Mai 1814: Freudenschüsse

Hagen. (ME) Vor genau 200 Jahren wurde die „Quadriga“ – das ist jenes berühmte Kunstwerk, das in Berlin das Brandenburger Tor krönt – in einer spektakulären Aktion aus Paris heim nach Preußen geholt. Dabei passierte der Transport auch Hagen und Herdecke. Diese kleine Geschichte erzählt Tanja Münch den wochenkurier-Lesern. Heute folgt Teil 3.

„Ich war schon mehrere Male in Berlin – sowohl zur DDR-Zeit als auch nach der Wiedervereinigung,“ sagt Tanja Münch, „das Brandenburger Tor gehörte natürlich immer zu den besuchten Sehenswürdigkeiten. Aber ehrlich gesagt, kannte ich all die historischen Ereignisse nicht, die mit dem Tor einhergehen. Heute nehme ich dieses Bauwerk mit ganz anderen Augen wahr. Mit Sicherheit werde ich am kommenden Mittwoch, 14. Mai 2014, daran denken, dass 200 Jahre zuvor die Quadriga in einem Triumphzug durch Hagen und Herdecke geführt wurde und wie Hagener und Herdecker Bürger mit unermesslichem Jubel den Siegeswagen und die preußischen Truppen begrüßten.“

Warum durch Hagen?

Warum verlief der Weg durch Hagen und Herdecke nach Berlin? Ganz einfach: Der bequemste Weg vom Rhein nach Berlin führte damals über die Chaussee durchs Tal der Ennepe und weiter nach Dortmund, und von hier ging’s dann großenteils über den westfälischen Hellweg – eine der wichtigsten Handelsstraßen -, der sich bereits im Mittelalter bildete und der auch heute noch direkt durch Dortmund führt (Osten- und Westenhellweg).

Auf dem Weg nach Dortmund mussten jedoch die Ruhr und das zum Teil sehr steile Ardeygebirge gequert werden. Herdecke liegt geographisch sehr vorteilhaft, denn eine Abflachung des Ardeyrückens am nördlichen Stadtrand bietet einen bequemen Übergang. Zudem gab es vor zweihundert Jahren hier die einzige Ruhrbrücke in der Region. Schon in den ältesten Unterlagen Anfang des 13. Jahrhunderts wird die Herdecker Ruhrbrücke erwähnt – ein Zeichen für die wichtige Bedeutung dieses Standortes.

Genau genommen waren es zwei Brücken: Zuerst überquerte man von Hagen kommend die hölzerne Ruhrbrücke (erst Ende des 19. Jahrhunderts folgte dann die erste, völlig aus Stein errichtete Brücke über die Ruhr). Ein paar Meter weiter wurde dann der Mühlengraben überquert. Beide Brücken wurden aber traditionell als Einheit angesehen, was man noch heute am Hotelnamen „Zweibrücker Hof“ erkennen kann.

Freudenschüsse

„…Da plötzlich wirbelte in der Ferne eine Staubwolke auf. Schwere Lastwagen sah man näher kommen. Freudenschüsse donnerten aus den an den Bergabhängen aufgepflanzten Böllern und hallten im Tale wieder. Nun setzte die Musik ein, und eine Bewegung ging durch die vieltausendköpfige Menschenmenge. Sie kommt! Sie kommt! rief man sich zu. Und nun schwankte es heran unter Hufgestampfe und Räderknirschen. Groß und mächtig ragte aus grober Umhüllung ein stolzes Frauenhaupt hervor, und ein bronzener Arm hielt ein Feldzeichen hoch in die Luft. Man sah es jetzt deutlich, und aus den Gestellen auf den folgenden Wagen tauchten mächtige Pferdehäupter empor. Die Siegesgöttin vom Brandenburger Tor, die der Bonaparte geraubt und nach Paris geschleppt hatte, kehrte in die Hauptstadt des Reiches zurück … Die Freude kannte keine Grenzen mehr. Alles brach in begeisterte Hurrarufe aus; Tränen entstürzten den Augen, und viele umarmten sich in wildem Jubel…“ – Durch solch pathetische Schilderungen sollte vor etwa hundert Jahren die „märkische Jugend“ für Heimatkunde und vaterländische Gefühle gewonnen werden („Die Grafschaft Mark – Ein Jubiläumsbüchlein, der märkischen Jugend gewidmet“, Seite 126/127).

Wird fortgesetzt …