ans Ufer klettern. Mit aller Kraft versucht Steven seine Schwester Hannah aus dem Wasser zu ziehen. Doch an ihr klebt noch Jacqueline, was die Sache sehr erschwert. Schließlich gelingt es dem 14-Jährigen beide Mädchen ans Ufer zu zerren. Er selbst ist nun auch nass bis auf die Haut und das Thermometer geht unter null Grad. Die Kinder sind verzweifelt und rufen um Hilfe, doch es hört sie niemand.

Verzweifelt

Die neunjährige Chantal schleppt sich schließlich bis zur Verbandstraße und versucht dort ein Auto anzuhalten. Doch keiner der Vorbeifahrenden kümmert sich um das verzweifelt winkende Mädchen. „Sie hat dort mindestens eine halbe Stunde gestanden, bis dann endlich der nette Lkw-Fahrer stoppte“, berichtet Steven, immer noch beeindruckt von dem schlimmen Erlebnis.

Der nette Lkw-Fahrer war der 48-jährige Andreas Thüning, der gegen 16.30 Uhr auf dem Heimweh zur Spedition Hülsbusch war. „Er hielt an und fragte dann, was los sei“, weiß Chantal, die ihm aufgeregt von den drei anderen Kindern am Teich erzählte. Weil ihre Kleidung nass und mittlerweile auch gefroren war, schafften sie es nicht, den Zaun zu überklettern.

Minus sechs Grad

Andreas Thüning erkennt den Ernst der Lage, schließlich ist es zu diesem Zeitpunkt fast dunkel und das Thermometer zeigt minus sechs Grad!

Der Lkw-Fahrer folgt dem Mädchen durch ein Gebüsch, das den Teich von der Straße trennt. Direkt um das kleine Gewässer verläuft ein Zaun, hinter dem drei Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren stehen. Das größte Problem in diesem Moment ist, dass die offensichtlich Unterkühlten es nicht von allein schaffen, den Zaun zu überwinden. Sie berichten ihrem Retter, dass sie schon seit „Ewigkeiten“ so ausharren.

Super nett

Lkw-Fahrer Andreas Thüning rettete vier Kinder vor dem Kältetod. Deshalb kürte man ihn zum Held der Straße. (Foto: AvD)

Andreas Thüning hebt alle drei nacheinander über den Zaun und trägt sie in das Führerhaus seines Lkw. Er schaltet die Standheizung ein und hilft ihnen aus ihren bereits am Körper angefrorenen Klamotten heraus. „Er hat uns mit Handtüchern, Socken und Fleisch versorgt,“ erinnert sich Steven, „der war super nett. Er hat sogar unsere Füße auf Erfrierungen abgesucht, aber zum Glück keine gefunden.“

Weil die 13-jährige Nachbarstochter Jacqueline ihre Telefonnummer parat hat, kann Andreas Thüning sofort die Eltern verständigen. Jacquelines Mutter rauscht rasch mit dem Auto heran und sammelt alle Kinder ein. In der ganzen Aufregung vergisst sie natürlich sich zu bedanken und den Namen des netten Retters zu erfragen.

Nichts mitbekommen

Schnell karrt sie Steven, Chantal und Hannah nach Hause, deren Mutter, Ivonne Friedrich, von dem Vorfall bislang nichts mitbekommen hat. Schließlich hat sie noch fünf andere Kinder, um die sie sich kümmern muss. Vater Paul Udo Friedrich weilt zur Unfallzeit gerade mit einem Zwilling im Krankenhaus und erfährt erst viel später von der Fast-Tragödie.

Steven ist sich sicher, dass seine Lippen die blausten waren, als er die wärmende Badewanne bestieg, die er am liebsten nie mehr verlassen hätte.

Die Suche nach dem Lkw-Fahrer blieb lange Zeit ergebnislos, bis im wochenkurier der Artikel vom „Held der Straße“ erschien. Da wussten plötzlich alle, wer ihr rettender Engel war.

Auf diesem Wege möchten die Eltern der verunglückten Kinder endlich ihren Dank aussprechen. Denn sie wissen, dass die Aufmerksamkeit des Truckers wahrscheinlich ein schlimmeres Unglück verhindert und die Kinder vermutlich vor dem Kältetod gerettet hat. Gepaart mit seiner vorbildlichen Hilfeleistung macht dies den Kraftfahrer zu einem besonderen „Held der Straße“. Als Anerkennung für seinen Einsatz haben Goodyear und der Automobilclub von Deutschland (AvD) Andreas Thüning denn auch zum „Held der Straße“ des Monats Februar gekürt.