Krieg übernahm das Leben in Hagen

Hagen. (tau) Was stand bei den Hagenern am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt des Interesses? Heute beenden wir unsere Serie „Hagen 1914“ mit einem Blick in die Wochen vor genau 100 Jahren.

Es berichtet wieder Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach:

In den letzten Julitagen des Jahres 1914 schlug die sich immer mehr zuspitzende Krisensituation in der „großen“ Politik auch im Alltag in der Stadt Hagen voll durch. Die Nachricht von der am 25. Juli erfolgten Mobilmachung der serbischen Armee war durch die Zeitungen bekannt gemacht worden. Man musste nun mit einem unmittelbar bevorstehenden Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien rechnen. Mit dem gewohnten Gang des Alltags war es in Hagen endgültig vorbei.

Statt Festfreude wie noch vor einigen Tagen, so berichtete das „Westfälische Tagblatt“ am Montag, 27. Juli, herrsche in der Bevölkerung nunmehr nur noch „Spannung, Besorgnis, Aufregung und Erwartung“. Seit dem Bekanntwerden des österreichischen Ultimatums vom 23. Juli an Serbien interessiere die Menschen nichts anderes mehr. Kein örtliches Geschehen, welcher Art auch immer, könne ihre volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Extrablatt, herausgebracht von der Hagener Zeitung am 31. Juli 1914.
Extrablatt, herausgebracht von der Hagener Zeitung am 31. Juli 1914.

Kundgebungen und Umzüge

Eine neue Erscheinung im Alltag der Stadt waren stattdessen spontane nationale Kundgebungen und patriotische Umzüge, zu denen sich Hunderte von Personen an verschiedenen Tagen Ende Juli 1914 zusammenfanden. Daher werden wohl auch die in der Lokalpresse angekündigte Eröffnung einer Tengelmann-Filiale in der Friedenstraße am 1. August sowie die Kaffee-Sonderangebote in der Bevölkerung nicht das erhoffte Interesse gefunden haben. In dem bereits genannten Bericht des „Westfälischen Tageblatts“ heißt es nämlich weiter, das einzige Gesprächsthema in Hagen sei überall nur noch die Frage, ob es Krieg geben werde.

Die Antwort auf diese Frage erfuhren die Hagener fünf Tage später am Sonntag, 2. August 1914, in der Sonderausgabe der „Hagener Zeitung“. Dort prangte auf der Titelseite die Balkenüberschrift: „Die Würfel sind gefallen.“ Darunter folgte in Fettdruck die Nachricht: „Der Kaiser ordnete die Mobilmachung der gesamten deutschen Streitkräfte an.“ Am 1. August hatte Deutschland Russland den Krieg erklärt. Zwei Tage später folgte die deutsche Kriegserklärung an Frankreich, und am nächsten Tag erklärte England Deutschland den Krieg. Am Dienstag, 4. August, brachte die „Hagener Zeitung“ auf der ersten Seite die Schlagzeile „Die deutschen Heere marschieren“. Bereits am Tag zuvor war die „Hasper Zeitung“ mit der prophetischen Balkenüberschrift auf der Titelseite „Der Weltkrieg hat begonnen“ erschienen. Auch in der Hagener Geschichte hatte ein neues Kapitel eingesetzt.

→ Alle Teile der Serie.


 

Der Verfasser dieser wk-Artikelserie, Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach, Historiker an der TU Dortmund und ehrenamtlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs Hagen, hat jüngst die Stimmung der Bevölkerung in Hagen vor und beim Beginn des Ersten Weltkriegs sowie den Kriegsalltag in Hagen 1914-1918 erstmals erforscht. In mehreren fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen ist dies ausführlich dargestellt worden.