Nach langen Jahren endlich aus dem Rollstuhl

Gevelsberg. (san) Das war nicht bloß ein wunderschöner Sommerurlaub, das war ein Aufbruch in ein neues Leben. So sieht es Familie Bruchmann, die beinahe schon alle Hoffnung aufgegeben hatte.

Sohn Jan-Luca leidet von klein an an einer linksseitigen Muskelschwäche, die ihn in den Rollstuhl zwang, er redete nur selten. Während sein kleiner Bruder Mark-Leon immer sichtlich das Kinderturnen beim TSV Berge-Westerbauer genoss, saß er am Rand und hatte das Nachsehen. Eine langwierige, ergebnislose Ursachensuche brachte die Eltern zum Verzweifeln, der Alltag wurde über Jahre bestimmt von Krankengymnastikstunden und Therapien, doch nichts verhalf zu einer Besserung. Auf die neueste Vermutung – Bakterien im Hirn – wollte sich die Krankenkasse zunächst nicht einlassen. Die Kosten drohten aus dem Ruder zu laufen. Turngruppenleiterin Eveline Lausch versuchte mit ihrem Verein zu helfen und initiierte eine Spendenaktion für den damals 10-Jährigen. Doch der Zustand von Jan-Luca änderte sich nicht.

Da staunte Turngruppenleiterin Eveline Lausch nicht schlecht, als nicht nur Mark-Leon, sondern auch der große Bruder Jan-Luca vor ihr stand und mitmachen wollte. Ihn kannte sie bisher nur als Rollstuhlfahrer. (Foto: privat)
Da staunte Turngruppenleiterin Eveline Lausch nicht schlecht, als nicht nur Mark-Leon, sondern auch der große Bruder Jan-Luca vor ihr stand und mitmachen wollte. (Foto: privat)

Strohhalm Reha

Bevor nun als letzte Option starke Medikamente verabreicht werden sollten, wollten es die Ärzte doch noch einmal mit einer Reha versuchen. „Ich war gar nicht davon überzeugt. All die Jahre haben wir doch die täglichen Therapien, psychischer und physischer Art, über uns ergehen lassen. Was sollten zusätzliche Stunden da noch bringen?“, gesteht die Mutter ihre Resignation. Aber natürlich klammerte sie sich auch an diesen Strohhalm. So quartierte sie sich dann Anfang des Jahres mit ihrem Sohn für acht Wochen in einer Meerbuscher Klinik ein.

Und, oh Wunder, da staunten Papa und Brüderchen nicht schlecht, als Jan-Luca beim Wochenend-Besuch zu Hause in Gevelsberg die ganzen Stufen allein hinauf fand und nicht mehr getragen werden musste. „Nun tobt und springt er mit seinem kleinen Bruder, welcher vorher nie richtig mit ihm spielen konnte,“ freut sich Mutter Sonja Bruchmann. Den Rollstuhl hat der mittlerweile 12-Jährige gleich in der Reha gelassen. Noch einige Zeit Krankengymnastik, dann wird er körperlich wieder hergestellt sein, so die Prognose. Auch spricht er jetzt viel mehr.

Keine Erklärung

Die Ursache der Muskelschwäche ist wohl in erster Linie eine psychologische. Warum aber gerade die linksseitigen Muskeln in Jan-Lucas Körper dadurch betroffen werden, ist nach wie vor nicht erklärbar. Aber das ist für die Bruchmanns auch gar nicht so wichtig. „Wir haben einen kompletten Neustart gemacht,“ erläutert die Mutter. Für Jan-Lucas Genesung ist es wichtig, dass er an nichts aus seiner „Krankenzeit“ erinnert wird. Daher war auch ein Schulwechsel vonnöten, das Leiden seiner Psyche hatte auch mit der Einrichtung zu tun.

„Es ist so herrlich, welche Belastungen – neben der Sorge um die generelle Gesundheit unserers Sohnes – nun wegfallen. Allein einmal einen Urlaub ohne kräftezehrendes Rollstuhlschieben zu machen, einfach ins Watt laufen und Spaß haben…“. Und nach den Sommerferien geht es wieder zusammen mit dem Bruder zum Kinderturnen in seinen Verein Berge-Westerbauer. Mutter Sonja kann sich in diesen Stündchen eine kleine Auszeit gönnen.

Und an alle Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, hoffnungslos sind und nicht weiter kommen, will Familie Bruchmann den Appell richten, nie aufzugeben. „Nehmen Sie alle Möglichkeiten an, die man Ihnen gibt!“ Manchmal gibt es doch noch Wunder.