Neubau des Theaters

Die „Gesellschaft zur Errichtung eines Krankenhauses für die Stadt Hagen“ erwarb 1853 ein Grundstück an der unteren Elberfelder Straße und errichtete hier bereits 1856 den ersten Bauabschnitt. Bis 1883 wurde der Komplex mehrfach erweitert. 1908/1909 erfolgte ein Neubau am Buschey, so dass das Innenstadt-Grundstück nun für den Theaterneubau in Anspruch genommen werden konnte. (Repro: wk)

Hagen. (ME) Auf die Hagener kommen „dicke Brocken“ zu – das schon vor über einem Jahr geschnürte 90-Millionen-Sparpakt wird in den nächsten Wochen den Bürgern vorgestellt und soll dann möglichst bald endgültig zur Richtschnur des rathäuslichen Handelns werden. Insbesondere im kulturellen Bereich drohen harte Einschnitte. Betroffen ist auch das Stadttheater, dessen Spielbetrieb akut bedroht ist. Möglicherweise bleibt am Ende nur noch eine „halbe Bühne“ übrig – und dies im Jahr des hundertjährigen Bestehens!

Wer vor genau hundert Jahren an der Elberfelder-/Ecke Konkordiastraße stand, blickte auf eine große Baustelle. Im Sommer 1910 war mit den Ausschachtungsarbeiten für das neue Stadttheater begonnen worden. Etwa ein Jahr später – das heißt exakt: im Oktober 1911 – feierten die Hagener die Einweihung ihres neuen „Musentempels“.

Hagener Theaterverein

Anlässlich der Eröffnung erschien eine Festschrift, aus der wir erfahren: „Der Bau eines eigenen Konzerthauses war schon lange der Zukunftstraum der Hagener Kunstfreunde, als von der Möglichkeit eines eigenen Theaterbaues noch niemand zu sprechen wagte.“ Es war dann dem „Hagener Theaterverein“ unter seinem Vorsitzenden Gustav Butz vorbehalten, die Hagener Konzertgesellschaft mit ihrem Vorsitzenden Eduard Elbers 1901 in ein gemeinsames „Boot“ zu holen. Keinem Geringeren als Karl Ernst Osthaus gelang es wiederum wenig später, einen ersten Entwurf in Auftrag zu geben: Die seinerzeit renommierten Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer wurden gebeten, Vorschläge für ein multifunktionales Bühnenhaus anzufertigen, das möglichst an die 1000 Gäste fassen sollte.

Spezialisten

Vor hundert Jahren wurde das Stadttheater errichtet. Anlässlich der Fertigstellung 1911 erschien eine Festschrift, deren Titelfoto wie hier abbilden. (Repro: wk)

Das Architekturbüro  Fellner & Helmer war in jener Epoche auf den Bau von Theatern spezialisiert und insgesamt am Bau von 48 Theatergebäuden in Europa beteiligt. Der Boom an Theaterbauten um 1900 förderte eine solche Spezialisierung. Maßgeblich war damals – wie sich dies ja auch in Hagen zeigte – der Wunsch des kapitalkräftigen Bürgertums nach eigenen Bühnen. Fellner und Helmer hatten in Österreich und auf dem Balkan eine fast monopolartige Stellung, was darauf zurückzuführen war, dass die Bürogemeinschaft hohe Qualität bei niedrigen Kosten und schneller Durchführung, Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit und Professionalität garantieren konnte. Ihr Baustil hat eine neue Epoche in der europäischen Theater-Architektur des 20. Jahrhunderts eingeleitet – weg von der streng italienischen Renaissance zur Wiederentdeckung des Barocks und bis hin zum Jugendstil. In Deutschland stammen unter anderem das Hessische Staatstheater in Wiesbaden und das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg von diesem Duo.

Kein Gelände

Mit dem Entwurf Fellners und Helmers versuchten Osthaus, Elbers & Co. Gelder aufzutreiben und einen geeigneten Bauplatz zu finden. Doch dieses Unterfangen stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Zwar bot der Fuhrunternehmer Albrecht Kinkel ein Gelände am Volmeufer an, der „Theater-Bau-Ausschuss“ hielt diesen Platz allerdings für ungeeignet. Stattdessen wurde angeregt, ein Grundstück möglichst nahe beim Hauptbahnhof zu suchen. Außerdem verfügten die Initiatoren zunächst über weniger Geld als benötigt, so dass die Ideen Fellners und Helmers nicht weiter verfolgt werden konnten.

Seit 1901 war Willy Cuno als Hagener Oberbürgermeister im Amt. Er trieb ab 1906 das Theater-Bauvorhaben machtvoll voran. (Repro: wk)

Neuer Schwung kam in die Sache, als Willy Cuno – seit 1901 Chef des Rathauses – „mit der ihm eigenen Entschlussfähigkeit und Zähigkeit die Angelegenheit aufgriff“. Auf sein Bemühen hin standen im Jahr 1906 „nicht weniger als 600.000 Mark für ein Theater-, Konzert- und Festhaus“ zur Verfügung. Doch was nutzt das Geld, wenn man keinen Bauplatz hat? Zwischenzeitlich war ein neuer Vorschlag in die Diskussion gelangt – nämlich die Idee, das Konzert- und Theaterhaus am Buschey zu errichten. Der Fabrikant Wilhelm Funcke hatte dem städtischen Krankenhausverein ein Grundstück für den Bau eines neuen Hospitals geschenkt. Da es aber reichlich Widerstand gegen die Verlagerung des bisher an der Elberfelder-/ Ecke Konkordiastraße stehenden Krankenhauses zum Buschey gab, wurde vorgeschlagen, das Buschey-Grundstück den Theaterleuten zu überlassen und den Hospitalneubau lieber an anderer Stelle zu planen.

Krankenhaus-Grundstück

In der entscheidenden Planungsphase stand August Funcke dem Theaterverein vor. (Repro: wk)

Aber all’ diese Vorstöße verpufften – letztlich entstand 1908 das neue Krankenhaus, das heutige AKH, doch am Buschey. Dafür geriet das bisherige Krankenhausgelände ins Visier des Theatervereins, an dessen Spitze mittlerweile August Funcke und sein Schwager Theodor Springmann den Ton angaben. Zuvor war man sich in Hagen obendrein einig geworden, nicht weiterhin ein gemeinsames Theater-, Konzert- und Festhaus anzustreben, sondern sowohl eine Stadthalle als auch ein Theater zu realisieren. Für ein solches doppeltes Bauvorhaben reichte aber das zur Verfügung stehende Geld nicht aus – und so wandten sich denn die Initiatoren an die Öffentlichkeit mit der Aufforderung, erneut zu spenden. Diese Aufforderung stieß auf viel Gegenliebe – bereits Ende 1907, das heißt nach relativ kurzer Zeit, waren Zusagen in Höhe von 630.000 Mark eingegangen, darunter fast 200.000 Mark aus dem Familienclan Funcke-Osthaus-Springmann.

Erneute Verzögerung

Doch dann stockten beide Bau-Vorhaben erneut. Die heimische Industrie geriet in eine schwere Krise (Rezession), so dass die weiteren Planungen zunächst hinausgeschoben werden mussten. Am 8. Februar 1908 gründeten verschiedene Honoratioren die Hagener Stadthallen-Aktien-Gesellschaft – ihr Ziel: die Errichtung der beiden beabsichtigten Neubauten voranzutreiben. Als drittes Bauvorhaben gesellte sich noch – von den beiden anderen unabhängig – die Absicht hinzu, ein „Parkhaus“ im Stadtgarten zu eröffnen.

Über den weiteren Fortgang der Planungen lesen Sie mehr im nächsten wochenkurier.

Theater Hagen

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