Migräne: Akutbehandlung und Vorbeugung

Migräne
Welche Möglichkeiten gibt es, Migräneattacken vorzubeugen beziehungsweise sie wirksam zu bekämpfen? (Foto: contrastwerkstatt/fotolia.com)

Hagen. Häufig wiederkehrende Migräneattacken können die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Für viele Patienten wird das Leben von der Angst vor der nächsten Attacke geprägt. Zwar stehen wirksame Medikamente zur akuten Schmerzbekämpfung zur Verfügung, doch wer häufig Schmerzmittel einnimmt, riskiert zusätzliche Kopfschmerzen, die durch die Medikamenteneinnahme selbst entstehen. Maßnahmen, die Attacken verhindern oder zumindest in Stärke und Dauer verringern, sind bei häufiger Migräne deshalb eine wichtige Säule der Behandlung.

Neue Wirkstoffe und die Kombination von Medikamenten und nicht-medikamentösen Therapieangeboten können die Krankheitsbelastung deutlich senken. Eine Migräneprophylaxe wird gemäß der gemeinsam von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie erarbeiteten Therapieleitlinie bereits bei drei und mehr Migräneattacken pro Monat empfohlen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten Betroffene nutzen können, dazu informierten Experten anlässlich des Deutschen Kopfschmerztages 2018 am Lesertelefon. Auch Vertreter der Deutschen Schmerzliga und der Migräneliga Deutschland standen als Experten zur Verfügung. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Wo liegt der Unterschied zwischen Spannungskopfschmerz und Migräne?

Prof. Dr. Mathias Keidel: Spannungskopfschmerz wird meistens als ein dumpf-ziehendes oder drückendes und einengendes Gefühl am ganzen Kopf oder im Stirn-Schläfenbereich beschrieben – wie „ein Schraubstock“ oder als ob „ein Helm übergestreift würde“. Die Spannungskopfschmerz-Episoden dauern meistens nur einige Stunden. Paradoxerweise kann sich durch regelmäßigen Gebrauch von Schmerzmedikamenten zur Bekämpfung der Kopfschmerzen ein chronischer Spannungskopfschmerz entwickeln, der häufiger als an 15 Tagen pro Monat bis nahezu täglich auftritt. Der Migräne-Kopfschmerz zeigt sich dagegen in der Regel halbseitig, ist meist von pulsierendem Charakter und heftiger als der Spannungskopfschmerz. Die Migräneattacke dauert ein bis zwei Tage. Dem Kopfschmerz kann eine so genannte Aura mit Sehstörungen oder flüchtiger Gefühlsstörung vorausgehen. Dazu kommen Übelkeit bis zum Erbrechen und Überempfindlichkeiten gegenüber Licht, Geräuschen, Gerüchen oder Berührung. Während sich bei Betroffenen mit einem Spannungskopfschmerz die Symptome häufig bei Bewegung an der frischen Luft bessern, benötigt der Migräniker absolute Ruhe und Reizabschirmung, denn körperliche Anstrengung kann den Schmerz noch verstärken. Für beide Kopfschmerzarten sind tägliche Wechselduschen oder Teilgüsse, Ausdauertraining wie Joggen oder Nordic Walking an der frischen Luft und die eigenständige Durchführung muskel-zentrierter Entspannungstechniken zur Lockerung der Schulter-Nackenmuskulatur vorbeugende Maßnahmen.

Ab wann spricht man von chronischer Migräne?

Prof. Dr. Karl-Heinz Grotemeyer: Wir unterscheiden zwischen zwei Arten von Migräne: Die chronische Migräne diagnostiziert man bei Patienten, die über mehr als drei Monate hinweg mindestens 15 Kopfschmerz-Tage pro Monat erleiden, an denen an acht oder mehr Tagen Migränesymptome auftreten. Bei der so genannten episodischen Migräne leiden die Betroffenen an bis zu 14 Tagen im Monat an Migräne, also etwa jeden zweiten Tag. Hier gilt es jedoch auszuschließen, ob es sich tatsächlich um Migräneattacken oder etwa um einen Kopfschmerz aufgrund von Medikamentenübergebrauch handelt, also einer zu häufigen Einnahme von Akutschmerzmitteln.

Wie häufig kann ich Akutmedikamente einnehmen, ohne das Risiko von Medikamentenkopfschmerz einzugehen?

Dr. med. Andreas Peikert: Als grobe Faustregel gilt, dass an nicht mehr als zehn Tagen pro Monat Kopfschmerzmittel eingenommen werden sollten, also maximal an jedem dritten Tag. Bei einem so hohen Schmerzmittelbedarf sollte in jedem Fall gemeinsam mit dem Arzt überlegt werden, ob es nicht wirksame Methoden der Vorbeugung gibt, um die Kopfschmerzlast zu reduzieren. Hier sind eine leidensgerechte Lebensführung zu nennen, Ausdauersport, Entspannungsverfahren sowie vorbeugend wirksame Medikamente, jeweils abgestimmt auf den Einzelfall.

Kommt eine Migräneprophylaxe für alle Patienten in Betracht?

Priv.-Doz. Dr. med. Tobias Freilinger: Allgemeingültig ist das nicht. Die Prophylaxe mit Medikamenten macht nur dann Sinn, wenn die Migräne wirklich häufig auftritt. Welcher Wirkstoff dann individuell am besten geeignet ist, findet der behandelnde Neurologe oder Schmerztherapeut mit Ihnen gemeinsam heraus und wählt aus dem Spektrum der Leitlinien. Alle Betroffenen können und sollen begleitend aber auch selbst vorbeugende Maßnahmen durchführen. Dazu zählen zum Beispiel Stressbewältigung und moderater Ausdauersport.

Wie kann ich in meinem privaten Umfeld Verständnis für meine Erkrankung und die damit einhergehenden Ausfälle wecken?

Prof. Dr. Peter Kropp: Diese Frage stellen viele meiner Patienten, da sie sich unverstanden fühlen. Man sieht den Betroffenen die Erkrankung eben nicht sofort an, schon gar nicht in den Tagen zwischen den Anfällen. Mein Tipp: Fangen Sie beim kleinsten gemeinsamen Nenner an. Jeder Mensch hatte schon einmal Kopfschmerzen. Wenn man sich diese nun extrem potenziert vorstellt, gepaart mit Übelkeit, Geräusch- und Lichtempfindlichkeit, dann wird es schon sehr unangenehm – auch demjenigen, der es glücklicherweise noch nicht erlebt hat. Man kann sich dann schlechter konzentrieren und die täglichen Dinge nur mit Mühe durchführen. Manchen hilft hier auch ein Bild wie „Es gewittert in meinem Kopf“.

Ich leide mehrmals monatlich unter Migräne-Attacken. Auf der Arbeit redet man schon darüber. Hilft es, wenn ich mich jedes Mal für die zwei Tage krankschreiben lassen würde? Welche Erfahrungen haben andere damit gemacht?

Günter Rambach: Migräne, gepaart mit Begleiterscheinungen wie Sichtfeldeinschränkungen, Übelkeit und Geräuschempfindlichkeit, macht es in jedem Berufsfeld unmöglich, die gewohnte Leistung zu erbringen. Hinzu kommt, dass für viele Betroffene schon der Weg zur Arbeitsstelle unzumutbar ist. Eine Krankschreibung ist hier in den meisten Fällen unvermeidbar. Versuchen Sie, Ihren Kollegen zu erklären, wie es Ihnen während einer Attacke geht. Vielen fällt es schwer, Verständnis aufzubringen – umso so wichtiger ist es, offen im gesamten persönlichen Umfeld zu kommunizieren.

Normale Schmerzmittel helfen mir während einer Attacke nicht ausreichend. Gibt es Medikamente, die speziell gegen die Migräne gedacht sind?

Dr. med. Heike Israel-Willner: Wenn die Behandlung mit Analgetika nicht mehr ausreicht, sollten Sie mit Ihrem behandelnden Arzt über die Einnahme von Triptanen sprechen. Diese wurden speziell zur Behandlung von akuten Migräneschmerzen entwickelt und sind zum Teil schon rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Für Patienten, die an mehr als sechs Schmerztagen pro Monat leiden, kommt zudem auch eine medikamentöse Vorbeugung infrage. Neben verschiedenen Medikamenten, die in Tablettenform eingenommen werden, stellt dabei der Wirkstoff Erenumab eine neue und innovative Therapie dar, die vor kurzem in Deutschland zugelassen wurde. Erenumab gehört zur Substanzklasse der CGRP-Antikörper und kann die Weiterleitung von Schmerzsignalen beeinflussen, in dem er einen Schmerz-Rezeptor blockiert. Monatlich mithilfe eines Pens injiziert, kann dieser Wirkstoff dazu beitragen, die Anzahl der monatlichen Migräneattacken deutlich zu reduzieren. Die Zulassung weiterer Wirkstoffe dieser Art, wie Fremanezumab und Galcanezumab, ist
geplant.

Für wen ist der Wirkstoff geeignet? Wer verschreibt mir die neue Therapie und muss ich die Kosten selbst tragen?

Dr. med. Astrid Gendolla: Eine vorbeugende Therapie mit CGRP-Antikörpern ist zunächst speziell für erfolglos vorbehandelte Migräniker vorgesehen. Sprich: Wer an mehr als sechs Tagen im Monat unter Migräneattacken leidet und bereits diverse medikamentöse Prophylaxen, zum Beispiel mit Betablockern, ausprobiert hat ohne eine positive Veränderung feststellen zu können, für den könnte die neue Therapieoption vielversprechend sein. Sprechen Sie hierzu am besten ihren behandelnden Neurologen an. Er kann Ihnen auch sagen, ob eine Kostenübernahme des Medikaments durch die Krankenkasse infrage kommt.

Ich habe gelesen, dass man als diagnostizierter Migräniker als „schwerbehindert“ gilt. Was kann ich jetzt tun, damit der Status anerkannt wird und was bedeutet das für mich?

Lucia Gnant: Laut Weltgesundheitsorganisation gehört die Migräne zu den zehn Erkrankungen, unter der die Betroffenen am meisten leiden. Wenn wir uns die Liste an möglichen Begleiterscheinungen anschauen, die mit massiven Einschränkungen im Alltag einhergehen, ist dies kein Wunder. Ihren individuellen Grad der Behinderung, beziehungsweise einen Grad der Schädigungsfolgen können Sie beim Versorgungsamt feststellen lassen. Die Einstufung richtet sich danach, wie häufig und intensiv Ihre Migräneattacken auftreten. Wird Ihnen ein Grad der Behinderung von mindestens 50 zugesprochen, so können Sie einen Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis stellen und dann Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen. Weitere Informationen zu diesem Thema können Betroffene in der Mitgliederzeitschrift der Migräneliga e.V. Deutschland nachlesen. Alle Ausgaben sind auf der Internetseite www.migraeneliga.de archiviert.

Weitere Informationen unter:

– Deutsche Schmerzliga e.V.: www.schmerzliga.de
– Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.: www.dmkg.de

Die Fragen wurden beantwortet von:
• Prof. Dr. Matthias Keidel; Facharzt für Neurologie und Nervenheilkunde, Chefarzt Akutneurologie und neurologische Intensivmedizin, Neurologische Klinik am Campus Bad Neustadt/Saale
• Prof. Dr. med. Karl-Heinz Grotemeyer; Facharzt für Neurologie & Psychiatrie, spezielle Schmerztherapie, Intensivmedizin, Praxis Grotemeyer, Saarbrücken
• Dr. med. Andreas Peikert; Facharzt für Neurologie und Psychatrie, Psychotherapie, Spezielle Schmerztherapie, Regionalbeauftragter der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Neurologicum Bremen
• Priv.-Doz. Dr. med. Tobias Freilinger; Facharzt für Neurologie, Oberarzt Zentrum für Neurologie, Universitätsklinikum Tübingen
• Prof. Dr. Peter Kropp; Dipl.-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Direktor des Instituts für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie Universitätsmedizin Rostock
• Günter Rambach; Vizepräsident der Deutschen Schmerzliga e.V., Frankfurt / Main
• Dr. med. Heike Israel-Willner; Fachärztin für Neurologie, Leitung Kopfschmerzzentrum Charité, Kopfschmerzzentrum am Campus Mitte (CCM), Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie Charité, Berlin
• Dr. med. Astrid Gendolla; Fachärztin für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie und Psychotherapie, Essen
• Lucia Gnant; Präsidentin der MigräneLiga e.V. Deutschland, Buchautorin, Leimen