Liselotte Funcke verstorben

Hagen. (Red.) „Wir müssen Abschied nehmen von der wohl prominentesten Bürgerin unserer Stadt. Von einer der ganz großen Liberalen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hagen trauert um Dr. h.c. Liselotte Funcke.“

Liselotte Funcke verstarb am 1. August 2012 im Alter von 94 Jahren in ihrer Heimatstadt Hagen. (Foto: Anna Linne)

Mit diesen Worten von Trauer und Betroffenheit hat am Donnerstag, 2. August 2012, Hagens Oberbürgermeister Jörg Dehm auf den Tod von Dr. h.c. Liselotte Funcke reagiert, die am Mittwoch, 1. August, im Alter von 94 Jahren in einem Hagener Seniorenzentrum verstorben ist. „Die Hagener waren – über alle parteipolitischen Grenzen hinweg – immer stolz auf diese außergewöhnliche Frau, die ihre enge Verbindung zur Heimatstadt Hagen stets behielt“, so Dehm weiter.

In Hagen wurde sie am 20. Juli 1918 als viertes Kind des Fabrikanten Oskar Funcke geboren, ihre Mutter entstammte der Bankiersfamilie Osthaus. An der Volme besuchte sie das Realgymnasium (1937 Abitur). Und hier arbeitete sie nach dem erfolgreichen Studium der Betriebswirtschaftslehre in Berlin noch bis Ende der siebziger Jahre als Prokuristin für Bilanzen, Steuerrecht und Finanzwesen in der schon vom Urgroßvater gegründeten Schraubenfabrik und Gesenkschmiede Funcke & Hueck hinterm Hauptbahnhof.

Schon im Jahr 1946 schloss sich Liselotte Funcke der FDP an, ihr Name und der ihres Vaters Oskar stehen gemeinsam mit dem Willi Weyers für ein erstes liberales Engagement auf kommunaler Ebene in den Nachkriegsjahren. Dieses kommunale politische Engagement in Trümmern war die Grundlage für einen atemberaubenden politischen Lebensweg. Schon 1947 wird Liselotte Funcke Mitglied des nordrhein-westfälischen Landesvorstandes der Deutschen Jungdemokraten NRW, im gleichen Jahr Mitglied des FDP-Landesvorstandes. Ein Jahr später übernimmt sie den Vorsitz des FDP-Landesfrauenausschusses, den sie 20 Jahre lang inne haben wird. 1964 rückt Liselotte Funcke in den FDP-Bundesvorstand und 1968 ins FDP-Präsidium. Auf dem Parteitag in Kiel wird sie 1977 als Nachfolgerin von Hans Friderichs zur stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt.

In höchsten staatlichen Ämtern

Einher mit ihrem vielfältigen parteipolitischen Engagement geht ihr Wirken in höchsten staatlichen Ämtern. Nach elfjähriger Zugehörigkeit zum NRW-Landtag wechselt Liselotte Funcke 1961 in den Deutschen Bundestag, wird 1966 stellvertretende Vorsitzende des Finanzausschusses und ab 1972 dessen Vorsitzende. Zehn Jahre lang (1969 bis 1979) bekleidet sie das Amt der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Im November 1979 folgt sie dem Wunsch der Partei und wird im Kabinett des jungen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau Nachfolgerin des Wirtschaftsministers Horst-Ludwig Riemer. Bei den Landtagswahlen im Mai 1980 ist sie Spitzenkandidatin ihrer Partei, die FDP scheitert aber knapp an der Fünf-Prozent-Marke. Ein Jahr später holt Hans-Dietrich Genscher Liselotte Funcke als Nachfolgerin von Heinz Kühn im Amt der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung zurück nach Bonn.

Dieses Amt wird ihren Ruf als unbeugsame Liberale später besonders prägen. Als eine Leitfigur der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt legt sie das Amt zunächst aus Protest gegen die „Bonner Wende“ 1982 nieder, nimmt es im November 1982 auf Bitten des neu gewählten Bundeskanzlers Helmut Kohl aber wieder auf. Eine Entscheidung, die in den folgenden Jahren immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen insbesondere mit Innenminister Friedrich Zimmermann und dem CDU/CSU-Fraktionschef Alfred Dregger führt.

1991 Rücktritt

Von der Bundesregierung unter Helmut Kohl und vom Bundeskanzler selbst fühlt sich die Liberale immer wieder allein gelassen – bis sie zum 15. Juli 1991 ihren Rücktritt als Ausländerbeauftragte der Bundesregierung erklärt.

Doch auch ohne dieses Amt blieb Liselotte Funcke bis zu ihrem Tod nicht nur international anerkannte Expertin für Ausländerfragen – nein, gerade viele ausländische Mitbürger haben sie bis heute ins Herz geschlossen.

Trotz ihrer schier endlosen Ämter und Funktionen nahm sich Liselotte Funcke stets Zeit, sich auch in Hagen zu engagieren. So hat sich Liselotte Funcke über viele Jahrzehnte in den Dienst der behinderten Menschen gestellt. Insbesondere hat sie das Geschehen bei der Evangelischen Stiftung Volmarstein im Vorstand und Kuratorium maßgeblich mitbestimmt. Ihr Engagement zum Erhalt und zur Sanierung des Eugen Richter-Turms im eigens gegründeten Eugen Richter-Turm-Verein, dessen Vorsitzende sie bis zum Frühjahr 2002 war, zeigt ihr reges Interesse an ihrer Heimatstadt bis ins hohe Alter ebenso wie ihr umfangreiches heimatkundliches Wirken, das in zahlreiche Beiträge zur Geschichte Hagens mündete.

An ihre Heimatstadt bindet sie aber auch eine Ehrendoktorwürde der Fernuniversität Hagen – die einzige deutsche Fernuniversität brachte mit dieser Auszeichnung die Würdigung des gesellschaftlichen Wirkens von Liselotte Funcke zum Ausdruck.