Nicht immer aus Osteuropa

Neulich in Tilos Nachbarschaft. Die Hauseigentümerin hatte nur für kurze Zeit ihre Wohnung verlassen. Im Vertrauen auf ihre Alarmanlage hatte sie es unterlassen, das Haus rundum zu sichern. Ein Fehler. Irgendein Spitzbube hatte das spitz gekriegt und war – dem Alarmgejaule zum Trotz – „mal eben fix“ eingestiegen. Als Polizei und Eigentümerin wenig später am Haus eintrafen, war der Übeltäter bereits über alle Berge. Er dürfte sich diebisch gefreut haben, konnte er doch mit einem netten Geldbetrag im Gepäck von dannen ziehen.
Im Jahr 2016 verzeichnete die Polizei in Hagen und im EN-Kreis weit über 300 Fälle pro 100.000 Einwohner. Damit liegt unsere Heimat im oberen Mittelfeld. Dortmund, Leverkusen oder Mülheim werden erheblich häufiger von Einbrechern heimgesucht. Anders sieht es fast überall in Bayern aus – hier sprechen die Statis­tiker von deutlich weniger als 100 Fällen pro 100.000 Einwohnern.
Den oder die Gauner zu fassen, gleicht einem Sechser im Lotto. Die meisten Diebe – so die gängige Darstellung der Polizei – seien allein schon deshalb kaum greifbar, weil sie Banden angehören, die aus Osteuropa stammen, die bestens organisiert seien und die hochprofessionell arbeiten würden. Da sei es kein Wunder, dass nicht einmal drei Prozent aller Täter verurteilt werden könnten.
Umso mehr jubelte jetzt die bayrische Polizei. Hatte man doch einen osteuropäischen Familienclan dingfest gemacht, der mit etlichen Mitgliedern höchstmobil in deutschen Landen unterwegs war. Man glaubt, der Clan käme im Jahr 2016 für einen beachtlichen Prozentsatz aller Einbrüche in Frage. Mehr als zwanzig mutmaßliche Bandenmitglieder – insbesondere auch mehrere junge Frauen – wurden erst einmal eingebuchtet.
Aber sind es denn wirklich fast ausschließlich osteuropäische organisierte Kriminelle, die uns rechtschaffenen deutschen Häuslebesitzern das Leben schwer machen? Oder sind das eher Klischees oder gar beliebte Ausreden der heimischen Behörden?
Eine neue wissenschaftliche Studie aus Niedersachsen legt jedenfalls nahe, dass wir unsere (Vor-)Urteile zumindest ein Stück weit überprüfen müssen. Hiernach ist die Zahl der Allein- und Spontantäter vielleicht doch höher, als in den vergangenen Jahren gedacht. Manche Experten vermuten schon seit längerem, dass zwei Drittel aller Einbrüche tatsächlich spontan verübt würden – was eher gegen die „osteuropäische Banden-These“ spricht. Schon Tilos Oma wusste: „Gelegenheit macht Diebe.“ So wie bei Tilos Nachbarin. Sprich: manchmal wohnen die Diebe vielleicht näher als man denkt.Tilo