Kein Notdienst unter dieser Nummer?

Nelly hat es geschafft. Sie wird wieder gesund. Vor Freude präsentieren sich Nelly samt Frauchen Sara Bredtmann mit einem Foto im künstlerischem Licht. (Foto: privat)

Hagen/Schwerte. (as) Das Fest der Liebe soll Weihnachten sein, das Fest der Familie und auch der Hilfsbereitschaft. Für Sara Bredtmann waren es Tage der Verzweiflung. Des Kummers und der Angst. Angst um ihre junge Hündin Nelly. „Dass Nelly noch lebt, ist ausschließlich dem Schwerter Tierarzt Dr. Wolf zu verdanken“, sagt Sara Bredtmann. Auch in Hagen hätte man der jungen Hündin bestimmt helfen können. Aber: Die tierärztlichen Praxen waren geschlossen. Ein Notdienst nicht zu erreichen.

Was war geschehen? Dem Pudelmischlings-Mädchen Nelly, gerade einmal sieben Monate alt, ging es nicht gut. Sie war apathisch, fraß kaum – selbst beste Pflege half nicht weiter. Am zweiten Weihnachtsfeiertag eskalierte die Situation. Nelly erbrach Blut, sie hatte blutigen Durchfall. Sie brauchte ärztliche Hilfe – dringend. Sara Bredtmann telefonierte sich durch die tierärztlichen Praxen in Hagen. Vergeblich. Niemand meldete sich. Höchstens mal ein Anrufbeantworter. Kein Notdienst unter dieser Nummer – sozusagen. Denn was soll man mit einer Bandansage anfangen, wenn ein geliebtes Tier in allerhöchster Not ist?

Jetzt wird Nelly wieder aufgepäppelt

Stunden der Telefonrecherche vergingen. Schließlich erfuhr Sara Bredtmann, dass sie sich an die Tierklinik in Haan wenden könnte. Aber: Würde Nelly die Reise bis ins Rheinland überhaupt schaffen? Ein letzter Versuch: eine tierärztliche Praxis in Schwerte. „In der Praxis meldete sich zwar auch nur ein Anrufbeantworter, aber hier wurde eine Mobilnummer genannt, an die man sich wenden konnte.“ Unter der Mobilnummer meldete sich Veterinär Dr. Stefan Wolf. Und dann ging nach stundenlanger Verzweiflung alles ganz schnell. „Kommen Sie in die Praxis“, hieß es. Sara Bredtmann und Nelly kamen. Das Hundemädchen wurde sofort behandelt. Katzenseuche, so lautete die Diagnose. Eine schreckliche Viruserkrankung, gegen die Nelly, das hatte man Sara Bredtmann versichert, angeblich geimpft worden war. Nelly bekam Notfall-Medikamente, einen Tropf. Zwei Tage musste die junge Hündin in der Praxis bleiben. Jetzt ist sie wieder zu Hause bei Sara Bredtmann und wird ganz langsam wieder aufgepäppelt.

„Wir haben es gerade noch geschafft“, sagt Dr. Stefan Wolf. Denn diese Katzenseuche, eine Parvovirus-Erkrankung, die erstmals bei Samtpfoten entdeckt wurde, ist „superaggressiv und extrem lebensbedrohlich“. Ein paar Stunden später und Nelly hätte die Erkrankung nicht überlebt. Dass Sara Bredtmann für ihre junge Hündin Hilfe in der Schwerter Praxis fand, war Glück.

„Einen tierärztlichen Notdienst in den Städten zu gewährleisten, ist leider ein großes Problem“, sagt Dr. Stefan Wolf. Denn anders als bei Humanmedizinern oder Apotheken gibt es keinen gesetzlichen Auftrag, einen tiermedizinischen Notdienst aufrecht zu halten. „Die Tierärzte in jeder Stadt und jedem Kreis versuchen, die Notdienste zu gewährleisten“, sagt der Veterinär. „Aber manchmal ist das einfach nicht möglich.“

Vor allem kleine Praxen stoßen oft an ihre Grenzen. „Ein Arzt oder eine Ärztin leistet erst einmal ihren normalen Dienst in der Praxis und ist anschließend noch für Notfälle erreichbar – das klingt zunächst ganz einfach“, sagt Dr. Wolf. Doch dabei sieht es ganz anders aus: „Es ist gar nicht die körperliche Anstrengung, die uns auslaugt, sondern die emotionale.“ Haustiere sind oft die engsten Begleiter der Menschen, bei denen sie leben. Doch manchmal können auch Tierärzte bei den Notfällen nicht mehr weiterhelfen. „Das belastet“, sagt Dr. Wolf. Er kann nachvollziehen, dass Tierärzte, die eigentlich gerade Notdienst machen wollten, eine kurze Auszeit brauchen und dann eben kurzfristig nicht zu erreichen sind.

Schwierig, Assistenten für Notdienst zu finden

„Es ist schwieriger geworden, jemanden zu finden, der Notdienst macht“, sagt der Tierarzt aus Schwerte. Er weiß, dass in vielen tierärztlichen Praxen Assistenten gesucht werden, auch, um den Notdienst gewährleisten zu können. Das bedeutet aber auch, dass junge Tierärzte bei der Suche nach einer Anstellung die Auswahl haben. Dr. Wolf hat selbst schon mehrmals erlebt, dass Bewerber sich zurückgezogen haben, sobald sie erfuhren, dass zu der Arbeit in der Praxis ein regelmäßiger Notdienst gehört.

Bei allen Schwierigkeiten: „Grundsätzlich kann den Tieren geholfen werden“, sagt Dr. Wolf. „Wenn keine Praxis zu erreichen ist, kann man sich an eine Tierklinik wenden.“ Nur: Dafür muss man manchmal weit und lange fahren. Weil man Nelly in der Dortmunder Klinik nicht weiterhelfen konnte, hätte sie nach Haan gebracht werden müssen. Ob man ihr dort noch hätte helfen können? „Vielleicht“, sagt der Schwerter Tierarzt. „Es wäre äußerst knapp gewesen.“ Gut, dass Sara Bredtmann schließlich doch noch einen Veterinär nur kurz hinter der Hagener Stadtgrenze gefunden hat. So hatte das Weihnachtsfest für die Hagenerin und vor allem auch für ihr Pudelmischlings-Mädchen Nelly noch einen versöhnlichen Ausklang.