Mai 1814: Quadriga nächtigt in Hagen

Hagen. (ME) Vor 200 Jahren wurde die „Quadriga“ – das ist jenes berühmte Kunstwerk, das in Berlin das Brandenburger Tor krönt – in einer spektakulären Aktion aus Paris heim nach Preußen geholt. Dabei passierte der Transport auch Hagen und Herdecke. Diese kleine Geschichte erzählt Tanja Münch den wochenkurier-Lesern.

Heute folgt Teil 2!

Von Tanja Münch

Das Friedenstor – so wurde anfänglich das Brandenburger Tor genannt – sollte seinem Namen nur zwölf Jahre gerecht werden, denn nach Preußen kam der Krieg, den Napoleon am 14. Oktober 1806 in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt mit der Vernichtung der preußischen Truppen für sich entschied. Am 27. Oktober 1806 ritt der Kaiser der Franzosen nach Berlin, um die preußische Hauptstadt zu besetzen. Das Friedenstor bot die richtige Kulisse zur Demütigung, weil er sich dort die Schlüssel der Stadt vom Magistrat aushändigen ließ.

Der „Pferdedieb“

Besonders dreist und beschämend empfanden die Berliner, dass Kaiser Napoleon die Quadriga nach Paris entführen ließ und sogar der Erbauer selber – der Kupferschmied Jury – „seine“ Skulptur abmontieren musste. Der Architekt Schadow, der ja die Figurengruppe entworfen hatte, verfasste zusammen mit anderen Künstlern ein Bittgesuch. Darin verwiesen sie darauf, dass die Quadriga auf der Reise schweren Schaden nehmen könnte. Diese Bittschrift gelangte aber gar nicht erst in die Hände Napoleons.

In Paris wurde das Siegessymbol erst einmal für 16.492 Francs restauriert. Zum einen waren die von Schadow befürchteten Transportschäden Wirklichkeit geworden; zum anderen hatte Napoleon mit dem Beutegut noch viel vor: Er wollte einen Triumphbogen bauen, der von der Quadriga gekrönt werden sollte. Doch dazu kam es nie. Die Berliner waren sehr erbost über die Verschleppung der Quadriga. Spöttisch nannten sie Napoleon den „Pferdedieb von Berlin“.

„Retourkutsche“

Vor zweihundert Jahren – also 1813 – schlossen sich Preußen, Russland und Österreich zusammen. Die gemeinsam geführten Freiheitskriege gipfelten am 24. Oktober 1813 in der Völkerschlacht von Leipzig, in der Napoleon und seine Truppen vernichtend geschlagen wurden.

Acht Jahre lang befand sich die Quadriga „im Exil“, als sie schließlich am 4. April 1814 von General Blücher in Paris aufgespürt wurde. Ohne einen Friedensvertrag abzuwarten, forderte der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Quadriga sofort zurück. Umgehend wurde sie in 15 Kisten verpackt und trat, eskortiert von 25 preußischen Soldaten, ihren Heimweg an.

Für den Transport der sechs großen Frachtwagen wurden 52 Pferde benötigt. Zunächst führte der Weg über Brüssel und Aachen nach Düsseldorf, wo sie auf sechs Fähren über den Rhein gesetzt und am 11. Mai im neuen Hafen von Düsseldorf von jubelnden Menschenmassen empfangen wurde. Der Weitertransport wurde zu einem Triumphzug und die Figur zum Symbol des Sieges über Napoleon. „Retourkutsche“ wurde sie deshalb liebevoll-spöttisch genannt.

Siegesgöttin in Hagen

Am 13. Mai 1814 passierte die Quadriga jenseits der Stadt Schwelm die alte Grenze zwischen Berg und der preußischen Grafschaft Mark. Unter festlichem Geläut aller Glocken und unter dem Zulauf einer unübersehbaren Menschenmenge zog sie am Abend in Hagen ein, der ersten altpreußischen Kreisstadt am Wege. Der Jubel des Volkes war unbeschreiblich, als der lange Zug von Wagen die Enneper Straße herab kam. Der Triumphzug blieb in Hagen über Nacht.

Kaum graute der Tag, da wurden von den Einwohnern Hagens die Häuser mit unzähligen Kränzen und Inschriften geschmückt, und mit eben der festlichen Stimmung über Eckesey nach Herdecke begleitet. Der Weg führte in der Ruhrstadt dann weiter über die untere Hauptstraße, durch die heutige Fußgängerzone, weiter stadtauswärts über die Straße Herdecker Bach und schließlich auf der Wittbräucker Straße nach Dortmund-Aplerbeck zum Hellweg, der dann weiter Richtung Berlin führte.

Warum verlief der Weg durch Hagen und Herdecke nach Berlin? Das erzählt Tanja Münch in der kommenden Woche …