Letzte Hilfe für „unversorgte Seelen“?

Hagen. (NO, 05.05.10) „Jeder junge Mensch hat das Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“. So steht‘s im § 1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. In der Praxis bleiben immer mehr Kinder und Jugendliche „unversorgt“. Tausende von Lehrstellen sind nicht zu besetzen, weil die Bewerber nicht zu gebrauchen sind. Eltern versagen als Erziehungsberechtigte – und hoffen, dass in der Schule nachgeholt wird, was zuhause sträflich versäumt wurde.

Was ist los mit Deutschlands Nachwuchs? Wie steht es um unsere Kinder? Dieser Frage geht der wochenkurier aktuell in einer Serie nach. So kamen in den letzten Ausgaben bereits Grundschullehrerinnen mit ihren „Hilferufen“ zu Wort. Sie klagten über zunehmende, oft erschreckende Verwahrlosung. Dabei ginge es nicht um Randgruppen, so eine alt gediente Lehrerin, sondern um einen immer breiter werdenden Strom inmitten unserer Gesellschaft.

Verlängerter Arm des Jugendamts

Längst können öffentliche Dienste wie das Jugendamt die Masse der Problemfälle nicht mehr bewältigen – es fehlen Mitarbeiter, Zeit und Geld. Abhilfe versprechen private Unternehmen. Wie beispielsweise die Jugendhilfe „Leitplanke“. Sie bietet Kindern, Jugendlichen und Familien Hilfestellung in schwierigen Lebenslagen an. „Wir sind der verlängerte Arm des Jugendamts“, erklärt Tim Heckrodt, Chef der „Leitplanke“.

Der Sozialpädagoge erwarb praktische Erfahrungen unter anderem in einer Wohngruppe in Bonn. Eigene Ideen, Konzepte und Ziele mündeten 2008 in die Gründung des eigenen Unternehmens mit anfänglichem Schwerpunkt Familienhilfe. Mittlerweile sind acht Mitarbeiter/innen sowie eine Praktikantin für die „Leitplanke“ tätig, deren Geschäftsstelle an der Heinrichstraße 12 am Kuhlerkamp zu finden ist.

Für Vertrauen und Selbstwertgefühl

Das Team der „Leitplanke“ hat in seinen Reihen auch eine Verfahrenspflegerin – praktisch eine Art Kinderanwältin – sowie einen Erlebnispädagogen und Waldlehrer, denn Erlebnispädagogik wird groß geschrieben bei der „Leitplanke“. So können junge Besucher beispielsweise im Hochseil-Klettergarten Vosswinkel nahe Arnsberg unter fach- und sachgerechter Anleitung wieder Selbstwertgefühl beim Meistern der Kletterpartie in luftiger Höhe aufbauen und gleichzeitig erfahren, wie gut es ist, auf die Hilfe eines Gruppenmitglieds vertrauen zu können. Zu den erlebnispädagogischen Kurzzeit-Projekten ab acht Jahren gehören auch Kanu fahren, Campen oder Reiten.

Länger, bis zu acht Wochen, dauern das Zirkusprojekt „Payazzo“ und die Mitarbeit in einem ostfriesischen Hotelbetrieb. „Dabei können die jungen Schützlinge Aufgaben und Verantwortung übernehmen – und bekommen auch deutlich gesagt, ,was Sache ist‘,“ so Tim Heckrodt.

Ein weiteres „Leitplanke“-Angebot ist eine Wohngruppe in Wehringhausen, wo vier Jugendliche ab einem Mindestalter von 16 Jahren von zwei Betreuern „gecoacht“ werden: pädagogische Intensivarbeit. Denn die Jugendlichen haben in der Regel zahllose Defizite und oft genug Probleme mit Schule und Ausbildung. In der Wohngruppe sollen sie auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden.

Hilfestellung

Carola Schmehl, Mitarbeiterin der „Leitplanke“, schildert einen Erfolgsfall: „Aus dem Heim kam ein Jugendlicher in eine Pflegefamilie, wo er jedoch nicht heimisch wurde. Ohne Perspektive, ohne Schulabschluss und von den Eltern verleugnet und ohne jede Bezugsperson landete er bei uns und kam in eine Wohngruppe, wo wir ihm behutsam wieder auf die Beine geholfen haben. Der junge Mann ist jetzt volljährig, lebt in einer eigenen Wohnung und geht zur Schule. Firmenkontakte wurden aufgebaut, nach dem Abschluss ist eine Ausbildungsstelle in Aussicht.“

Die „Leitplanke“ betreut im Auftrag des Jugendamts 15 „Fälle“, wozu rund zehn „Problemfamilien“ gehören. Diese werden im Wesentlichen unterstützt in Erziehungsaufgaben und beim Aufbau von Alltagsstrukturen. Hilfestellung gibt es auch im Umgang mit Geld, Ämtern und Verwaltung, bei der Wohnungssuche, in Schule, Ausbildung und Beruf und ganz allgemein in der Vorbereitung auf eine eigenverantwortliche und eigenständige Lebensführung.

Immer flexibel

Flexibel sein muss das Team der „Leitplanke“ und einsatzbereit nicht nur am Wochenende bei erlebnispädagogischen Einsätzen, sondern auch dann, wenn’s „brennt“. So mancher Notfalleinsatz kann „heftig“ werden. „Zum Beispiel, wenn ein Jugendlicher mit dem Messer auf seine Mutter losgeht“, erklärt Tim Heckrodt. Weshalb die Mitglieder des Teams auch in Selbstverteidigung geschult sind. Nur wenn eine Notfallsituation keine Alternative zulässt, werden Polizei und/oder Psychiatrie eingeschaltet.

Breit gefächert ist das Spektrum von „Leitplanke“ – und aus diesem Grund hier nur ansatzweise beschrieben. Mannigfaltig sind die Aufgaben, die das Jugendamt erfüllen müsste – doch aus Sachzwängen abgeben muss. Tatsache ist, dass ohne professionelle Hilfe privater Hilfsdienste viele jugendliche Problemfälle gar nicht mehr in die Spur gebracht werden können…

In Kürze will das Unternehmen noch eine zusätzliche Geschäftsstelle in Iserlohn eröffnen. Und außerdem wird eine „Projektstelle“ in Schweden geplant, wo traumatisierte Kinder aus schwierigen Lebenssituationen in Familien eingebunden werden können.