Knallrot und immer voll

Von Bärbel Taubitz

Hagen. Als Kind hatte ich diesen Traum: Ich steckte einen Groschen in einen Kaugummiautomaten – und konnte drehen, drehen, drehen. Die Kugeln purzelten heraus, ich fing sie mit meinen Händen und mit dem Pullover auf, bis der ganze Kasten leer war. Ein unvergessliches Glücksgefühl …

40 Jahre später. Kein Traum. Soll ich es noch einmal wagen? Ich wage es. 20 Cent stecke ich in den Schlitz und drehe. Es knackt, es klockert. Ich öffne die Klappe und halte eine leuchtend gelbe, glänzende Kugel in der Hand. Sieht eigentlich ganz lecker aus. In den Mund nehmen möchte ich sie trotzdem nicht. An Hygiene habe ich früher nicht gedacht. Heute frage ich mich, welche Bakterien wohl im Ausgabefach lauern. Und überhaupt: wie lange das Kaugummi wohl schon im Kasten gelegen hat?

Als ich Kind war, Anfang der 70er, gab es solche Probleme nicht. Da wurden die knackfrischen Kugeln regelmäßig von uns Kurzen für ‚nen Groschen rausgeholt, genüsslich zerkaut, und bei „Ebbe“ war im Laufe weniger Tage der Kasten wie von Geisterhand wieder voll. Der „Bergische Automaten-Service“ ist für unsere Volmestadt zuständig. Das steht zumindest auf den Sichtfenstern der Kästen zu lesen, die ich in Eilpe und Oberhagen entdeckt habe. Wenn ich mich recht erinnere, stand das schon immer da. Aber tatsächlich mal eine Nachfüllaktion dieser Firma beobachtet, das hat noch niemand. Egal, wen ich frage. Und wie oft oder wie selten heutzutage frischer Nachschub geliefert wird – wer weiß?

Nicht totzukriegen oder kurz vor dem Aussterben? Wer weiß, wie lange es noch Kaugummiautomaten geben wird. (Fotos Bärbel Taubitz)
Nicht totzukriegen oder kurz vor dem Aussterben? Wer weiß, wie lange es noch Kaugummiautomaten geben wird. (Fotos Bärbel Taubitz)

Nicht mehr lohnenswert

Unzählige der bunten Metallkästen waren zur Blütezeit über Hagen verteilt. An Haltestellen, Häuserwänden und -mauern. Waren es hundert? Oder eher Hunderte? Wie viele es heute noch sind, lässt sich nicht ermitteln. Höchstens in detektivischer Sucharbeit. Über die Exemplare in Wehringhausen zumindest gibt es ein Buch.

Kaugummiautomaten sind heute kein lohnenswertes Geschäft mehr, so scheint es. Vielleicht noch in ländlichen Gegenden, nicht aber bei uns in den Städten. Ihr Zustand ist meist bedauernswert. Verdreckt, verstopft, angekokelt, als Müllabladeplatz missbraucht. Höchstens noch lohnende Motive für Fotofreunde auf der Suche nach morbider Nostalgie. Die Drehwunder sind entzaubert: Auf Youtube gibt’s sogar Anleitungen zum Automatenknacken. Was hätten wir uns darüber damals gefreut – wenn auch eh’ nicht getraut.

In Oberhausen hat man mittlerweile einen Anbringungsstopp verhängt. In Hagen genießen die Automaten noch alle Freiheiten, aber ihre Zahl wird vermutlich doch nicht mehr ansteigen. „Ja, wenn da zuckerfreies Kaugummi drin wäre…“, sinniert eine Mutter, besorgt um die Zähne ihres Nachwuchses. Ich hab da so meine Zweifel. Süßigkeiten kauft man jetzt im Supermarkt, sauber abgepackt und im Dutzend billiger.

Das Ende eines Abenteuers

Auf der Strecke geblieben ist die Spannung, dieses Gefühl eines kleinen Abenteuers. Erst recht, wenn man 50 Pfennig – heute 50 Cent – investierte und dafür am Spielzeugautomaten mit den kleinen, durchsichtigen Plastik-„Eiern“ drehen konnte. Ringe, Anhänger, Tierchen oder Flummis – immer wieder groß war die Freude über kleine „Gewinne“, die oftmals kurze Zeit später beim Sonntagsspaziergang schon wieder verloren oder kaputt gingen. Die Auswahl ist heute nach wie vor ähnlich. Schleimige Klebe-Monster allerdings, die hatten wir noch nicht. Und für 1 Euro entdecke ich sogar „Armbanduhren“ im Angebot!

Stand da übrigens schon immer am Automaten: „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen“? Keine Ahnung. Ich muss einfach nochmal drehen! Werfe 20 Cent in den Kasten neben den Kaugummikugeln. Ein leises Poltern – und ich bin stolze Besitzerin eines lila-weißen Flummis. „Nichts für Kinder zwischen 0 und 3 Jahre“ warnt mich die Plastik-Banderole. Da hab ich ja nochmal Glück gehabt, ich liege glatte 46 Jahre drüber. Lächelnd titsche ich den Gummiball übers Pflaster und hüpfe hintendrein nach Hause …