Kleine Füße machen Strecke

Haspe. (san) Aktivurlaub für kleines Geld – für Familie Hartmann kommt seit vier Jahren nichts anderes mehr in Frage, vor allem, weil es so viel Spaß macht. Nachdem sie mit ihrem damals einzigen Sohn Jonathan die Ferien beispielsweise in Österreich oder Holland verbracht hatten, wussten sie, das würde zukünftig mit mehreren Kindern zu teuer werden. Und seitdem drei Hartmann-Kinder auf der Welt sind, geht es mit dem Fahrrad ab Haustüre los.

Annette und Peter Hartmann fahren bereits im vierten Jahr mit ihren Kindern Jonathan, Felix und Benjamin mit Pedalkraft in den Urlaub. Bei vorherigen Touren fuhren die Jungen noch nicht allein. (Foto: privat)

In den ersten Urlauben strampelten Mutter Annette und Vater Peter noch fast allein: der Älteste wurde mit dem Trailer angehängt, Felix, der mittlere Spross, kam in den Fahrradsitz und Klein-Benjamin in den Anhänger. Große und kleine Gepäcktaschen wurden an alle Räder verteilt. Und dann ab auf einen der vielen Fernradwege, die Deutschland zu bieten hat. Letztes Jahr ging es so den rund 500 Kilometer langen Ostseeküstenradweg entlang, in diesen Ferien war es der Ruhrtalradweg. Bis auf den Jüngsten, den fünfjährigen Benjamin, der auf den Trailer kam, hatten diesmal auch der neunjährige Jonathan und der siebenjährige Felix einen eigenen Drahtesel zu steuern.

Tag 1

Nachdem man die Woche zuvor schon mal eine mehrtägige Probetour bis Paderborn unternommen hatte, trat die Hasper Familie ab der Haustür im Kettelbach in die Pedale, zunächst nur Richtung Hagen-Hauptbahnhof. Eine kaum nenneswerte halbe Stunde, nur wenig davon auf einem echten Radweg. Von dort ging es mit der Regionalbahn nach Arnsberg. Aber: nicht alle Züge nehmen Fahrräder mit. Da muss im Voraus gut geplant werden. Und da die Gefährte meist aufgehängt werden, müssen Gäste mit Trailer oder Anhänger viel Glück auf Platz haben.

Aber erstmal war es sowieso nichts mit dem Anschlusszug nach Winterberg: Metalldiebe hatten auf der Strecke Kabel entwendet. Mit reichlich Verspätung, dafür einem großzügigen Zugschaffner, der die Toilette als Abstellgelegenheit anbot, erreichten die Fünf die erste Jugendherberge. Vom Bahnhof aus schlappe acht Kilometer.

Tag 2

Mit kurzen Hosen, es sind schließlich Sommerferien, ging es bei 9 Grad Celsius am nächsten Morgen endlich auf den Ruhrtalradweg. Beginnend an der Ruhrquelle nun immer am Fluss entlang. Nach kurzer Zeit trafen die Hartmanns auf ein RTL-Filmteam. Das begleitete einen Rollerfahrer aus Züschen mit der Kamera, der gerade eine Wette einlöste (er führe in vier Tagen bis Mönchengladbach, wenn eben dieser, sein Lieblingsverein nicht aus der Bundesliga absteige…). Ob er es tatsächlich geschafft hat, wissen unsere Urlaubsradler leider nicht, aber sie hörten in der nächsten Unterkunft, dass der Rollerfahrer schon da war. Die Pension war nach 55 Kilometern in Meschede erreicht.

Tag 3

Auch heute heißt es kräftig strampeln, wieder sind 55 Kilometer zu überwinden, abends wollen Annette und Peter mit ihren Kindern in Wickede-Echthausen einkehren. Im Gasthaus will man pünktlich sein, um nicht zu spät das Abendessen zu bekommen.

Grundsätzlich muss jede einzelne Station rechtzeitig gebucht sein, auf’s Geradewohl ist in Ferienzeiten kein Quartier zu bekommen. Das heißt, Papa Hartmann muss auch bezüglich der Entfernungen die Kräfte seiner Kleinen gut einschätzen können.

Tag 4

45 Kilometer sind diesmal zu schaffen, dafür gibt es im Vergleich zu den Vortagen eine Luxusunterkunft im Zweibrücker Hof in Herdecke. Mittlerweile haben sie sich tatsächlich den ersten Sonnenbrand auf den Waden eingefangen.

Tag 5

Gemächlich wird’s: ’nur’ 30 Kilometer bis Hattingen. Die Hasper Radler trödeln und haben obendrein Zeit für eine lange Partie Minigolf irgendwo am Wegesrand.

Tag 6

Obwohl es auch wieder nur 35 Kilometer bis zur Jugendherberge in Essen sind, geben Hartmanns Stoff. Zum Glück der einzige Tag, an dem es schüttet wie aus Eimern. „Selbst die Kinder sind so schnell geradelt, dass uns das Drachenboot auf dem Baldeneysee nicht hat einholen können,“ erzählt die 39-jährige Sozialversicherungsfachangestellte. Nach dem Frühstück um 9 Uhr losgefahren, hatten sie bereits um 12 Uhr ihr Ziel erreicht. Trotz Unfall: Bei einem kurzen Halt wackelte Benjamin auf seinem Trailer, so dass dieser samt Zugrad der Mutter zu kippen drohte. Sie sprang noch herbei, rutschte aber von der Bordsteinkante ab und schlug mit dem Hinterkopf auf den Boden auf. Gottlob nur ein zerbrochener Fahrradhelm…

Tag 7

Letzter Strampeltag – ab nach Duisburg. Gemütlich radelten die Hartmanns die Ruhr weiter entlang, dem Endpunkt des Radweges entgegen. Bis zum Binnenschifffahrtsmuseum, dann fehlte jeglicher Hinweis auf den Endpunkt. Einmal in die falsche Richtung und zurück – dann fanden sie auch den Rheinkilometer 780: Bei Rheinorange, der 1992 errichteten abstrakten Skulptur an der Mündung der Ruhr in den Rhein, endet der insgesamt 230 Kilometer lange Ruhrtalradweg.

„Jonathan, Felix und Benjamin waren zu recht ganz stolz, die Strecke geschafft zu haben, so wie sie sich jeden Tag gefreut haben, ihr Etappenziel ohne Strapazen und immer mit Spaß am Radeln zu erreichen,“ berichtet der selbstständige Handwerksmeister für Wärme, Kälte und Schallschutz über das Glücksgefühl, etwas geleistet zu haben.

Zu aller Belohnung gab es einen Ausflug in den großartigen Landschaftspark Duisburg-Nord samt Übernachtung.

Tag 8

Nach einem letzten Verweilen an Rheinorange, übrigens einer Landmarke auf der Route der Industriekultur, ließen sich Firmenchef Peter Hartmann und seine Familie samt Radausrüstung von einem Gesellen im geräumigen Transit abholen.

Widrigkeiten auf diesen Wegen erlebten die sonstigen ’Sonntagsradler’ nicht als Stress, eher als Herausforderung. „Die Kinder sind rund um die Uhr beschäftigt und in Bewegung, wir sehen was von Deutschland auf eine Art, wie es an vielen Autofahrern vorbeigeht, und das in einer enormen Vielfalt,“ freuen sich die Eltern. Die Tagesstrecken sind so geplant, dass sie Zeit für viele Verweilstationen haben, zahlreiche Spielplätze wurden angesteuert. Die Urlaubsfotos zeugen von den vielen Kleinoden und Hinguckern am Wegesrand. „Auch haben wir Orte kennengelernt, die wir künftig mal als Tagesausflug ansteuern werden,“ schwärmt Annette Hatmann. Und: man begegnet vielen Leuten, trifft oft auf Gleichgesinnte.

Wieder angekommen zu Hause im Kettelbach steht für die Hartmanns mit Blick auf die Deutschlandkarte fest: Es gibt noch sehr viele Fernradwege in Deustchland, die es zu er-fahren gilt…