Kunst aus Westafrika im Museumsquartier

Von Michael Eckhoff

Hagen. Die aktuelle Schau im Obergeschoss des Hagener Emil-Schumacher-Museums (ESM) zählt bislang zu den faszinierendsten Ausstellungen seit Bestehen des neuen Kunstquartiers an der Hochstraße.

Gezeigt werden – natürlich – wichtige Bilder aus dem Werk Schumachers, kombiniert diesmal mit afrikanischer Kunst, genauer: mit überaus beeindruckenden, teils mannshohen Skulpturen aus dem Niger-Delta.

Dass im Schumacher-Museum afrikanische Kunst gezeigt wird, ist wahrlich nicht abwegig. „Im Hause meines Vaters in Wehringhausen fanden sich viele Kunstwerke außereuropäischer Kulturen, vor allem aus West-Afrika,“ erzählt Sohn und Museumschef Ulrich Schumacher. Ferner verband Emil Schumacher eine langjährige Freundschaft mit dem früheren Direktor der Kunstsammlung NRW, Professor Werner Schmalenbach, und der wiederum war nicht nur ein anerkannter Experte für die künstlerische Entwicklung der Nachkriegszeit, sondern auch ein exzellenter Kenner der Kunst des „schwarzen Kontinents“.

Rouven Lotz, der künstlerische Leiter des Emil-Schumacher-Museums, ist stolz: Eine derartig umfassende Ausstellung von Werken aus dem Niger-Delta wie jetzt in Hagen gab es noch nie zuvor in einem deutschen Kunstmuseum. (Foto: wk)

Wunsch erfüllt

Schmalenbach war es denn auch, der die Familie Schumacher mit dem Sammler-Ehepaar Nina und Henricus Simonis bekannt machte. Das Ehepaar Simonis hat tatkräftig mitgeholfen, die aktuelle Schau im ESM zu organisieren. Gezeigt werden fast ausschließlich Leihgaben privater Sammler. „Den Wunsch, eine derartige Ausstellung zu machen, hegten wir schon lange,“ berichtet Rouven Lotz, der künstlerische Leiter des ESM, „jetzt, rund zwei Jahre nach der Eröffnung des Schumacher-Museums, ist er endlich in Erfüllung gegangen.“

Rouven Lotz weist noch auf einen weiteren interessanten Zusammenhang hin: „Vor genau hundert Jahren, also 1912, hat Karl Ernst Osthaus in seinem damaligen Museum Folkwang ebenfalls afrikanische Kunst gezeigt und war damit ein echter Pionier.“ Was heute in Hagen kaum noch bekannt ist: Osthaus beschäftigte sich seinerzeit nämlich nicht nur mit der modernen Kunst Mitteleuropas, sondern überdies auch mit „Produkten“ anderer Kulturen, so besaß er beispielsweise zahlreiche Werke aus dem Nahen Osten. Osthaus war vor hundert Jahren gleichsam auf dem Weg zu einem „Weltkunstmuseum“, etwas Vergleichbares gab es vor dem Ersten Weltkrieg in keinem anderen deutschen Museum. Im Übrigen ist das Jahr 1912 noch aus einem anderen Grund für die heimische Kunst bedeutsam: damals wurde Emil Schumacher geboren.

Wichtige Vorbilder

Bevor wir die Völker des Niger-Deltas ein bisschen näher unter die Lupe nehmen, macht es Sinn, noch auf einen weiteren Aspekt der deutschen Kunstgeschichte einzugehen. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die europäischen Kolonialmächte – allen voran England und Frankreich – große Teile Asiens, Afrikas und Ozeaniens unter sich aufgeteilt. Deutschland beispielsweise „besaß“ sowohl Kolonien im Süden, Westen und Osten Afrikas wie auch in der Südsee, hierzu gehörten unter anderem die Palau-Inseln.

Nach 1900 beschäftigten sich dann immer mehr französische und deutsche Maler und Bildhauer mit der „Kunst aus den Kolonien“. Man schätzte insbesondere die aus Holz hergestellten Skulpturen, Masken und Bildnisse. Oft – vorrangig in der expressionistischen Kunst – diente die „primitive Kunst“ als Vorbild (wobei „primitiv“ hier durchaus im positiven Sinn gemeint ist und auf die scheinbar „einfachen“ Ausdrucksmittel verweisen soll). Viele Bilder etwa der berühmten deutschen „Brücke“-Maler Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff zeigen diese Nähe. Eine herausragende Vorbild-Rolle nimmt die außereuropäische Kunst zum Beispiel auch bei Picasso oder Paul Gauguin ein, ihre „Exotik-Bilder“ gehören heute zu den teuersten Werken überhaupt.

Sumpfiges Delta

In der Tradition der expressionistischen Maler steht auch Emil Schumacher – und so verwundert es denn nicht, dass ihn afrikanische Kunst interessiert hat.

Wobei die Kunst aus der südlichen Niger-Region lange Zeit in Europa einer eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Der Niger ist einer der längsten und wichtigsten afrikanischen Flüsse. In einem großen Bogen durchfließt er auf einer Länge von über 4000 Kilometern mehrere Länder, um dann in Nigeria in einem riesigen Delta zu enden und in den Golf von Guinea zu münden.

In diesem sumpfigen Delta leben Völker, die wir in Deutschland kaum kennen, etwa die 15 Millionen Menschen zählenden Ibo. Dass man sie kaum kennt, hat auch damit zu tun, dass der weiße Mann das Niger-Delta – etwa wegen der Malaria-Risiken – lange mied. Erst in den letzten Jahren kommt diese Weltgegend mitunter in den Nachrichten vor, meist sind diese Meldungen verknüpft mit Horrorberichten über gravierende Umweltverschmutzungen, denn diese Gegend weist große Erdölvorkommen auf.

Ahnen oder Gottheiten

Die bei uns selten jemals gezeigte Kunst aus dem Niger-Delta ist überaus ausdrucksstark und basiert oft auf einem religiösen Grundgedanken. So stellen die großen Skulpturen der Ibo stets bedeutende Ahnen oder Gottheiten dar, deren Rang durch auffällige Narbenzier unterstrichen wird. Vor Ort im Niger-Delta werden sie in Schreinen oder Männerhäusern aufgestellt. Bei den Ijo wiederum ist es die Verehrung der Wassergeister, die sich in den Skulpturen niederschlägt. Und von den Urhobo findet der ESM-Besucher zum Beispiel „Schutzfiguren“, die die Menschen vor bösen Einflüssen jedweder Art bewahren sollen.

Übrigens: Eine derartig umfassende Ausstellung von Werken aus dem Niger-Delta gab es in einem deutschen Kunstmuseum noch nie. Eine echte Pioniertat des ESM!

Zu sehen ist die mittlerweile verlängerte Schau noch bis zum 29. April 2012. Es gibt einen sehr schön gemachten Katalog.