Nachts in der Bergstraße…

Hagen. (anna) Mitten im Herzen der Stadt zu wohnen, wo das Leben pulsiert und die Wege zu Kommerz und Kultur kurz sind, war für die 75-jährige Rita Giesgen ein Traum. Deshalb zog sie vor neun Jahren aus Oberhagen in die Bergstraße 100.

Wenn Rita Giesgen tagsüber auf die Bergstraße schaut, fließt der Verkehr zumeist in normalen Bahnen. Ab 22 Uhr ist das jedoch anders, dann ist hier der Teufel los. An geruhsamen Schlaf ist nicht zu denken. (Foto: Anna Linne)

Eine große Erleichterung beim Einkaufen und eine Bereicherung ihrer Sozialkontakte versprach sie sich vom neuen Wohnort. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei der Bahnhofsmission konnte sie nun auch ohne Weiteres fußläufig bewältigen. Alles schien besser zu sein am neuen Wohnort. Damals lebte ihr Mann noch, der täglich zum Arzt musste und nach dem Umzug in die City nur noch wenige Schritte zur Praxis zu gehen hatte. Das Ehepaar fand es einfach toll, mitten in der City zu leben. Doch ihre Entscheidung hat die Rentnerin inzwischen bitter bereut.

Nachts ist die Hölle los

Mit dem Umbau des Theatervorplatzes und der anschließend geänderten Verkehrsführung in der „unteren Elbe“ fing damals der nächtliche Terror an. Und von Monat zu Monat wurde es schlimmer. Rita Giesgen und ihre Nachbarn fanden nachts keine Ruhe mehr (der wk berichtete 2006). Nach Mitternacht rasten die Autos mit hoher Geschwindigkeit durch die Bergstraße, die eine 30-km/h-Zone ist. Es wurde laut gehupt, die Boxen wurden weit aufgedreht und die Türen geschlagen. Besonders schlimm gestalteten sich die Störungen in den Nächten an den Wochenenden. „Dann ist hier die Hölle los.“

„Früher haben die Taxifahrer nachts ihre Kunden laut angehupt“, erinnert sich Giesgen, „nachdem wir uns beschwert haben, geht es besser, jetzt klingeln sie wieder.“

Kampf um Nachtruhe

Seit Jahren kämpfen Rita Giesgen und andere Nachbarn um nächtliche Ruhe. Mit dem seinerzeitigen Oberbürgermeister Peter Demnitz haben sie schon vor Jahren lange geredet und auch der neue OB, Jörg Dehm, ist bereits im Februar über die schlaflosen Nächte seiner Bürger in der Bergstraße informiert worden. „Passiert ist nicht viel“, ärgert sich Rita Giesgen, die den Kampf um ihre Nachtruhe nicht aufgeben will. „Da wurde ein Kreisverkehr an der Kreuzung Berg-/ Konkordiastraße eingerichtet, der die Rennstrecke entschärfen sollte. Diese Neuerung bringt aber nicht viel. Sie wird nachts gar nicht beachtet, die Autos brettern einfach darüber hin weg.“

„Viele Nachbarn haben die Flinte ins Korn geschmissen und sind hier weggezogen“, weiß die Rentnerin, etliche Wohnungen stehen bereits lange leer. „Hier will keiner mehr hinziehen.“

Schwätzchen am Fenster

Denn an Durchschlafen ist nur noch selten zu denken. Immer wieder passiert es, dass die Rentnerin morgens um 3 oder 4 Uhr in der Früh mit anderen Anwohnern ein Schwätzchen am Fenster hält, weil jeder aus dem Schlaf gerissen wurde und bei dem Lärm nicht mehr zur Ruhe kommt.

Immer dann, wenn Rita Giesgen gerade wieder einschlafen will, kommt eine neue Störung: Grölende Passanten, quietschende Reifen, dröhnende Motoren oder nervige Musik. Und wenn dann die Nacht endlich vorbei ist, durchkurven ab 6.30 Uhr in der Früh die Berufsschüler die Bergstraße – auf der Suche nach einem Parkplatz.

„Viele Anwohner haben auch schon die Polizei um Hilfe gebeten“, weiß Giesgen, „die Beamten haben sich dann auch mal tagsüber an einer Ecke postiert. Gut sichtbar! Klar, dass dann alle langsamer fuhren.“

Die ständig übernächtigte Rentnerin würde es befürworten, wenn die Polizei nachts in der Bergstraße regelmäßig Radarkontrollen vornähme. „Doch ein Ordnungshüter sagte mir, hier könne man nicht gut messen“, berichtet Giesgen, „warum das nicht gehen soll, entschließt sich mir nicht.“