Leitkultur

Die Sommerferien stehen vor der Tür und auch Tilo fährt bald in den Urlaub. Nach Frankreich soll es gehen, an den Strand, einfach mal die Seele baumeln lassen. Tilo hat vielfältige Beziehungen zu dem Nachbarland, daher glaubt er, dass er die Franzosen ganz gut kennt. Aber wer sind denn die Franzosen – und noch viel wichtiger, wer sind denn die Deutschen? Thomas de Maizière hat einen Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur vorgelegt. Vielleicht hilft der ja? „Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“, heißt es dort. Interessant! Tilos Hausarzt gibt seit einiger Zeit keinem mehr die Hand. „Wegen der Keime!“ Na, dann.

„Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland“, stellte der Innenminister fest. In den vergangenen Wochen dürften mehr Menschen über Ter Stegen, Wagner, Werner und Co. diskutiert haben als über Goethe und Schiller. Fußballnation – „Wir“ sind schließlich U21-Europameister und Confed-Cup-Sieger – passt eigentlich besser zum schwarz-rot-goldenen Selbstverständnis.
Nun gut, das hat Tilo nicht geholfen, den typischen „Deutschen“ zu finden.
Aber er entdeckt ihn dann doch – im strömenden Regen vor einer roten Ampel. Die Fahrbahn war auf der einen Seite aufgerissen, so dass kein Auto passieren konnte – damit war klar: egal ob „Rot“ oder „Grün“, man kann hier immer gefahrlos die Straße überqueren.
Doch dann erspähte Tilo auf der gegenüberliegenden Seite einen jungen Vater mit seiner Tochter. Der Mann deutete auf das rote Männchen der Ampel und gab der Tochter zu verstehen: „Stopp! Rot heißt stehen.“ Und wie von einem unsichtbaren Magneten gehalten, blieb auch Tilo stehen. Da standen wir drei nun. Strömender Regen, kein Auto weit und breit – und trotzdem warteten alle brav, bis die Ampel auf „Grün“ umschlug.
Jeder Franzose hätte in dieser Situation gedacht: „Mon Dieu, das können nur Deutsche sein!“
Einen schönen Urlaub, ob daheim oder anderswo
wünscht Tilo