Mit der Spielsucht des Partners leben: Aktionstag klärt auf

Hagen/EN-Kreis. (Red.) Uns reicht’s! – sagen Angehörige von Glücksspielsüchtigen und rücken am Mittwoch, 27. September, in den Fokus: Im Auftrag der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW findet dann der bundesweite Aktionstag gegen Glücksspielsucht statt. In Gevelsberg gibt es Infos direkt in der City.
Die Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle des Blauen Kreuzes in Hagen führten persönliche Gespräche mit zwei Betroffenen über deren tägliche Sorgen, die finanziellen und privaten Probleme, die sich aus der Sucht des Partners ergeben. (Namen von der Redaktion geändert)
Wie haben Sie bemerkt, dass Ihr Partner Glücksspiele spielt?

Peter: In der mittlerweile 20 Jahre zurückliegenden Anfangszeit bemerkte ich an meiner Ehefrau, dass sie häufiger nervös und angespannt war. So kannte ich sie bisher nicht. Ich hatte schon eine Ahnung, dass sich ein Glücksspielproblem entwickelt, da meine Ehefrau mir von ihren Ausflügen mit ihrer Freundin in Automatenkasinos berichtete. Das Fatale war, dass ich mich zu Beginn auch über Gewinne mitgefreut habe.
 
Naomi: Ich habe jahrelang gar nichts mitbekommen. Mein Mann ging von morgens bis abends arbeiten. Er brachte das nötige Haushaltsgeld heim und ich verwaltete unsere Finanzen. Manchmal fragte ich ihn zwar, warum wir nur so wenig Geld haben, wo er so viel arbeitet, aber mein Mann hatte immer eine Erklärung für alles.
Wie hat Ihr Partner reagiert, als Sie Ihn das erste Mal auf das Glücksspielverhalten angesprochen haben?
Peter: Sie hat das lapidar abgetan, beteuerte sich im Griff zu haben und nicht süchtig zu sein. Vor 20 Jahren war der Begriff Glücksspielsucht auch noch nicht geläufig.
 
Naomi: Ich habe ihn gar nicht angesprochen. Er sagte plötzlich, dass er 80.000 DM beim Glücksspiel verloren hat und wir nun Schulden haben. Ich fiel aus allen Wolken. Er beschwichtigte mich: ‚Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das schon wieder hin. Ich zahle alles wieder zurück.‘
Welche täglichen Probleme sind durch das Glücksspielverhalten Ihres Partners aufgetreten?
Peter: Meine Frau kam zwar grundsätzlich ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter nach. Dennoch investierte sie viel freie Zeit, die für Familie und Partnerschaft wichtig gewesen wäre, in das Glücksspiel. Neben den Spielen in Automatenkasinos zockte sie von zuhause aus. Meine Kinder wandten sich dann häufig von ihrer Mutter ab und straften sie mit Abwendung. Ein weiteres Problem sind die finanziellen Folgen, noch heute zahlen wir Schulden ab.
 
Naomi: Mein Mann fing an, Geld zu klauen. Er stahl Geld, welches ich zurückgelegt hatte, raubte meinen Goldschmuck. Auch unser neues Navi, und die neue Playstation meines Sohnes brachte er ins Leihhaus. Mein Sohn schläft seither mit seinem Portemonnaie unter dem Kissen, weil er dem Vater nicht mehr vertraut.
Was haben Sie unternommen, um Ihrem glücksspielsüchtigen Partner zu helfen?
Peter: „Ich wollte sie verstehen, bin mit in das Casino gefahren. Später habe ich dann versucht, ihr in Gesprächen die negativen Züge der Spielsucht bewusst zu machen, sperrte ihr den Zugriff auf das Konto. Heute weiß ich, dass Spielsüchtige einen dann nicht ernst nehmen. Sie haben ihre Tricks und sind gute Geschichtenerzähler. Ich habe aber auch selbst den Fehler gemacht, die Spielsucht geheim zu halten. Nach über zehn Jahren stellte der Familienrat meine Frau dann vor die Entscheidung: Therapie oder Kontaktabbruch. Eine erste Therapie half meiner Frau lange Zeit spielfrei zu bleiben. Es folgten jedoch ein Rückfall und eine weitere Therapie. Ich habe sie dabei nicht aufgegeben.
 
Naomi: „Erstmal nichts. Am Anfang dachte ich, dass es ein einmaliger Ausrutscher war, der sich nie wiederholt, weil er es mir versprochen hat. Wir haben dann beide viel gearbeitet, um die Schulden abzuzahlen. Ich habe ihm immer wieder vertraut, er belog uns immer wieder und es wurde immer schlimmer. Vor kurzem ging mein Mann in Therapie.
Wie haben Sie es geschafft, bis heute mit der Glückspielsucht Ihres Partners zu leben?
Peter: Ich selbst habe im Verlauf der letzten 20 Jahre Gefühle der Kapitulation, des Misstrauens, der Wut und Ohnmacht durchlebt. Dabei versuchte ich stets die Familie zusammen zu halten. Von meinen Kindern erhielt ich den Spitznamen ‚Kontrolletti‘, da ich ständig die Kontobewegungen meiner Frau kontrollierte. Zum Ausgleich und zur Flucht stürzte ich mich in die Arbeit.
 
Naomi: Ich habe es bisher nicht geschafft, ihn zu verlassen. Ich habe mehrmals versucht, Selbstmord zu begehen. Vor zwei Jahren bin ich dann aufgewacht, habe Hilfe gesucht.
Wie geht es Ihrem glücksspielsüchtigen Partner heute?
Peter: Seit einiger Zeit ist meine Frau wieder spielfrei. Nach ihrem letzten Rückfall konnte sie einen starken eigenen Willen entwickeln und zeigte erstmals eine Eigeninitiative. Klar ist, dass sie eine erneute stationäre Therapie benötigt, um diesen Willen zu festigen.
 
Naomi: Mein Mann hat eine Therapie gemacht, hat eine gesetzliche Betreuung bei einem Rechtsanwalt und wir sind in der Insolvenz.
Welchen Ratschlag würden Sie, aus Ihrer Erfahrung heraus, Personen geben, die erstmals von dem Glücksspielproblem eines Angehörigen erfahren haben?
Peter: Man sollte nicht um den heißen Brei herum reden, nur eine offene Aussprache hilft. Zudem sollte man unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Hilfe
Das Blaue Kreuz bietet Beratung und Hilfestellung bei Fragen zum Thema Glücksspielsucht an. Weitere Informationen gibt es unter Tel. 02331 / 93374-50.