„Lucia“ im Theater Hagen: Romantik mit einem Hauch Moderne

Hagen. (cs) Beinahe hätte es Lucias Geliebten Edgardo ein zweites Mal erwischt: Nach minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen im Anschluss an die Premiere der Oper „Lucia di Lammermoor“ am Theater Hagen wollte das Ensemble ein letztes Mal einen Schritt auf das begeisterte Publikum zugehen. Doch da geschah es: Der Vorhang fiel  – und nur knapp entgingen einige Akteure einer unsanften Begegnung mit dem von oben herabfallenden Ungetüm. So auch Edgardo, gespielt von Kejia Xiong, der nur einige Minuten zuvor bereits einen eindrucksvollen Theater-Tod gestorben war.
Stimmen, die bewegen
Nicht nur in Edgardos Todesszene bewies Tenor Kejia Xiong, dass er seine Stimme eindrucksvoll und vor allem gefühlvoll einzusetzen weiß. Gepaart mit seiner schauspielerischen Leistung vermittelte er Liebe, Verzweiflung und Hass – Zustände, die im frühen Schottland den Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen den Ashtons und den di Ravenswoods beschreiben. Lucia (Cristina Piccardi), die nach dem Tod der Mutter mit Arturo Bucklaw, einem vermögenden Katholiken verheiratet werden soll, liebt insgeheim Edgardo, mit dem ihr der Umgang jedoch seitens ihrer Familie, insbesondere ihres Bruders Enrico (am Premieren-Abend gespielt von Kenneth Mattice), untersagt ist. Cristina Piccardi versteht es, Lucias Zerrissenheit zwischen den eigenen Gefühlen und den Anforderungen der Familie und der Gesellschaft darzustellen und die Zuschauer in den Bann einer romantischen Liebestragödie zu ziehen.
„Weg von der Geistergeschichte“
Die Kostüme sprechen nicht die Sprache der Romantik, wurden sie doch von Kos­tümbildnerin Christiane Luz während der Entstehung der Inszenierung immer moderner geschneidert, da auch die Handlung, die eigentlich dem 17. Jahrhundert zuzuordnen ist, von Regisseur Thomas Weber-Schallauer immer weiter in die Moderne gerückt wurde. „Wir wollten weg von der düsteren Geistergeschichte“, beschreibt Weber-Schallauer seine Intention. Ansonsten beinhaltet Gaetano Donizettis Oper jedoch so ziemlich alles, was ein Produkt italienischer Romantik inne haben sollte: eine unerfüllte Liebe, die zumindest einen Liebenden in den Wahnsinn oder den Tod treibt.
Wahnsinn und Depression
In „Lucia di Lammermoor“ liegt der Fokus der Tragik auf der Figur der Lucia, die, von Depressionen geleitet, einen langsamen und qualvollen Tod über drei Akte erleidet. Es ist eine musikalisches Abarbeiten an Extremsituationen. Eine Rolle, die Sopranistin Cristina Piccardi mit Bravour meistert. Sie brilliert mit der sogenannten „Wahnsinns-Arie“. Dabei wird sie begleitet von einer Glasharmonika. Das seltene Instrument erzeugt bei dieser Arie genau die sphärischen Klänge, die den Wahnsinn noch einmal unterstreichen.
Schiefe Wände und bewegliche Decke
Doch nicht nur die Musik sorgt für eine „wahnsinnige“ Inszenierung von Lucia di Lammermoor. Das Bühnenbild von Jan Bammes verkörpert ebenfalls die Tragik der Geschichte um Lucias Liebe. Im Hintergrund befindet sich eine raue, düstere Felswand, die wie Lucia selbst zu zerbrechen droht. Links und rechts befinden sich große, starre Betonpfeiler, die die Bühne eingrenzen. Besonders beeindruckend ist jedoch die Deckenkonstruktion, die mit jedem Akt ein Stück weiter herunter gefahren wird, um den Druck, der sowohl auf der ganzen Familie Ashton, als auch auf Lucia lastet, deutlich zu machen.
Ensemble-Leistung begeistert die Zuschauer
Summa summarum erleben die Zuschauer eine Vorstellung, die einerseits so klassisch ist, dass alle Opern-Liebhaber auf ihre Kosten kommen. Anderseits ist diese „Lucia“ aber auch so modern und frisch, dass das Ensemble des Theater Hagen auch solche begeistern wird, die Kultur für gewöhnlich ein wenig legerer genießen möchten.
Weitere Aufführungen
Weitere Termine für „Lucia di Lammermoor“: 27. Januar, 1. Februar, 5. Februar, 10. Februar, 16. Februar, 1. März, 1. April, 23. April, 14. Mai, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter Tel. 02331 / 207-3218 oder unter www.theaterhagen.de.