Kampfmittelbeseitigungsdienst: „Eine letzte Bombe gibt es nicht“

Dr. Henner Sandhäger, Dezernent beim Kampfmittelbeseitigungsdienst für Westfalen-Lippe in Hagen, vor einem recht seltenen Fund. Aus dieser Bombe baute sich im Zweiten Weltkrieg jemand einen funktionstüchtigen Ofen. (Foto: Anna Linne)

Am heutigen Donnerstag, 19. Januar 2017, muss in Hagen an der Baustelle zur Bahnhofshinterfahrung eine Fliegerbombe entschärft werden. Bereits im Jahr 2011 beschäftigte sich unsere Redakteurin Anna Linne mit der wichtigen Arbeit des Kampfmittelräumdienstes, der natürlich auch heute wieder zum Einsatz kommt. Hier ihr Artikel:
Hagen. (anna) Der weiße Punkt auf dem alten Foto ist winzig. Nur mit einer Lupe erkennt das geschulte Auge hier einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst aus Hagen schätzt, dass jede zehnte damals abgeworfene Bombe nicht explodiert ist. Auch Dr. Henner Sandhäger, der zuständige Dezernent, weiß, dass seiner Behörde die Arbeit nie ausgehen wird. „Es wird nie eine letzte Bombe geben, die gefunden wird“, ist sich der 44-jährige Geophysiker sicher.
Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden beinahe täglich bei Erdarbeiten Kampfmittel aller Art gefunden. Die Beseitigung dieser oft noch recht explosiven Funde ist Aufgabe der städtischen Ordnungsbehörde. Bei der Entfernung bedient sich das Ordnungsamt allerdings der technischen Unterstützung des Staatlichen Kampfmittelbeseitigungsdienstes, der seinen Sitz in Hagen-Bathey, In der Krone 31, hat. Zuständig ist diese 40 Mitarbeiter starke Behörde der Bezirksregierung Arnsberg mit seinen Außenstellen in Münster und Detmold für den gesamten Bereich Westfalen-Lippe. Sie ist die größte Dienststelle dieser Art in NRW. Alle Bombenfunde zwischen Siegen und Minden, zwischen Bocholt und Höxter werden in Hagen bearbeitet. Der einzige Munitionszerlegungsbetrieb für diesen Bereich befindet sich im ostwestfälischen Ort Ringelstein nahe Büren. Dorthin werden alle Funde verbracht und vernichtet. Für den rheinischen Kampfmittelbeseitigungsdienst in Düsseldorf gibt es noch einen Zerlegungsbetrieb in Hünxe.
Arbeit ohne Ende
Rund 300 Anträge im Monat gilt es zu bearbeiten. Denn immer, wenn tiefer als 80 Zentimeter ins Erdreich eingegriffen wird, muss die Baustelle auf mögliche Kriegslasten untersucht werden. Dazu zählen Bomben, Granaten, Munition und Munitionsteile, aber auch Waffen und Waffenteile, die durch die Wehrmacht oder die ehemaligen Alliierten im Zuge der Kampfhandlungen hinterlassen wurden. Es kann sich dabei gleichermaßen um sogenannte „Blindgänger“ wie um ungebrauchte Kampfmittel handeln.
Baugrundstücke müssen frei von Kampfmitteln sein. Dies ist vor allem von Bedeutung bei Bauvorhaben auf Grundstücken, die in Bombenabwurfgebieten oder in ehemaligen Hauptkampfgebieten des Zweiten Weltkriegs liegen und bei denen nicht unerhebliche Erdeingriffe vorgenommen werden. „Normalerweise liegen die Blindgänger in einer Tiefe von drei bis vier Metern“, weiß Sandhäger, „aber wir mussten auch schon mal eine Bombe bergen, die 22 Meter tief im Boden steckte.“
Luftaufnahmen
Die Briten und Amerikaner haben ihre Bombenangriffe mit einer Kamera am Flugzeugrumpf umfangreich dokumentiert. Rund 300.000 dieser Aufnahmen von NRW erleichtern Dr. Henner Sandhäger und seinem Kollegen Ubbo Mansholt die Suche nach der explosiven Kriegslast, die sich vorwiegend in den Ballungsräumen des Ruhrgebietes, an Bahnhöfen und auf Industrieflächen findet. Aber auch auf Äckern und in Wäldern entdeckt man versprengte Kampfstoffe. „Die meisten Aufnahmen wurden uns von den Briten aber erst 1999 zur Verfügung gestellt“, erklärt Sandhäger, „so ist zu erklären, dass sich viele Blindgänger unter Gebäuden oder in unmittelbarer Nähe befinden.“ In Hattingen detonierte zum Beispiel vor Jahren ein Blindgänger, der im Fundament des Hauses verborgen war.
Die Anfragen der Ordnungsbehörde bearbeitend, sitzt Ubbo Mansholt mit der Lupe am Computer, um auf den entsprechenden Luftbildaufnahmen auch den winzigsten Punkt (der eines Blindgängers ist der winzigste) erkennen zu können.
„Als wir das Böhfeld in Kabel für die Erstellung des Evolutionsparks kampfmittelfrei machen mussten, fanden wir unter anderem auch zwei Blindgänger-Bomben direkt nebeneinander“, berichtet Sandhäger. „Bei solchen Funden gehen wir davon aus, dass die Piloten bewusst alle Bomben unentschärft abwarfen, weil ihr Flugzeug gerade abstürzte.“ Und auch das gehört zur Arbeit des Kampfmittelbeseitigungsdienstes: „Die Entsorgung der Munition aus den im Krieg abgestürzten Maschinen. In den Trümmerteilen finden wir immer noch reichlich“, weiß Sandhäger, „manchmal sogar noch die sterblichen Überreste der Piloten.“
Verdachtsmomente
Geht ein Antrag auf Kampfmittelbefreiung beim Kampfmittelbeseitigungsdienst ein, beginnen die Experten mit einer aufwendigen Recherche. Es werden alte Fotos, darunter auch die von den Alliierten, und Aussagen von Zeitzeugen ausgewertet. Dann wird auf dem zu bearbeitenden Gebiet ein geomagnetisches Messverfahren eingesetzt, das bei einem Metallfund typische Signale sendet.
„In einem Viertel aller Fälle ergeben sich konkrete Verdachtsmomente“, erklärt Sandhäger, „dabei gibt es auch viele Störfelder, also andere Metalle, die im Boden vergraben sind. Manchmal ist die Bombe auch schon detoniert oder bereits beseitigt worden.“ Das Ergebnis der Messung wird archiviert und der Auftraggeber erhält eine Handlungsempfehlung. „Selten sitzen wir bei unserer Recherche einer Fehlinterpretation auf“, freut sich Sandhäger.
Blindgänger
Muss ein Blindgänger freigelegt und entschärft werden, tritt der Truppführer, auch Feuerwerker, genannt, auf den Plan. Diese Leute bestimmen den Sicherheitsabstand, den Polizei und Feuerwehr sperren und Menschen verlassen müssen. „Die Truppführer legen dann mit viel Respekt vor den alten Sprengkörpern fest, auf welche Art sie die Bombe entschärfen. Wenn ein Transport in den Munitionszerlegebetrieb in Büren-Ringelstein zu gefährlich erscheint, wird die Bombe vor Ort gesprengt. Denn ein Irrtum im Umgang mit Kampfmitteln kann tödlich sein.“ Das bestätigte sich zuletzt 2008, als ein Mitarbeiter nach einer Granatenexplosion im rheinischen Zerlegebetrieb in Hünxe zu Tode kam.
Das Bergen eines Blindgängers kann einen Tag, aber auch Wochen dauern, je nachdem wie zugänglich und tief der Fundort ist. Manchmal muss sogar der Grundwasserspiegel abgesenkt werden, um an das Geschoss heranzukommen. „Oder der Blindgänger liegt unter einem nach dem Krieg angefertigten Kanal“, beschreibt der Experte ein weiteres Problem, „diese Bergung wird dann sehr aufwendig.“
Auch im Ruheforst
Oft bedient sich der Kampfmittelbeseitigungsdienst auch einiger Vertragsfirmen, die Messwertaufnahmen und die Freilegung der Fundstelle durchführen. Die Kosten für notwendige Vor- und Nacharbeiten werden nicht vom Land getragen, dafür müssen Bauträger oder Kommunen aufkommen. Das mag auch der Grund sein, warum viele Städte ihre Blindgänger lieber ignorieren, das ist billiger. Sie nehmen den Kampfmittelbeseitigungsdienst erst in Anspruch, wenn ein Grundstück bebaut oder umgenutzt werden soll, wie zum Beispiel der Ruheforst an der Phillipshöhe, der vom Kampfmittelbeseitigungsdienst erfolgreich „durchpflügt“ wurde. Im dem Waldstück zeugen bis heute viele Trichter von Bombeneinschlägen.
Auch kurz vor dem Bau des Westfalenbades rückten die „Kampfmittel-Spürhunde“ an und entdeckten auf der Liegewiese des alten Ischeland-Freibades eine 50-Kilogramm-Bombe.
„Unser Ziel ist die Vorbeugung“, ergänzt Henner Sandhäger, „deshalb würden wir Städte gerne komplett von den Kriegslasten ’befreien’, aber diese flächendeckende Auswertung ist oft wohl nicht gewünscht. Nur in Herne denkt man da anders“, schmunzelt Sandhäger. „Die Ruhrgebietsstadt ist luftbildmäßig komplett ausgewertet.“
32 Tonnen Explosivstoff
Insgesamt 18.938 Kampfmittel aller Art mit einem Gewicht von 105 Tonnen und fast 32 Tonnen Explosivstoff räumten die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes im Jahr 2009 weg. Darunter befanden sich 993 Bomben, 10.946 Granaten, 54 Minen sowie 7000 Handgranaten und andere Sprengmittel. Die meisten Bomben sind zwischen 50 und 500 Kilogramm schwer. Etwa 13,4 Millionen Euro zahlte das Land für deren Beseitigung.
Und ein Ende ist nicht in Sicht. „Die Arbeit wird eher mehr“, weiß Dezernent Sandhäger, „durch immer neue Bauvorhaben werden auch immer neue Bombenfunde und andere Altlasten entdeckt. Die hohe Zahl allein der Blindgänger zeigt einmal mehr die verheerende Vernichtung durch den Krieg.“