Mit Brausen vom Himmel

Iserlohn/Hagen. (clau/red.) Die Taube spaltet die Gemüter: Die Einen hassen sie als „fliegende Ratte“ und trachten ihr nach dem Leben. Die Anderen halten sie als Friedensboten in Ehren und können ihr nichts zuleide tun. Die Taube ist nicht irgendein Vogel, sie ist seit Urzeiten ein Bild, das zu den Menschen spricht.

Schon in den vorchristlichen Religionen war die Taube ein Symbol verschiedener Mutter-Göttinen. In Assyrien galt sie als Geburtsvogel und heiliges Tier der Göttin Ischtar, der Schutzgöttin der Gebärenden. Die Perser nahmen Tauben mit in den Krieg und die Samariter beteten in Palästina eine Taube an. Auch die Griechen hielten den Vogel in höchsten Ehren: Bei ihnen fuhr die Göttin Aphrodite in einem Muschelwagen, der von Tauben gezogen wurde. Heilige Tauben lebten in dem ihr geweihten Tempelbezirk und auch an den verehrten Stätten der weiblichen Orakel. Auch im jüdischen Glauben kommt der Taube eine herausragende Bedeutung zu: Sie wird im Talmud verwendet als Sinnbild für den Geist Gottes, der über den Ur-Wassern schwebt.

Die biblische Taube

In der christlichen Bibel erscheint die Taube zwei Mal als Botschafter zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt: Nach der Sintflut, die das alte Testament schildert, warten Noah und alle von ihm geretteneten Menschen und Tiere in ihrem riesigen Schiff auf den Fluten treibend darauf, dass endlich der Wasserstand wieder sinkt und festes Land auftaucht. Noah schickt die Taube als Kundschafterin aus. Von ihrem dritten Flug kommt sie schließlich mit dem Zweig eines Olivenbaums zurück und leitet so für die hilflos Umhertreibenden ein neues Zeitalter ein.

Im Neuen Testament wird geschildert, wie bei der Taufe des Christus im Fluss Jordan der Geist Gottes in Form einer Taube auf ihn niederkam.

Seit dem Konzil von Nizäa, vor allem seit dem Mittelalter, hat die Taube in der christlichen Kunst ihren festen Platz als Symbol für den göttlichen Geist und somit Teil an der Darstellung der göttlichen Dreieinigkeit.

Das Pfingstfest

Die Taube hat auch zu tun mit dem Pfingstfest, das am kommenden Wochenende gefeiert wird und uns einen zusätzulichen freien Tag, den Pfingstmontag, beschert. Heute im zweiten Teil der wochenkurier-Reihe zu den frühsommerlichen Feiertagen, soll das Pfingstfest ein wenig beleuchtet werden.

Das jüdische Erntefest

Sieben Wochen nach dem Jüdischen Passahfest feierten die jüdischen Gemeinschaften ihr „Chag Schabuot“, das Erntedankfest zur Weizenernte. Zu diesem Fest, das auch daran erinnert, dass Moses am Berg Sinai von Gott die zehn Gebote erhalten und auf Steintafeln gehauen hatte, kamen auch die Jünger zusammen. Sieben Wochen vor diesem Festtag war Christus gekreuzigt worden und drei Tage später von den Toten wieder auferstanden. Gerade neun Tage zuvor war er in den Himmel aufgefahren und somit endgültig entschwunden. Aber er hatte zuvor versprochen, dass seine Jünger bald die Kraft des Heiligen Geistes empfangen würden.

„…und fingen an zu predigen…“

Als die Gruppe nun zum „Chag Schabuot“ zusammen gekommen war, da „geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt wie vom Feuer, und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen“ – so beschreibt es in der Apostelgeschichte Lukas, hier übersetzt von Martin Luther.

Dieser Tag gilt als die Geburtsstunde der Kirche. Der Festtag errechnet sich nach dem Osterdatum, das genau fünfzig Tage vorher stattfindet. Aus dem griechischen Wort für Fünfzig „pentecoste“ leitet sich der Name Pfingsten ab.

Tauben und Rosen

Die mittelalterliche Kirche beraumte vier Festtage an. Die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger und die Gläubigen – die Erleuchtung – wird durch Tauben symbolisiert. Im Mittelalter hing man an jenen Tagen hölzerne Tauben im Kirchengewölbe über der Gemeinde auf und ließ Rosenblätter herabschweben. Man führte gern zu Ostern und an Pfingsten die Taufen durch.

Noch heute wird bevorzugt an Pfingsten gefirmt beziehungsweise in der evangelischen Kirche die Konfirmation gefeiert.