Mircos Tod wühlt Eltern auf

Kinder vor Trieb- und Gewalttätern zu schützen, ist zwar das Ziel der Polizei, aber einen vollen Schutz kann es nicht geben. Denn 97 Prozent der Missbrauchsfälle gehen auf das Konto von Tätern, die sich im unmittelbaren Umfeld der jungen Opfer aufhalten: Nachbarn, Freunde oder Familienangehörige. (Foto: Polizei)

Hagen/Iserlohn/Schwerte. (clau) Der Fall des 10-jährigen Mirco aus Grefrath ist aufgeklärt. Ein dreifacher Familienvater hat sein Zufallsopfer aus purem Frust getötet. Das Schicksal des vermissten Jungen hatte zuvor über Monate die ganze Nation in Atem gehalten und die Gemüter – besonders der Eltern im Lande – aufgewühlt. Viele fragen sich, mit welchen Ratschlägen oder Verhaltensmaßnahmen sie ihre eigenen Kinder vor ähnlichen Gewaltakten schützen können.

Kriminaloberkommissar Frank Enser ist selbst Vater zweier Kinder und hat sich mit dieser Frage nicht nur beruflich auseinandergesetzt. „Was man den Kindern warnend mit auf den Weg gibt, muss zuerst einmal auch umsetzbar sein“, sagt der Beamte. „Das Gebot ‚Geht nur zu zweit oder zu dritt!‘ klappt einfach nicht immer.“

Auch Selbstverteidigungskurse dienten eher dazu, das eigene Sicherheitsgefühl zu steigern, als im Notfall Angreifer in die Flucht zu schlagen. Selbst ein 12-jähriger Judokämpfer habe gegen einen Erwachsenen rein kräftemäßig kaum eine Chance.

Kein Königsweg

„Es gibt keinen Königsweg“, räumt der im Bereich „Vorbeugung“ tätige Kriminaloberkommissar ein. „Aber generell muss man es den Tätern möglichst schwer machen.“

Man sollte Angsträume meiden, also abgelegene, einsame und schlecht beleuchtete Orte. „Natürlich muss man den Kindern einschärfen, Fremden und fremden Autos gegenüber Abstand zu halten, auf keinen Fall bei Irgendjemandem ins Auto zu steigen oder ihn zu begleiten, ohne die Eltern zu informieren. Die Täter locken die Kinder gern an – mit für sie fast unwiderstehlichen Dingen wie einem Karton voller Katzenbabys, Süßigkeiten oder spannenden Filmchen, die sie ihnen angeblich im Auto oder sonst irgendwo zeigen wollen. Da müssen die Kinder vorbereitet sein und sollten einfach nicht zu vertrauensselig reagieren.“

Ein eigenes starkes Auftreten, gesundes Selbstbewusstsein und ein bisschen mehr Misstrauen gegen die Umwelt – diese drei Komponenten können im Ernstfall Leben retten. Allerdings ist es eine Gratwanderung, denn wer will schon seinem Kind jeden Tag Gespenster an die Wand malen und es von Grund auf verängstigen?

Sich unbedingt wehren

„Kommt es doch zu einem Übergriff, hilft nur eins: Krach machen, sich wehren, schreien. Und den Täter, der natürlich eh schon im Stress ist, zusätzlich stressen. Am Besten etwas Unerwartetes tun.“ Frank Enser erzählt an dieser Stelle von einer Bielefelder Studentin, die ihrer Vergewaltigung durch eine Gruppe Männer dadurch entgangen ist, dass sie auf die Knie fiel und lauthals zu beten anfing. „Der Täter hat einen bestimmten Handlungsstrang im Kopf. Er hat sich die Tat wahrscheinlich schon oft vorgestellt. Man muss sein Kopfkino stören und ihn dadurch verunsichern“, rät der Kripo-Mann.

Mehr Gewalt als Trieb

Viele fragen sich, mit welchen Verhaltensmaßnahmen sie ihre eigenen Kinder vor ähnlichen Gewaltakten wie im Falle Mirco schützen können. Kriminaloberkommissar Frank Enser versucht, Antworten zu geben. (Foto: Claudia Eckhoff)

Die Gefahr, wie Mirco das zufällige Opfer eines Triebtäters zu werden, ist sehr gering. „Etwa drei Prozent der Täter sind Triebtäter und warten hinterm Busch auf ein beliebiges Opfer“, sagt Frank Enser. „Dagegen gibt es einfach keinen Schutz. Da ist man zur falschen Zeit am falschen Ort, wenn etwas passiert. Aber 97 Prozent der Missbrauchsfälle gehen auf das Konto von Tätern, die sich sehr häufig im unmittelbaren Umfeld der jungen Opfer aufhalten: Nachbarn, Freunde oder Familienangehörige.“ Wie aber bringt man den Kindern Strategien gegen den eigenen Onkel, den Lehrer, den Stiefvater oder den Pastor bei?

„Es gibt keine Kinder, die selbst schuld sind“, sagt Frank Enser mit Nachdruck. „Und auch die Vermutung, dass der berühmte Mini-Rock oder ähnliche Kleidung den Missbrauch provoziert hätte, ist Quatsch!“

Alles anzeigen!

Kriminaloberkommissar Enser rät, Kinder immer mit offenen Augen anzusehen, auf Blaue Flecken oder sonstige Verletzungen zu achten und auf jeden Fall immer alle Arten von Übergriffen – selbst Exhibitionismus – auch zur Anzeige zu bringen.

„Es macht bei der Verurteilung später einen Riesenunterschied, ob der Täter ein vermeintlich unbeschriebenes Blatt ist oder schon eine Latte von Vorstrafen hat.“

Die Kinder selbst stehen gewaltig unter Druck. Frank Enser weiß: „Der Täter droht etwa ,Wenn du was erzählst, dann töte ich dein Kaninchen‘. Prompt schweigen die Kinder. Unsere Kriminalstatistik nennen wir das Hellfeld. Das Dunkelfeld, das sich überwiegend im häuslichen Bereich abspielt, wird von uns auf das Fünfzehnfache geschätzt.“