Keine „ruhige Kugel schieben“

Hagen. (as) Hagen ist im Ferienfieber. Ganz Hagen? Von wegen. Im Förderzentrum für junge Flüchtlinge an der Frankfurter Straße rauchen die Köpfe – montags bis freitags. Es wird gebüffelt. Morgens Deutsch. Anschließend bis in den Nachmittag Elektronik, Hauswirtschaft oder Pflege. An Ferien ist nicht zu denken. Das will auch niemand. Im Gegenteil: Jedes neu erlernte Wort bringt die jungen Menschen näher heran an eine Ausbildungsstelle, ein Praktikum oder einen Arbeitsplatz. Näher an das, was Politiker gerne mit dem Wort Integration beschreiben. Näher an die Normalität.
Zur Normalität gehört nach Auffassung von Heike Hansen auch, Land und Leute kennenzulernen. Die Leute, die die Diplom-Sozial- und Heilpädagogin der Awo den jungen Menschen aus Syrien, Afghanistan und Somalia vorstellte, stammten allesamt vom Verein Petanquesport Hagen.
„Wir sind glücklich, hierher eingeladen worden zu sein“, sagt Heike Hansen. „Hierher“ ist das Sportgelände des TuS 1909 Halden-Herbeck, Am Alten Holz 170. Mitglieder des Boule-Vereins Petanquesport Hagen hatten sich viele Stunden Zeit genommen, um den jungen Leuten die Kugeln ans Schweinchen zu legen.
„Viele spielen Fußball“, sagt Heike Hansen. „Aber Boule- Kugeln hatte noch keiner aus dieser Gruppe in der Hand.“ Das wollte sie ändern. Denn Boule vereint Konzentration mit Lebensfreude, Fingerspit­zengefühl und Kommunikation. „Es zählt die Leistung des Einzelnen“, sagt Heike Hansen. „Man muss sich im ganz kleinen Team gegenseitig vertrauen.“

Wie heißt welches Werkzeug?

Finanziert wird das Förderzentrum für junge Flüchtlinge von der Arbeitsagentur. Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt packen praktisch an. Das sind Menschen wie Heike Hansen. Sie betreut die jungen Männer, die sich im Elektronik-Zweig des Förderzentrums auf ihre Zukunft vorbereiten.
Oder Menschen wie Christoph Kühn. Gemeinsam mit seinem Bruder Markus, ein gelernter Elektroniker, bringt der Hagener Elektrotechnik-Student den jungen Flüchtlingen Schaltkreise, Verstärker und Elektromagnetismus näher.
Eine spannende Aufgabe: „Wir müssen damit anfangen, die richtigen deutschen Wörter für die unterschiedlichen Werkzeuge zu lernen.“ Sein Ziel ist es, die jungen Leute fit zu machen fürs Ausbildungs- und Berufsleben.

Ganz unterschiedliche Voraussetzungen

Ein bisschen Mathematik gehört natürlich auch dazu. Christoph Kühn lächelt. Hier wird die Heterogenität seiner Gruppe deutlich. Zwei Bauingenieure gehören zu seinen Schülern, ein Elektriker, Abi­turienten und junge Männer, die nur neun Schuljahre machen konnten: „Was für die einen ‚kalter Kaffee‘ ist, stellt andere vor große Herausforderungen“, erzählt Christoph Kühn.
Die Elektronik ist ein Angebot. Nicht jeder wird dabei bleiben. Die Bauingenieure bestimmt nicht. Sie machen sich hier fit für die letzten, alles entscheidenden Deutsch-Prüfungen. Sie hoffen auf Praktika und Plätze im erlernten Beruf. Auf eine Zukunft.

Irgendwas mit Elektronik?

Andere möchten eine Ausbildungsstelle. Ob‘s „irgendwas mit Elektronik“ sein soll, wird sich noch herausstellen: „Wir müssen immer gucken, wie sind die Fingerfertigkeiten“, sagt Christoph Kühn. Vielleicht entdecken die jungen Leute ganz neue Talente an sich. Vielleicht ist ein anderes Handwerk oder ein Studium viel geeigneter.
Die jungen Menschen sind ehrgeizig – und sie sind neugierig. Beispielsweise auch aufs Boule-Spielen mit den Experten von Petanquesport Hagen. Eine „ruhige Kugel“ haben sie nicht geschoben, sondern selbst Ligaspieler beeindruckt. Es waren ein paar Stunden der Entspannung. Ein paar Stunden, die einigen halfen, neue Kontakte zu knüpfen. Sie wollen häufiger am Training, vielleicht sogar am Vereinsleben teilnehmen.
So einfach kann Integration sein.