Leser-Telefon: „Depression“

Hagen/EN-Kreis. (Red.) Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Depression, viele von ihnen mit einer langen Leidensgeschichte, aber ohne angemessene und wirksame Behandlung. Dabei lässt sich eine Depression heute in der Mehrzahl der Fälle gut behandeln – doch nur eine Minderheit erhält nach Aussage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe eine optimale Therapie. Die Gründe sind vielfältig: Den Betroffenen fehlt häufig die Kraft, sich Hilfe zu suchen – gleichzeitig wird die Schwere der Erkrankung auch von Ärzten noch immer unterschätzt. Woran man eine Depression erkennt, wie sie heute behandelt werden kann – und wie Ärzte, Angehörige und Selbsthilfegruppen unterstützen können, dazu informierten die Experten am Donnerstag am Wochenkurier-Lesertelefon.

Kann eine Depression auch von alleine wieder abklingen?

Dr. med. Christine Rummel-Kluge: Eine Depression ist eine Erkrankung, die man behandeln muss – das wissen viele Menschen nicht. Sie lässt sich klar von normalen Stimmungsschwankungen abgrenzen. So spricht man von einer Depression, wenn zwei der folgenden drei Hauptsymptome länger als zwei Wochen vorliegen: gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit und reduzierter Antrieb. Das betrifft alle Lebensbereiche, auch Dinge, die sonst immer Freude gemacht haben: ein Hobby, die Enkel oder Gartenarbeit. Weitere Symptome können Konzentrationsstörungen, schwindendes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen und Suizidgedanken sein. Betroffene brauchen professionelle ärztliche Hilfe. Ein erster Ansprechpartner kann der Hausarzt oder auch ein Facharzt für Psychiatrie sein.

Wie aussagekräftig sind Selbsttests?

Deniz Banu Mayadali-Kirschbaum: Über die meisten Selbsttests werden Stimmung und Gedanken abgefragt. Als Ergebnis erhält man eine Tendenz, jedoch keinesfalls eine Diagnose. Eine ärztliche, psychologische oder therapeutische Diagnose kann ein solcher Test nicht ersetzen. Einen empfehlenswerten Selbsttest finden Betroffene zum Beispiel auf dem Online-Portal www.meine-gesunde-Seele.de. Dieser Selbsttest ist fachlich konzipiert und validiert und dient als so genanntes Screening der guten Orientierung über den individuellen Gesundheitszustand.

Ich bin schon immer sehr pessimistisch, ängstlich und neige zum Grübeln. Aber in letzter Zeit wird es schlimmer und ich schaffe es kaum noch, meinen Alltag zu regeln …

Dr. Rummel-Kluge: Eine Depression im medizinischen Sinn muss deutlich unterschieden werden von Stimmungsschwankungen, die jeder kennt und die zum Leben dazu gehören. Um von einer echten Depression zu sprechen, müssen mehrere Krankheitszeichen über mindestens zwei Wochen vorliegen. Dazu zählen eine gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, ein permanentes Erschöpfungsgefühl, die Neigung zu Schuldgefühlen, hartnäckige Schlaf- und Appetitstörungen und das Gefühl der Ausweglosigkeit. Hinzu kommen meist permanente Ängste auch vor kleinen Anforderungen und der Zukunft. Falls dies bei Ihnen der Fall ist, sollten Sie unbedingt einen Termin bei Ihrem Hausarzt vereinbaren.

Ich habe bereits mehrere depressive Episoden hinter mir. Bisher wurde es irgendwann wieder besser, aber jetzt hänge ich seit Wochen wie in einem schwarzen Loch …

Dr. Rummel-Kluge: Depressionen sind gut behandelbar. Meist gelingt es, die Krankheitsphasen zum Abklingen zu bringen. Es bleibt aber ein erhöhtes Risiko, im späteren Verlauf des Lebens erneut in eine Krankheitsphase zu rutschen, vor allem, wenn die Erkrankung unbehandelt bleibt. Deshalb sollten Sie unbedingt einen Hausarzt oder einen Facharzt für Psychiatrie aufsuchen. Das Risiko einer erneuten depressiven Episode lässt sich durch Medikamente und Psychotherapie deutlich reduzieren. Wichtig ist auch, dass Betroffene sich mit der Krankheit auseinandersetzen und zum Experten in eigener Sache werden.

Ich glaube, bei mir entwickelt sich ein Burnout. Sollte ich sofort zum Arzt oder Psychotherapeuten gehen?

Dr. Benjamin Siemann: Unbedingt! Die Erfahrung in der täglichen therapeutischen Arbeit zeigt, dass ein bedeutender Anteil der psychischen Erkrankungen unter anderem auf Stressfaktoren zurückgeführt werden kann. Ein Burnout ist das Resultat von andauernder Überforderung und kann die Entwicklung psychischer und körperlicher Erkrankungen begünstigen. Dazu zählen unter anderem die Depression, Angsterkrankungen, aber auch Bluthochdruck. Je früher Sie beginnen, Burnout zu verstehen und wirksame Strategien für eine gesunde Arbeits- und Lebenseinstellung zu entwickeln, desto besser. Dafür sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Ich wollte bei einem Psychologen einen Termin vereinbaren. Zwei Monate Wartezeit, hieß es. Keine Ahnung, wie ich das durchstehen soll …

Mayadali-Kirschbaum: Wenden Sie sich an Ihre Krankenkasse oder Krankenversicherung. Oftmals bieten diese Unterstützung zur Verkürzung der Wartezeit. Wenn Sie diese Möglichkeiten nicht haben, können Sie bis zum Erstgespräch beim Psychotherapeuten zum Beispiel weitere Termine bei Ihrem Hausarzt vereinbaren.

Welche Unterstützung kann ich von meiner Krankenkasse erwarten?

Mayadali-Kirschbaum: Eine allgemeine Aussage ist kaum zu treffen, weil sich Krankenkassen und Krankenversicherungen stark in ihren Angeboten unterscheiden. Vielen Krankenversicherungen ist es wichtig, durch eine effektive Unterstützung den Heilungsverlauf des Patienten zu verbessern. Indem etwa eine Chronifizierung vermieden wird, werden auch bei den Krankenversicherungen weniger Kosten verursacht.

Wird eine Depression immer mit Tabletten behandelt?

Dr. Rummel-Kluge: Bei einer leichten und mittelschweren Depression wird gemäß der aktuellen medizinischen Leitlinien entweder eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine Behandlung mit Antidepressiva durchgeführt. Beide Säulen stellen eine gleichwertige Behandlungsform dar und werden mit dem Patienten abgesprochen. Eine schwere Depression muss in der Regel mit einer Kombination aus medikamentöser Therapie und Psychotherapie behandelt werden.

Machen Antidepressiva abhängig oder verändern sie die Persönlichkeit?

Dr. Rummel-Kluge: Anders als immer wieder berichtet wird, machen Antidepressiva weder abhängig noch verändern sie die Persönlichkeit. Sie normalisieren nach und nach die Funktionsabläufe im Gehirn, bringen die depressive Phase zum Abklingen und reduzieren das Risiko von Rückfällen deutlich. Sie sorgen dafür, dass man wieder „man selbst“ sein kann.

Ich nehme seit gut zehn Tagen Antidepressiva – und es geht mir eher schlechter als besser. Anscheinend schlägt die Therapie nicht an …

Dr. Rummel-Kluge: Medikamente schaffen Besserung in der Regel nach zwei bis drei Wochen. Wichtig ist dabei, die Antidepressiva regelmäßig einzunehmen und sie in keinem Fall vorzeitig abzusetzen. Bei manchen Patienten ist das erste eingesetzte Medikament noch nicht das Richtige. Dann sollten Sie Rücksprache mit Ihrem Arzt halten und gegebenenfalls gemeinsam ein anderes Antidepressivum auswählen. Einige Patienten berichten gerade zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva, dass sie sich aufgrund der Nebenwirkungen schlechter fühlen. So können beispielsweise Schwindel, Übelkeit oder Kreislaufprobleme auftreten. Diese Begleiterscheinungen sind in der Regel nur vorübergehend.

Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll?

Dr. rer. nat. Frauke Görges: Psychotherapie ist für die Akutbehandlung leichterer bis mittelschwerer Depressionen sinnvoll und kann das Rückfallrisiko senken. Die besten Wirksamkeitsbelege liegen für die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie vor. Hier geht es z.B. um das Vermeiden von Selbstüberforderung oder negativer Gedankenkreise. Oft ist es hilfreich, Medikamente und Psychotherapie zu kombinieren.

Wie finde ich einen Psychotherapeuten?

Dr. Görges: Adressen von Therapeuten finden Sie auf www.psychotherapiesuche.de oder bei der Psychotherapeutenkammer. Hat der Therapeut eine kassenärztliche Zulassung, übernimmt die Krankenkasse auf Antrag die Kosten der Behandlung. Bei einer ambulanten Therapie besteht die Möglichkeit, fünf Probesitzungen zu nutzen. Hier können Fragen zum Ablauf der Therapie geklärt werden und Sie können herausfinden, ob die „Chemie“ mit dem Therapeuten stimmt.

Was ist von Apps und onlinebasiertem Selbstmanagement zu halten?

Mayadali-Kirschbaum: Die Digitalisierung hält zunehmend auch in Bereichen Einzug, die bislang vom persönlichen Kontakt zu einem Therapeuten geprägt waren. Apps und Selbstmanagement-Programme können zwar eine hilfreiche Unterstützung und Ergänzung zu einer Psychotherapie sein, jedoch kein vollständiger Ersatz. Ein onlinebasiertes Selbstmanagement hat den Vorteil, dass ein Beginn jederzeit möglich ist. Sie können anonym und unabhängig bleiben und die Online-Programme immer dann nutzen, wenn Ihnen danach ist. Gute Online-Programme bieten die European Alliance Against Depression oder Novego – hier sind die Module je nach Bedarf frei wählbar. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Krankenversicherung, ob Sie einen Teilnahmecode kostenfrei erhalten können.

Es gibt im Internet viele Foren zum Thema Depression. Gibt es da qualitative Unterschiede?

Mayadali-Kirschbaum: Für einige Betroffene sind solche Foren hilfreich, da sie sich sehr verstanden und mit ihrer Krankheit akzeptiert fühlen. Für andere ist das Schicksal der anderen eher belastend. Das kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Sie sollten aber unbedingt darauf achten, ob das jeweilige Forum aktiv und fachlich kompetent moderiert wird, wie zum Beispiel das Forum der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Muss ich meinen Arbeitgeber über meine Depression in Kenntnis setzen?

Dr. Siemann: Der Arbeitgeber hat prinzipiell kein Recht, von Ihrer Erkrankung zu erfahren. Die Entscheidung, ihn dennoch zu informieren, ist für viele Betroffene ein zweischneidiges Schwert: Zum einen kann die Offenheit entlasten und einfühlsame Reaktionen unterstützen, andererseits die Sorge vor einer Stigmatisierung belasten. Weiß der Arbeitgeber Bescheid, hat er die Chance, in Ihrem Sinne zu reagieren: Er kann den Arbeitsplatz umgestalten, bei der beruflichen Wiedereingliederung und anderen therapeutischen Maßnahmen unterstützen. Es kommt also auf den Einzelfall an, ob der Patient den Arbeitgeber informieren sollte. Bei der Entscheidung kann ein Therapeut, Arzt oder Sozialarbeiter wertvolle Hilfe leisten.

Wie erkläre ich meinen Angehörigen, dass ich eine Depression habe?

Dr. Siemann: So sachlich wie möglich. Eine Depression ist eine Erkrankung – keine Simulation. Es ist wirklich wichtig, dass Sie darüber mit Ihren Angehörigen sprechen. Erklären Sie ihnen die Symptome, jedoch ohne jemandem die Schuld zuzuweisen. Auch bei allen Unterstützungsangeboten kann es hilfreich sein, die Angehörigen und Personen ihres Vertrauens einzubeziehen.

Seit mein Mann vor kurzem gestorben ist, fühle ich mich wie gelähmt und habe keine Ahnung, wie mein Leben weitergehen soll. Bin ich vielleicht depressiv?

Dr. Rummel-Kluge: Von einer Depression im Sinne einer Krankheit spricht man, wenn zur gedrückten Stimmung beispielsweise Schuldgefühle oder Suizidgedanken hinzukommen. Ein Hinweis kann sein, dass das Gefühl der Traurigkeit sich auch durch sozialen Kontakt nicht lindert. Trauer und Depression zu unterscheiden ist nicht leicht. Sprechen Sie im Zweifel immer mit einem Arzt darüber.

Meine Frau liegt seit Wochen den ganzen Tag im Bett und hat zu nichts Lust. Wie kann ich ihr helfen?

Dr. Siemann: Wahrscheinlich machen Sie sich große Sorgen. Zunächst ist ganz wichtig, mögliche Ursachen für das Verhalten und Erleben Ihrer Frau zu finden. Dafür ist eine ärztliche und psychotherapeutische Untersuchung dringend notwendig. Es gibt viele mögliche körperliche und psychische Ursachen für Antriebslosigkeit und Interessensverlust, die eine unterschiedliche Therapie erfordern können. Ermutigen Sie Ihre Frau, sich professionelle Hilfe zu holen. Achten Sie aber bitte auch auf sich selbst: Gefühle von Überforderung und Hilflosigkeit bis hin zu Ärger sind keine Seltenheit bei Angehörigen von Betroffenen. Holen auch Sie sich rechtzeitig Unterstützung, wenn Sie merken, dass Sie mit der Situation nicht allein zurechtkommen.

Mein Mann zeigt Symptome einer Depression, will es aber nicht wahrhaben. Was kann ich tun?

Dr. Siemann: Es kann sich sehr schwierig anfühlen, mit dieser Situation umzugehen – zumal vermutlich Unsicherheit besteht, ob es sich tatsächlich um eine Depression handelt. Zur Klärung ist eine professionelle Diagnostik bei einem Arzt und einem Psychotherapeuten notwendig. Sprechen Sie Ihren Mann direkt darauf an und benennen Sie ganz konkret Ihre Sorgen. Hören Sie ihm zu, fragen Sie nach Bedenken in Bezug auf einen Arztbesuch und unterstützen Sie ihn beim Aufsuchen professioneller Hilfe. Eine Depression ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine psychische Erkrankung, für die es sehr wirkungsvolle Behandlungsmethoden gibt. Manchem hilft der Vergleich mit einer körperlichen Erkrankung: Wer sich ein Bein bricht, sucht schließlich auch einen Arzt auf.

(Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.)