Max-Reger-Musikschule beispielhaft

Gleich mehrere Schüler-Ensembles im Bereich Sonderpädagogik hat die Max-Reger-Musikschule. Ihr Ruf und Angebot in diesem Bereich ist über Hagens Grenzen hinaus bekannt. (Foto: Max-Reger-Musikschule Hagen)

Hagen. (san) So viele Jahre wie die Rheinische Musikschule in Köln von 1845 hat sie nicht auf dem Buckel, auch mit einer Vorreiter-Rolle in der musikalischen Breitenarbeit wie beispielsweise die Städtische Musikschule in Hamm, gegründet 1940, kann sie nicht aufwarten. Und doch ist die Hagener Max-Reger-Musikschule eine der ältesten Einrichtungen im Verband deutscher Musikschulen. Sie feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Gebührend gefeiert wird das Jubiläum mit Großveranstaltungen im Juni und Juli.

Um so mehr dürfen sich Musikfreunde und vor allem Weggefährten über das langjährige erfolgreiche Bestehen freuen, als dass die Schule doch in all der Zeit „eine recht stiefmütterliche Behandlung erfuhr“, wie es Musikschulleiter Helmut Schröder aus der Rückschau sieht. Rund 20 Jahre lang ’tingelten’ Musiklehrer und Schüler quer durch leerstehende Räume der Stadt, zunächst unter ihrem ersten Leiter Fritz Emonts, der dem Musikschul-Vorgänger “Schüngeler Konservatorium“ entsprang, und auch noch anschließend unter der Leitung von Konzertorganist und Cembalist Helmut Schröder. So bezog man 1965 die viel zu kleine und renovierungsbedürftige Cuno-Villa an der Haßleyer Straße, zog danach in die alte Ingenieurschule am Rathaus. Dort gab es zwar viel Platz, aber aufgrund hoher Schadstoffbelastung durften viele Räume nicht genutzt werden. Nun, im ehrwürdigen Elbersgebäude an der Dödterstraße angekommen, sind die Musikpädagogen recht zufrieden, „aber auch hier hat man uns aus Kostengründen Räume entzogen“, so Schröder. Die leeren Kassen der Stadt muten der Einrichtung mehr denn je ein karges Überleben zu.

Moderne Vielfalt

Verbindet der gemeine Bürger auch heute noch oft mit dem Begriff Musikschule gutbürgerlichen Klavier- und Violin-Unterricht, so kennt er wahrlich nicht den Bedarf des modernen Publikums. Natürlich schlagen sich die klassischen Instrumente in großer Lehrstundenzahl nieder, aber schon lange hat die Max-Reger-Schule auf die Bedürfnisse der mitnichten nur jugendlichen Schüler reagiert. Seit Ende der 80er Jahre wurde der Bereich der Sonderpädagogik auf- und ausgebaut, der Fachbereich Rock/Pop/Jazz hat einen großen Stellenwert in der Einrichtung und die langjährige Tanzabteilung gehört ebenso zu den verlagerten Schwerpunkten wie das noch recht junge Projekt “Jedem Kind ein Instrument“ (JeKI).

Vor allem der große Fachbereich “Sonderpädagogik“, kontinuierlich aufgebaut seit 1989, ist eine Bereicherung nicht nur für viele Behinderte in der Stadt, der Zulauf erfolgt gar aus Dortmund und Bochum. Denn im weiten Umkreis liefert niemand ein vergleichbares Angebot. „Wir haben etliche Interessenten auf der Warteliste,“ gesteht Constance Boyde, seit 2006 Leiterin des Fachbereichs. Zwar ist dieser Zweig der Einrichtung mit zwölf Kollegen ganz gut bestückt, aber das Betätigungsfeld ist auch weit. Waren es in Anfangzeiten drei Förderschulen, so kooperiert die Max-Reger-Schule mittlerweile mit allen Förderschulen vor Ort. In den meisten Einrichtungen läuft aktuell ein Bandprojekt.

Seit über zehn Jahren macht die integrative Musikschulband “Together“ erfolgreich Musik. Das Foto zeigt sie bei einem Auftritt in Essen. Fachbereichsleiterin Constance Boyde (hinten l.) ist mit von der Partie. (Foto: Musikschule)

Längst gelebte Inklusion

Natürlich findet auch mit den Behinderten, mögen sie ein geistiges Handicap haben, blind oder auch nur autistisch sein, Einzelunterricht für fast alle Instrumente statt. „Wir lassen uns jeweils individuelle Lernmethoden einfallen, ganz so, wie der Schüler es braucht,“ so Musiktherapeutin Boyde. Geduld ist oftmals oberstes Gebot, aber die Musiklehrer wissen, „gerade diese Menschen leben die Musik und erfahren zu Recht durch sie eine enorme Bestätigung“.

Und was in den allgemeinen Schulen mehr schleppend anläuft, die Inklusion, ist in der Musikschule schon vor über einem Jahrzehnt angekommen. Nicht nur mit der integrativen Band “Together“, auch bei anderen Ensembles und Schülern gibt es immer wieder Berührungen und Zusammenspiele mit den “normalen“ Musizierenden. Gemeinsame Auftritte bei öffentlichen Veranstaltungen gab es reichlich, Höhepunkte waren sicherlich ein gemeinsames Konzert mit dem Philharmonischen Orchester Hagen oder das Vorspiel bei Bürgermeisterempfängen. “Together“ beispielsweise ist über die Grenzen der Volmestadt hinaus bekannt und seit Anbeginn vor über zehn Jahren konnte man diese außergewöhnliche Band noch nie in die “Sonderpädagogik-Ecke“ schieben.

In der Max-Reger-Musikschule gibt es beispielsweise auch die junge geistig behinderte Frau, die ein enormes pianistisches Repertoire bloß nach Gehör aufweisen kann, oder den blinden Keyborder, der mal eben während seines Konzerts die Noten transponiert, weil er hört, dass eine Einstellung nicht mehr stimmt.

Was die städtische Musikschule diesen Menschen, aber auch unserer Gesellschaft mit dieser beinahe einzigartigen Arbeit in diesem Fachbereich gibt, muss jede andere Schule erst einmal nachmachen. „Natürlich sind wir auch kostenintensiv, aber durch den eigenen Förderverein und etliche Gelder, die wir über unsere Konzerte einspielen, können wir auch einiges selbst finanzieren,“ wünscht sich Fachbereichsleiterin Constance Boyde ein wenig mehr Planungssicherheit zum 50. Geburtstag der Einrichtung.

Anhören lohnt sich

Wer sich übrigens selbst einmal von der gelebten Integration und musikalischen Arbeit überzeugen will, dem sei die Jubiläumsveranstaltung am Samstag, 8. Juni 2013, 17 Uhr, in der Stadthalle, empfohlen. Hineinschnuppern und selbst mitmachen im Bereich Sonderpädagogik können Interessierte in der Integrativen Musikwerkstatt unter dem Motto “Anders ist normal“ am Freitag, 28. Juni 2013, 16 Uhr in der Dödterstraße 10.

Wer einen kompetenten Ansprechpartner rund um das Thema Musik und Behinderung sucht, findet diesen in Constance Boyde unter der Rufnummer 0171 / 5671390 oder der E-Mail-Adresse Constance.Boyde@stadt-hagen.de.