Keine Schlacht, nur ein Scharmützel

Hagen. (ME) Seit einigen Wochen berichtet der wk in einer kleinen Serie über die kriegerischen Auseinandersetzungen, die im Juli 1761 im Bereich des mittleren Ruhrtals stattgefunden haben – mit dem „Gefecht an der Westhofener Brücke“ zwischen den französischen Regimentern de Viezet und Bouillon auf der einen und dem Korps des braunschweigisch-lüneburgischen Majors von Scheither auf der anderen Seite als Höhepunkt. Heute folgt Teil 5. Unser Autor, der Holthauser Heimatforscher Detlef Klimke, geht diesmal unter anderem der Frage nach, wie die Westhofener Brücke ausgesehen haben könnte.

Diese Abbildung könnte die Gegebenheiten von 1761 wiedergeben. Sie zeigt vorne die Konstruktion, die den Fluss, aber auch das abschüssige Ufergelände geschickt überbrückt. Im Hintergrund ist die Hochebene von Garenfeld zu sehen, von rechts kommt die Straße aus Boele; links liegen die Häuser von Niederweisched. Der dunkle Streifen davor ist der Alte Ruhrgraben. Dann wäre dort der Ort, an dem der Angriff der Scheitherschen Karabiniers im Schlamm steckenblieb. (Foto: Sammlung Klimke)

Es gibt einen zeitgenössischen Stich, der sehr lebendig zeigt, wie die Scheithersche Infanterie gerade die Franzosen vom nördlichen Ufer über die Brücke zurücktreibt. Sehr deutlich ist darauf die Brücke zu erkennen. Doch nach einigen Überlegungen müssen wir feststellen: reine Phantasie! Welcher Baumeister würde eine Brücke mit asymmetrischen Bögen bauen, die den Druck ungleichmäßig weitergeben und die Brücke über kurz oder lang einstürzen ließen? Wie soll über eine derart steile Auffahrrampe ein Fuhrwerk kommen? Außerdem: eine Steinbrücke? Die einzige belegte steinerne Brücke über die mittlere Ruhr hatte es in Hattingen gegeben. Diese war 1633 zerstört worden.

Solide und preiswert

Eine Ansicht aus den Jahren 1784/1789 zeigt eine hölzerne Brücke mit zehn Abschnitten, sogenannten Jochen. Jedes dieser Joche besteht aus zwei Halbjochen, die durch jeweils flussaufwärts und flussabwärts schräg eingeschlagene „Streichholme“ miteinander verbunden sind. Die Joche ruhen auf senkrechten „Sitzpfählen“. Auf den Jochen sind Längsbalken befestigt, auf denen wiederum Bohlen quer aufliegen. Ein Geländer fehlt, wohl aber ist eine seitliche fußhohe Begrenzung angebracht. Diese Konstruktion ist solide, außerdem einfach und im Vergleich zu einem Bauwerk aus Stein preiswert. Sie ist für die hiesige Gegend vielfach belegt.

In Hohenlimburg gab es eine Brücke dieser Bauart, wie auf zwei Gemälden vom Schloss aus den 1740er Jahren zu erkennen ist. In Altena gab es um 1765 gleich zwei Überwege dieser Art. Bei Haus Uentrop (Hamm) bewältigte eine solche Holz-Pfahlbrücke sogar bis Ende 1936 den modernen Verkehr. Auch für Hagen gibt es einen Beleg; ein Foto zeigt die Lennebrücke bei Boele-Kabel. Bei Niedrigwasser sind übrigens die Reste der Pfähle heute noch zu sehen.

Wir dürfen also mit einigem Recht annehmen, dass die Westhofener Brücke ebenso gebaut war wie die anderen zeitgenössischen Brücken an Lenne und mittlerer Ruhr. Die Abbildung auf der heutigen wk-Titelseite könnte die Gegebenheiten von 1761 wiedergeben. Sie zeigt vorne die Jochkonstruktion, die den Fluss, aber auch das abschüssige Ufergelände geschickt überbrückt. Im Hintergrund ist die Hochebene von Garenfeld zu sehen, von rechts kommt die Straße aus Kabel, Boele, Altenhagen; links liegen die Häuser von Niederweisched. Der dunkle Streifen davor ist der Alte Ruhrgraben. Dann wäre dort der Ort, an dem der Angriff der Scheitherschen Karabiniers im Schlamm steckenblieb. Vorn rechts, zu beiden Seiten der Straße, würden dann die Verschanzungen gewesen sein, hinter denen die Soldaten des Regiments Vierset unter Obert Vietinghoff Deckung suchten, aus denen sie aber von den Scheitherschen Grenadieren und Jägern vertrieben und über die Brücke gedrängt wurden.

Glück gehabt

Der Rückzug Scheithers, heißt es im 18. Jahrhundert, „zog die französische Armee aus keiner geringen Verlegenheit; denn wäre der Prinz von Croy geschlagen werden [worden; der Verfasser], so fiel dem Major Scheither eine Zufuhre in die Hände, die eben von Kölln abgegangen, und nicht weit von Westhofen schon angekommen war. Wahrscheinlich war der Herzog Ferdinand nicht genau von der Stärke des Feindes und der Wichtigkeit dieses Postens unterrichtet, weil er sonst leicht ein so starkes Korps abschicken konnte, als nöthig gewesen wäre, den Feind völlig zu vertreiben. Vielleicht wollte er aber seine Armee nicht schwächen, weil sein Hauptaugenmerk auf den Angriff des feindlichen Hauptheeres gerichtet war; und einem so großen entscheidenden Zwecke müssen allerdings kleinere Nebenunternehmungen weichen, so verführerisch auch die Aussichten zu einem glücklichen Erfolge sind.“

1400 Infanteristen?

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein überspannten in unserer Gegend hölzerne Konstruktionen die Flüsse. Das Foto zeigt die einstige Lennebrücke bei Boele-Kabel. Bei Niedrigwasser sind übrigens die Reste der Pfähle heute noch zu sehen. (Foto: Archiv Heimatbund)

Vergleichen wir abschließend noch die militärische Stärke der Gegner. Zum unmittelbaren Schutz hatten die Franzosen Kavallerie in einer nicht näher bezeichneten Stärke und drei Bataillone Infanterie abgestellt, von denen allerdings nur zwei und weitere 160 Mann an dem Kampf teilnahmen. Die Regimenter Bouillon und Vierset waren so genannte Fremdenregimenter, in denen nicht Franzosen, sondern Ausländer dienten. Laut Archenholtz hatten die Bataillone dieser Fremdenregimenter eine Durchschnittsstärke von 700 Mann. Demnach sollen auf französischer Seite 1400 Infanteristen zuzüglich der Kavalleristen, insgesamt also etwa 1750 bis knapp 1900 Mann beteiligt gewesen sein. Hier kommen Zweifel auf.

Doppelt so stark?

Wir haben bisher vorsichtigerweise immer von der Sollstärke der beteiligten Einheiten gesprochen. Völlig offen ist die Frage, wie viele Soldaten tatsächlich beteiligt waren. Die hochgerechneten Zahlen berücksichtigen keine Ausfälle durch Krankheit, Verwundung, Tod, Gefangennahme und Desertion und müssen daher alle nach unten revidiert werden, auch die 900 Mann der Scheitherschen Truppen. Wenn wir unterstellen, dass auf beiden Seiten drei Viertel der Truppen einsatzbereit waren, dann haben auf französischer Seite 1400 Mann und auf alliierter Seite vielleicht 700 Mann an dem Kampf teilgenommen. Die Franzosen waren demnach etwa doppelt so stark wie Scheither.

Vergessen wir auch nicht, dass in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli ein starkes Unwetter niedergegangen war. Möglicherweise war es neben der zahlenmäßigen Überlegenheit der Gegner auch das schwierige Gelände, das nach dem „muthigen“ Durchqueren des Flusses dem Angriff der alliierten Kavallerie den Schwung nahm. Dies vor Augen, brach Scheither den Angriff lieber rechtzeitig ab, als seine Männer in einem Gefecht mit unsicherem Ausgang zu opfern. Damit entsprach das Verhalten Scheithers auch der vorsichtigen Kriegführung seines Vorgesetzten, des Herzogs Ferdinand.

Nur ein Scharmützel

Scheither schätzte, dass seine Gegner 22 Gefallene und 40 Verwundete hatten. Achtzehn Franzosen waren in Gefangenschaft geraten. Seine eigenen Verluste waren geringer. Dies war keine Schlacht, auch kein „Treffen“, sondern ein Scharmützel, wie es viele in dem langen Krieg gegeben haben mag. Hätte Scheither Erfolg gehabt, wäre auch der zweite Nachschubweg der Franzosen gekappt gewesen. Inwieweit sich das auf den gesamten Feldzug ausgewirkt hätte, muss offen bleiben…

Lesen Sie auch: