Kein Herz für Kinder?

Hagen. (ME, 12.05.10) Es sollte der große Wurf werden, aber es scheint sich eher als der große Flop zu entpuppen. Die Rede ist vom neuen Westfalenbad. Noch nie in den letzten 25 Jahren wurde in Hagen etwas gebaut, was nach der Einweihung so viele Leserbeschwerden hervorrief wie das vorletzte Woche eröffnete Spaß- und Sportbad am Ischeland. In der wk-Redaktion gab es tagelang kaum ein anderes Thema. Die Architekten – ein Büro aus Velbert – zählen sich zwar selbst auf ihrer Internet-Seite zu den erfahrensten Bäder-Planern im Lande, aber in Hagen haben sie bislang nur eine riesengroße Enttäuschung produziert.

Mit diesem Bad wollen die Verantwortlichen alljährlich über 400.000 Gäste verzeichnen?“ grantelte eine Besucherin gegenüber dem wochenkurier. Lachhaft! Das erreichen die niemals! Allein schon deshalb nicht, weil sie hemmungslos dabei sind, die Vereine zu vergraulen.“ Wahrscheinlich, so vermutet sie, will man nur zahlungskräftigere Kunden ins Spaßbad locken“.

Auch wk-Mitarbeiterin A. war vor ein paar Tagen im Bad – weil ihre Tochter Lina zur Schwimmstunde musste. Die Mitarbeiterin hatte deshalb ausgiebig Zeit, sich umzugucken und sich von Schwimmbadbesuchern berichten zu lassen, was sie erlebt haben. Das eindeutige Fazit: Positives habe ich nicht wirklich gehört…“ Besonders in der Kritik stand hierbei der Sportbereich. Das, was die Kollegin beschreibt, deckt sich voll und ganz mit dem, was viele Anrufer und Leserbrief-Schreiber notiert haben:

Saukalt und kaltschnäuzig

Im Sportbadbereich gibt es ganze 12 Duschen. Haken oder Ablagen für die Handtücher sind nicht vorhanden. Also: entweder muss man die Handtücher auf den Boden werfen (erste Flusen sammelten sich bereits auf den Fliesen) oder mit unter die Dusche nehmen oder gleich vor der Tür irgendwo ablegen. Ferner gibt es im Sportbereich nur Sammelumkleiden, die aber sehr beengt sind (O-Ton einer anderen Besucherin: ’Dagegen war das Willi-Weyer ein Luxus-Bad.’) und die nach draußen keinen ausreichenden Sichtschutz bieten, so dass man in seiner Intimsphäre reichlich beeinträchtigt ist. Außerdem sind kaum Schließfächer vorhanden. Das Wasser im 50-Meter-Becken war super-kalt, und wer als normaler Schwimmer zu Vereinszeiten im Bad ist, wird kaum 50 Meter schwimmen können. Bahnen sind dann nämlich quer abgesperrt…

Wartende Gäste (etwa Mütter, die ihre Kinder zur Schwimmstunde gebracht haben) haben kaum die Möglichkeit, sich im Foyer aufzuhalten. Das ist offenbar auch nicht erwünscht. Irgendwelche Annehmlichkeiten (außer einem WC) gibt es hier nicht. Getränkeautomat: Fehlanzeige. Auch die Cafeteria kann man nicht erreichen. Dieses wurde von vielen Gästen bemängelt. Kaltschnäuziger Kommentar einer Angestellten: ’Sie können sich währenddessen ja eine Massage gönnen…’ – Gut, ich brauche keinen Kaffee, aber ich weiß, im Weyer-Bad haben auch Schwimmer oft nach ihrem Besuch noch im Foyer gesessen und ein Tässchen geschlürft.

An Kinder nicht gedacht

Vor allem die Vereine haben es nicht gerade leicht: Vereinsmitglieder müssen durch einen eigenen Seiten-Eingang mit (engem) Drehkreuz ins Sportbad und dürfen auf gar keinen Fall durch den Haupteingang gehen. Das erste Drehkreuz funktionierte bereits letzte Woche nicht mehr! Eltern dürfen ihre Kinder nicht begleiten. Wenn sie kleinere Kinder zur Schwimmstunde bringen (z.B. zu den Seepferdchenkursen) und ihren Sprösslingen noch helfen müssen (die meisten vier- bis sechsjährigen Dötze können sich noch nicht allein duschen oder anziehen), geben sie ihre Kinder am Vereinseingang ab, müssen dann selbst aber durch den Haupteingang gehen (am Wachpersonal vorbei), um auf Umwegen zurück zu den Kleinen zu gelangen. Hier hat wohl jemand geplant, der selbst keine Kinder hat.

Die Gruppen werden aufgerufen und ein Vereinsverantwortlicher muss dann jedes einzelne Mitglied durch das Drehkreuz schleusen. Das funktioniert mit einer einzigen Karte (!), die bei jedem Vereins-/Kursteilnehmer in den entsprechenden Schlitz gesteckt wird. Wenn die Vereinsschwimmer das Bad verlassen wollen, folgt die gleiche Prozedur nur in umgekehrter Reihenfolge. Also muss immer ein Trainer o.ä. am Ein-/Ausgang stehen und Kinder oder Erwachsene einzeln rauslassen. Der Vereinseingang ist übrigens nicht überdacht, man steht im wahrsten Sinne des Wortes im Regen…“

Nachbessern

Der Sprecher der Hagenbad GmbH, Dirk Thorbow, hat mittlerweile versprochen, die Beschwerden schnellstmöglich analysieren zu wollen – um nachbessern zu können. Da fragt sich der unbefangene Betrachter: Wieso kann ein Bad, das 30 Millionen Euro gekostet hat und von angeblich überaus erfahrenen Architekten geplant worden ist, gleich in der ersten Woche derartige Mängel aufweisen? Da scheinen ja die alten Römer ihre Thermen vor 2000 Jahren schon durchdachter gebaut zu haben…