Kampf um Brücke

Hagen. (ME) Im Verlauf des Siebenjährigen Krieges (von 1756 bis 1763) kam es auch in unserer Region zu Gefechten – so vor genau 250 Jahren an der Ruhr. Es ging hierbei um die Westhofener Brücke, die für den französischen Nachschub von großer Bedeutung war. Der preußische Major von Scheither sollte sie Anfang Juli mit seinem Korps im Handstreich nehmen. Der wk berichtet über die seinerzeitigen Kriegshandlungen in einer kleinen Serie, die ursächlich aus der Feder des Holthauser Heimatforschers Detlef Klimke stammt:

Uns liegt ein Plan des Gefechts vor, der aus einer Reihe zeitgenössischer Darstellungen von Gefechten des Siebenjährigen Krieges stammt: „Des neuen Kriegs Theaters 27. Supplement. Plan der Action, welche d. 3. Jul 1761 zwischen einem Königl. Französischen und Alliirten Hannöverischen Corps bey Westhofen in der Grafschaft Marck vorgefallen.“ Der Plan stellt die topografischen Gegebenheiten detailreich dar und zeigt ebenso ausführlich die Aufstellungen und Bewegungen der an dem Gefecht beteiligten Einheiten, jeweils bezeichnet mit Buchstaben von „a“ bis „h“. In einer Legende werden die Ereignisse vom Beginn bis zum Ende des Gefechts mit Namen der Regimenter und der Befehlshaber zusätzlich zur bildlichen Darstellung erläutert.

Wie viele Franzosen?

Die achtzehn Bataillone Infanterie und acht Schwadronen Kavallerie der Franzosen, die die Ruhr von Menden bis an den Rhein zu schützen hatten, befehligte der Prinz von Croy. Er war vermutlich auch der Befehlshaber der französischen Einheiten an der Westhofener Brücke und hatte zu ihrem Schutz zwei Infanterie- und drei Kavalleriepiketts abgestellt. Ein Piquet oder Pikett ist „eine Truppenabteilung, die im Felde zur Unterstützung einzelner Feldwachen aufgestellt wurde“. Ein Pikett hatte keine Sollstärke, sondern wurde in seiner Größe und Zusammensetzung den jeweiligen Erfordernissen angepasst. In unserem Fall erfahren wir, dass das Regiment Vierset zwei Bataillone hatte und dass zwei Piketts dieses Regiments in unmittelbarer Nähe der Schanzen auf dem Nordufer standen.

Es liegt also nahe, in diesem besonderen Fall die Stärke eines Piketts mit dem eines Bataillons gleichzusetzen. Unterstellen wir gleiche Mannschaftsstärke, dann bestanden die Infanteriepiketts aus je sechzehn Füsilierkompanien und einer Grenadierkompanie mit einer gesamten Sollstärke von 873 Mann.

Es gab aber noch ein weiteres Bataillon, nämlich das 2. des Regiments Bouillon, das weiter östlich bei „Oell“ jenseits eines kleinen Nebenflusses der Ruhr („Roer“) lag und das später 160 Mann zur Hilfe in Marsch setzte. Ebenfalls östlich, aber nicht so weit entfernt wie Bouillon stand ein Kavalleriepikett. Zwei weitere standen südlich der Brücke. Das sind die Kavalleriepiketts, die von den Regimentern Lusignan und des Salles gebildet wurden. Wenn wir einmal annehmen, dass von den acht an der Ruhr stehenden Schwadronen des Prinzen von Croy gemäß der Bedeutung dieses Ruhrübergangs vielleicht drei oder vier in Westhofen standen, dann kommen wir auf eine Sollstärke von 360 bis 480 Mann.

Keine Einzelheiten

1761: Uniformen und Fahnen der an dem Gefecht an der Westhofener Brücke beteiligten französischen Regimenter Bouillon und Vierzet. (Zeichnung: Klimke)

Leider können wir unserer Quelle, dem „Plan der Action“, nicht annähernd genaue Einzelheiten für das alliierte Scheithersche Korps entnehmen, wie das für die französischen Truppen möglich ist. Weder erfahren wir, wie stark das Korps war – das haben wir aus anderen Quellen -, noch wissen wir, wie Scheither seine 500 Grenadiere und Jäger und 400 Karabiniers aufstellte.

Wir erfahren lediglich, dass die Bedeckung der Brücke, nämlich die beiden Bataillone des Regiments Vierset unter dem Regimentskommandeur Oberst von Vietinghoff von Scheithers Korps angegriffen werden und sich nach einer halben Stunde auf das südliche Ufer zurückziehen. Die Scheitherschen Truppen setzen nach und bilden einen Brückenkopf. Die Franzosen verlegen jetzt das dritte Kavalleriepikett, das weiter östlich gestanden hat, nach Südwesten, um die beiden anderen Kavalleriepiketts zu verstärken. Die französische Kavallerie attackiert daraufhin die Scheitherschen Truppen und drängt sie zurück („repoussiret“ sie). Aber erst als 160 Mann vom Infanterieregiment Bouillon nach einem beschwerlichen Marsch durch die „Moräste“ auftauchen und Scheither angreifen, gibt dieser den Kampf auf und zieht sich „in Unordnung“ über die intakte Brücke auf die Höhen nördlich der Ruhr zurück.

„Lebhaftes Gefecht“

Es gibt noch eine weitere Schilderung (von Tempelhoff): „Der Major Scheither ließ die Brücke bei Westhofen durch seine Infanterie angreifen, und setzte mit der Reiterei muthig durch die Ruhr, um dem Feinde in den Rücken zu kommen. Es entstand ein lebhaftes Gefecht, das mit abwechselndem Glücke geführt wurde. Anfänglich ward der Feind mit großem Verluste geworfen; frisch ankommende Truppen erneuerten aber wieder das Gefecht, und trieben die Scheitherschen Völker zurück; wurden wieder zurückgeschlagen, und durch neue Verstärkungen aus dem Feuer genommen, das sodann wieder mit desto größerer Lebhaftigkeit anfing. Endlich gab der Major Scheither den Versuch auf, und ging mit einem unbeträchtlichen Verluste zurück.“

Brückenkopf

Wenn wir die beiden Darstellungen quasi übereinanderlegen, sehen wir, wo sie sich in gewissen Punkten decken. Zuerst greifen Scheithers Truppen die Bedeckung der Brücke an, treiben die beiden Infanteriebataillone zurück und bilden einen Brückenkopf. Nach wechselvollem Kampf erhalten die Franzosen Verstärkung, was der Verlegung des nordöstlich stehenden Kavalleriepiketts nach Südwesten entsprechen könnte. Trotz dieser Verstärkung werden die Franzosen zurückgedrängt, um dann nochmals Verstärkung zu erhalten, möglicherweise von den 160 Mann aus dem zweiten Bataillon des Regiments Bouillon, die sich mühsam durch den Morast vorkämpfen müssen.

Der entscheidende Unterschied in den Darstellungen liegt aber darin, dass bei Tempelhoff Scheither nicht alle seine Truppen gegen die Brücke anrennen lässt, wo sich die Kavallerie in der Enge des Raums gar nicht hätte entfalten können. Sondern Scheither teilt seine Truppen, lässt die Bedeckung der Brücke von der Infanterie angreifen und geht mit der Kavallerie durch den Fluss, um auch von einer zweiten Seite angreifen zu können. Das liegt nicht nur nahe, sondern entspricht auch Scheithers Können und seiner Erfahrung.

16 Gefallene

Scheither selbst schreibt in seinem Bericht, dass von seinen Leuten sechzehn Mann gefallen und dreizehn verwundet worden seien; 17 Pferde seien verloren gegangen. Das hört sich nicht nach ungeordnetem, fluchtartigem Rückzug an. Scheithers frühere Unternehmungen waren dadurch gekennzeichnet, dass sie ohne oder nur mit geringen eigenen Verlusten endeten, was Tempelhoff auch hier bestätigt. Ein ungeordneter Rückzug hätte die Franzosen zum Nachsetzen und Verfolgen ermutigt und wäre nicht so glimpflich ausgegangen.

Lesen Sie auch:

Teil 1 – “Das Gefecht an der Ruhr-Brücke – Vor 250 Jahren im Siebenjährigen Krieg”

Teil 2 – “Juli 1761, der Krieg an der Ruhr – Westhofener Brücke von strategischer Bedeutung”

(wird fortgesetzt)