Mit „Vollmast“ in den Winter

Der Waldboden liegt dicht voll mit Bucheckern und Eicheln. Ist das ein Anzeichen für einen bevorstehenden harten Winter? (Foto: Claudia Eckhoff)

Hagen. (clau) Für die Meteorologen ist der Fall jetzt schon klar: Es wird der dritte kalte und damit teure Winter in Folge! Wer nach den letzten beiden eiskalten und schneereichen Wintern auf Milde gehofft hat, wird enttäuscht, sagen Fachleute voraus.

Die derzeit oft schönen Herbsttage sollten wohl nur eine kleine Entschädigung sein für den in den Augen vieler Menschen völlig missratenen Sommer 2011. Der nächste strenge Winter stehe aber schon in den Startlöchern und bringe eiskalte Überraschungen mit. Spätestens Ende November sei mit einem Absturz der Temperaturen und wohlmöglich gar mit erstem Schneefall bis ins Flachland zu rechnen, prophezeit der Bonner Wetterservice Donnerwetter. Etwa sechs bis acht Wochen Eiszeit seien zu erwarten. Erst der Februar – so die Experten – werde voraussichtlich eher mild verlaufen.

Ist was dran?

Was ist dran an dieser Langzeit-Vorhersage? Müssen Mieter und Hausbesitzer tatsächlich noch ein drittes Mal tief in die Tasche greifen, um ihre warmen Stuben zu finanzieren? Müssen die Kommunen noch ein drittes Mal die Salzlager bis unters Dach auffüllen und ihre Winterdienste im Dauereinsatz quälen? – Oder irren sich die Wetterexperten am Ende doch?

Werner Hövel ist kein Meteorologe und kein Wissenschaftler, aber er kann die Anzeichen in der Natur lesen. Jeden Tag schaut der 63-jährige Jäger in seinem Revier „draußen“ am Schälk (hinter Berchum) nach dem Rechten.

2011 bringt „Vollmast“

„Dieses Jahr haben wir eine unglaubliche Fruchtfülle“, sagt er. „Ob Eberesche, Buche, Eiche oder auch die Obstbäume – alles hängt voller Früchte. Es fasziniert mich zu sehen, wie selbst die kleinen Fichten eine ganz braune Spitze haben, weil sie so voll mit Zapfen sitzen.“

Von „Mast“ sprechen die Forstwirte dabei und unterscheiden zwischen einer „Sprengmast“ und einer „Vollmast“. Der Herbst 2011 bringt eindeutig eine Vollmast. Die Waldwege bedeckt geradezu ein Teppich aus trockenen, unter den Schritten knirschenden Bucheckern und Eicheln. „Das heißt aber zunächst einmal einfach nur, dass wir eine hervorragende Blüte hatten, die sich gut entwickeln konnte. Mehr nicht“, sagt Werner Hövel. „Die Natur weiß beim Blütenansatz im Vorfrühling nicht, wie sich später der Winter entwickeln wird.“

Selbst die kleinen Fichten sind an der Spitze ganz braun. Die Zapfen hängen so dicht wie selten zuvor. (Foto: Claudia Eckhoff)

Gestresste Bäume

Das heißt: Ein Anzeichen für einen bevorstehenden harten Winter kann Werner Hövel im überaus üppigen Aufkommen von Nüssen und Früchten nicht erkennen.

„Die Bäume sind sowieso gestresst“, gibt der Jäger zu bedenken. „Luftverschmutzung, der berühmte ,saure Regen‘, die trockene Hitze im April, Borkenkäferbefall… – all das stresst die Bäume und veranlasst sie dazu, vermehrt Früchte zu bilden, um das für sie Natürliche zu tun: Ihre Art auf jeden Fall zu erhalten.“

Gesund sieht anders aus

Der Wald ist nicht gesund. Das sieht der Friedhofsgärtner Werner Hövel jeden Tag bei seinen Streifgängen frühmorgens und abends vor oder nach der Arbeit in seinem 255 Hektar großen Revier. „Laubbäume, denen es gut geht, bilden eine so dichte Krone aus, dass man kaum von unten hindurchsehen kann. Bei immer mehr Bäumen in unseren Landen ist das aber nicht mehr der Fall. Da kann man schon lange, bevor sie im Herbst blank werden, den Himmel gut sehen.“

Gemästete Wildschweine

Die üppige Fruchtfülle nützt derzeit vor allem den Tieren. „Die Wildschweine gehen bei so viel Futter mit bester Kondition in den Winter und legen dann im nächsten Jahr stark auf, also haben reichlich Nachwuchs“, ahnt Jäger Hövel schon. Überall im Wald trifft er auf frische Spuren der „Schwarzkittel“. An Bach und Suhle, am Wegesrand, auf den Waldwiesen und den benachbarten Weideflächen haben sie gewühlt und tiefe Spuren hinterlassen.

„Die graben nicht einfach irgendwo. Die wissen ganz genau, wo Engerlinge und anderes tierisches Eiweiß im Boden steckt. Schweine haben einen feineren Geruchssinn als Hunde“, berichtet Werner Hövel.

Horden von Pilzsuchern

Die Wildschweine wie alle Waldtiere leiden zur Zeit unter den Horden von Pilzsuchern, die scharenweise abseits der Wege den Wald nach Köstlichkeiten durchforsten. „Das Wild zieht sich zurück“, sagt der Jäger. „Die Tiere stecken so tief im Dschungel aus Brombeeren und Himbeeren, die auf den nach dem Orkan Kyrill neu angepflanzten Flächen entstanden sind. Da ist es hüfthoch so dicht, dass wir kaum einen Terrier rein jagen können.“

Mit der Nase

Wie der Winter 2011 werden wird, das wissen Werner Hövel und seine Jägerkollegen nicht besser als jeder Städter: „Das sehen wir dann, wenn wir morgens die Nase rausstrecken.“