Nachbarn glauben nicht, dass Gabriel (3) krank ist

Für Gabriel hat Familie Mroz vor vier Wochen einen Behindertenparkplatz bekommen.
Das Leid, das die Familie Mroz mit ihrem Jüngsten hat, sehen die Nachbarn ihr nicht leicht an. Aber der kleine Gabriel ist schwer krank und wird in seinem wohl kurzen Leben noch viel erdulden müssen – auch ohne Ärger mit der Nachbarschaft. (Foto: Claudia Eckhoff)

Hagen. Das heitere Familien-Bild trügt: Mutter Anna, Vater Josef, Johnny (11) und Maximilian (7) nehmen den fast dreijährigen Gabriel in ihre Mitte und alle fünf strahlen in die Wochenkurier-Kamera. Kaum jemand würde ahnen, was für ein schweres Schicksal die Familie Mroz zu tragen hat und dass sie darüber auch noch im Unfrieden mit ihrer Nachbarschaft liegt.

„Gabriel ist unser Engel“, sagt Mutter Anna. „Ich wusste immer, dass ich sein kurzes Leben lang für ihn würde kämpfen müssen. Aber dass es so früh losgeht, hätte ich dann doch nicht erwartet. Wir liegen mit unserem Nachbarn im Dauerstreit wegen unseres Behindertenparkplatzes. Wir werden beschimpft, beleidigt, absichtlich zugeparkt und bei der Stadtverwaltung als Betrüger beschuldigt.“

Lügner und Betrüger?

Einige Nachbarn beobachten argwöhnisch, dass Gabriel vom Auto zur Haustreppe laufen kann. Sie glauben, er sei gar nicht krank, die Familie Mroz hätte sich den Behindertenparkplatz in der engen Straße erschlichen und betrüge auch ihre Krankenkasse. „Ein erklärendes Gespräch ist leider nicht möglich“, bedauert Anna Mroz. „Man will nicht mit uns sprechen, macht uns nicht einmal die Tür auf. Wir und auch unsere Gäste werden beschimpft. Unsere Autos werden zerkratzt. Immer wieder parkt man unseren Wagen absichtlich zu.“

Die Familie wohnt erst seit Kurzem im Hagener Osten – in Oege. „Meine Eltern haben das Zweifamilienhaus gekauft, extra um uns zu helfen“, sagt Anna Mroz. „Sie wohnen oben. Wir bewohnen als ihre Mieter die untere Wohnung. Das Haus hat zwei Garagen unter dem hochliegenden Garten. Eine davon werden wir aber bald für einen Aufzug für Gabriel opfern müssen.“

Ein kleiner „Engel“ am seidenen Lebens-Faden

Gabriel, der „Engel“ der Familie, ist ein bildhübsches Kind mit hellblonder Lockenpracht, dem man sein Leid noch nicht ansieht. Sein Leben hing an einem seidenen Faden und es wird nicht lange dauern. Gabriel wurde in der 26. Schwangerschaftswoche in einer für Mutter und Kind lebensgefährlichen Notoperation zur Welt geholt. Er hatte kein Fruchtwasser mehr und lag nur noch auf totem Gewebe. „Sechs Ärzte waren im Saal“, erinnert sich Anna Mroz. „Das Kind war binnen zehn Minuten auf der Welt. Meine OP hat aber fast sieben Stunden gedauert.“

Das Sechs-Monats-Frühchen hat mühsam überlebt mit einem fünffachen Herzdefekt. Nach einer kurzen Zeit mit Überwachungs-Monitor zuhause, ging es also zurück ins Krankenhaus zur Herz-OP. „Das lief alles gut. Doch ganz furchtbar war der anschließende tropfenweise Morphium-Entzug“, denkt Anna Mroz mit Schrecken zurück. Auch das hat die Familie überstanden.

Als das Sorgenkind knapp ein Jahr alt war, folgte der nächste Schicksalsschlag: Gabriel hat Muskeldystrophie Duchenne (DMD). Er wird bald nicht mehr laufen können, wird im Rollstuhl sitzen und vielleicht auch nicht mehr selbstständig atmen können. Die Krankheit ist unheilbar. Noch vor wenigen Jahren starben die meisten Patienten im Jugendalter. Gabriels Lebenserwartung liegt derzeit bei etwa 25 Jahren. „Ich habe erst nur noch geweint. Ich konnte einfach nicht mehr. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das akzeptieren konnte“, sagt Anna Mroz.

Am schlimmsten nachts

Gabriel kann zurzeit noch vom Auto bis zum Haustor laufen und ein paar Stufen erklimmen. Dann geht nichts mehr. „Er kann nicht sprechen und nicht aufs Töpfchen gehen. Er läuft vielleicht einhundert Meter, aber nur an der Hand. Seine Mahlzeiten dauern oft zwei Stunden, weil auch das Kauen ihn so anstrengt. Oft muss ich sein Essen zwischendurch bis zu fünf Mal wieder aufwärmen“, berichtet Anna Mroz. „Am Schlimmsten sind die Nächte. Mehr als zwei Stunden am Stück schlafen wir nicht, weil Gabriel nachts Muskelkämpfe bekommt. Ich bade ihn in der Nacht, massiere und creme ihn ein. Wenn ich Glück habe, schläft er wieder ein.“

Für Gabriel hat Familie Mroz vor vier Wochen einen Behindertenparkplatz bekommen. Die Klagen einiger Nachbarn darüber rufen nun gerade die Stadt Hagen auf den Plan. Sie wird kommen müssen, um den Fall erneut zu überprüfen.

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