Neue Vereine und Hasper Kirmeszug

Hagen. (tau) Was stand bei den Hagenern am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ abermals mit einem Blick in die Wochen vor genau 100 Jahren fort.

Es berichtet wieder Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach:

Auch eine Vereinsneugründung ist im Juli 1914 in Hagen unternommen worden. Mit einer am 3. Juli im „Westfälischen Tageblatt“ veröffentlichten Anzeige wurden Interessenten für die Gründung eines Turnvereins in Eppenhausen zwecks näherer Besprechung zu einer Versammlung am Sonntag, 5. Juli, morgens um 10 Uhr, in das Restaurant „Friedrichslust“ in der Eppenhauser Straße eingeladen.

Festchor zur Einweihung

Eine weitere Neugründung, allerdings nur für eine einzige Aktion, war der Festchor für die musikalische Gestaltung der Einweihung der seinerzeit noch im Innenausbau befindlichen Stadthalle auf der Springe. Die Einweihungsfeier war für den 17. und 18. Oktober des Jahres vorgesehen. Zur Gründung des Festchors hatte der Oberbürgermeister Willi Cuno als Vorsitzender der Stadthallen A. G. in einer in der Lokalpresse Mitte Juli veröffentlichten Anzeige aufgerufen. In dem Aufruf wurden die Sängerinnen und Sänger in Hagen aufgefordert, sich zu einem „gewaltigen Chor“ zusammenzufinden, der zum ersten Mal in der Städtischen Festhalle (Stadthalle) „seine Weisen erklingen lässt zur Ehre unserer Vaterstadt“.

Gewaltig war tatsächlich der Erfolg des Aufrufs. So konnte zum Beispiel bereits für den 2. August eine vormittags um 11.30 Uhr in der Aula der Oberrealschule stattfindende weitere und zugleich letzte Probe des Frauenchors vor den Sommerferien angesetzt werden. Doch die Probe fand nicht statt, und auch die geplante Eröffnung der Stadthalle kam nicht zustande. Beides verhinderte der Ausbruch des Kriegs am 1. August.

Die Arbeiten an der Stadthalle wurden bei Kriegsbeginn eingestellt. Erst 1923 konnte die Stadthalle mit ihrer charakteristischen Kuppel vollendet und eingeweiht werden. 20 Jahre später fiel sie im Zweiten Weltkrieg einem Bombenangriff zum Opfer.

Kirmeszug

Im Juli 1914 gab es für die Hagener reichlich Freizeitabwechslung. Am Samstag, 4. Juli, fand in der Nachbarstadt Haspe von 4 bis 7 Uhr nachmittags der traditionelle Kirmeszug statt. Es war übrigens bereits der 53., und er lockte wiederum Tausende von Schaulustigen an, darunter auch viele Hagener. Angeführt wurde er wie üblich von dem Hasper Kirmesbauern in einem festlich geschmückten Festwagen.
Selbstverständlich fehlte in dem Zug auch nicht die Hasper Sternwarte mit den Wolkenschiebern. Letztere bemühten sich sehr – und mit Erfolg – die drohenden dunklen Wolken während der Dauer des Festzugs wegzuschieben.

Werkbund auf Kunst-Tour

Am Sonntagvormittag, 5. Juli, trafen die Mitglieder des 1907 mit dem Ziel der „Veredelung gewerblicher Arbeit durch das Zusammenwirken von Industrie und Handwerk“ gegründeten Deutschen Werkbunds in Hagen ein. Sie kamen mit einem Sonderzug aus Köln, wo zu der Zeit die Werkbund-Ausstellung „Kunst in Handwerk, Industrie und Handel, Architektur“ stattfand. Die rund 600 Personen besuchten zunächst das Folkwang-Museum (heutiges Osthaus-Museum). Mittags fand ein gemeinsames Essen im Parkhaus statt.

Den Nachmittag verbrachten die Besucher als Gäste des Hagener (Kunst-)Mäzens Karl Ernst Osthaus auf dessen Wohnsitz (Hohenhof) in Emst. Am Abend gab die Stadt Hagen für die Werkbund-Mitglieder um 7 Uhr im Städtischen Schauspielhaus einen Empfang. Danach fuhren die Besucher mit dem Sonderzug weiter nach Essen.

Zeltmission und Schneiderkurs

Für religiöse Erbauung sorgte in Hagen eine Anfang Juli auf dem Emilienplatz anwesende Zeltmission. Sie bot ab Sonntag, 5. Juli, jeden Nachmittag ab halb fünf eine Bibelstunde an. Abends gab es jeweils ab 8.15 Uhr religiöse Vorträge. Der Eintritt zu den Veranstaltungen war frei. Jedermann war „herzlich eingeladen“, wie es in der am 4. Juli im „Westfälischen Tageblatt“ erschienenen Ankündigung der Zeltmission heißt.

Die Hagener Weiblichkeit hatte ab dem 1. Juli die Möglichkeit, einen Zuschneidekursus für alle Arten von Damengarderobe zu besuchen. An diesem Tag eröffnete nämlich der Damenschneider und langjährige Damenzuschneider der Hoflieferanten Hirsch & Co in Köln, Franz Verwey, in der Marienstraße seinen Kursusbetrieb in Form von Tagesunterricht zur Ausbildung von Direktricen und Damenschneiderinnen sowie für den privaten Bedarf. In der am 1. Juli im „Westfälischen Tageblatt“ veröffentlichten Anzeige weist F. Verwey ausdrücklich darauf hin, dass die Kurse von ihm persönlich geleitet würden und daher eine „gründliche Ausbildung“ garantiert sei. Am Schluss wird um „baldige Anmeldung“ gebeten.

Forsetzung folgt.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.