Ohne Plakette wird’s teuer

Hagen. (ME) Vor wenigen Wochen musste Tobias S. nach Berlin. Dringende Angelegenheiten zwangen den jungen Mann aus dem Lennetal, „von jetzt auf gleich“ mit dem Auto in die Hauptstadt zu fahren. Da sich ein mehrstündiger Aufenthalt abzeichnete, beschloss er, über Nacht in einem Hotel zu bleiben. Doch kaum hatte er sein Fahrzeug auf einer Ausladezone vor der Herberge abgestellt, stand auch schon eine Politesse vor Tobias’ altem VW. Da er sich nicht erklären konnte, was sie wollte, versuchte er es mit einem Scherz: „Möchten Sie meine olle Möhre kaufen?“ Doch die uniformierte Dame war etwas ungehalten: „Nee, ich will Ihnen etwas andrehen: ein Knöllchen! Schließlich sind Sie ohne Umweltplakette in unsere schöne Stadt gefahren.“

Seit Jahren wird versucht, die Feinstaub- und Stickstoffdioxidbelastung in der Luft zu reduzieren. Insbesondere in der Hagener Innenstadt - etwa am Finanzamt - ist dies bislang nur mäßig gelungen. Die jetzt eingerichtete Umweltzone soll helfen, das Ziel besser zu erreichen. Kritiker bezweifeln indes den Sinn der gesamten Aktion, die übrigens auf einer EU-Verordnung fußt. (Foto: Michael Eckhoff)

Tobias staunte nicht schlecht: 40 Euro kostete dieser Verstoß. Und einen Punkt in Flensburg erhielt er obendrein. Aber damit nicht genug: Der junge Mann kann seit dem 1. Januar 2012 auch nicht mehr mit seinem „Oldie“ zum Arbeitsplatz fahren – denn der befindet sich in der Hagener City.

Verwirrung

In den letzten Tagen des vergangenen Jahres wurden sie rund um die Hagener Innenstadt und in einem größeren Teil des Ruhrgebiets aufgestellt: die Schilder, die die neuen Umweltzonen an Volme, Ruhr und Emscher markieren. Damit folgen Hagen und weitere Orte des Ruhrpotts dem Vorbild anderer Metropolen in Deutschland, beispielsweise Berlin, München, Mannheim und Augsburg.

Dass diese Umweltzone kommen würde, war seit geraumer Zeit bekannt. Dennoch stiftet ihre jetzige Einführung bei etlichen Autofahrern Verwirrung. „Ziel ist es,“ erläutern die verantwortlichen Planer, „die Feinstaub- und Stickstoffdioxidbelastung in der Luft zu reduzieren.“ Zur 850 Quadratkilometer großen Umweltzone zählen die Städte Bottrop, Castrop-Rauxel, Gelsenkirchen, Gladbeck, Herten, Recklinghausen, Bochum, Dortmund, Herne, Duisburg, Essen, Mülheim, Oberhausen und Hagen-Mitte. Diese Ruhr-Zone gilt, so sagt’s jedenfalls der ADAC, derzeit noch als die „mildeste“ Umweltzone in Deutschland.

Bald nur noch „grün“

Fahrverbote bestehen hier momentan lediglich für Autos ohne Plakette. Doch die Verschärfung kommt. Sie erfolgt schrittweise: 2012 darf noch jedes Fahrzeug mit roter Umwelt-Plakette in die Ruhr-Umweltzone einfahren, ein Jahr später müssen auch die Autos mit roter Plakette draußen bleiben. Ab 1. Juli 2014 ist die Einfahrt dann nur noch für Fahrzeuge mit grüner Plakette erlaubt. Diesen „grünen Zustand“, also die Stufe 3, haben übrigens Städte wie Berlin, Bremen, Frankfurt, Hannover und Stuttgart bereits erreicht. Auch die Stufe 2 („gelb“) ist in vielen Orten schon gültig, etwa – um Beispiele aus NRW zu nennen – in Dinslaken, Krefeld, Düsseldorf, Neuss, Münster und Wuppertal.

Für Autobahnen als Transitstrecken gilt die Plakettenpflicht nicht. Um die wirtschaftlichen Folgen der Fahrverbote für Bewohner und Wirtschaftsbetriebe in der Umweltzone abzufedern, sind Ausnahmegenehmigungen möglich. Auskünfte erteilen die jeweiligen Ruhr-Städte. Die gesamte Regelung fußt auf einer „EU-Richtlinie zur Verringerung von Feinstaub und Stickstoffdioxid in der Luft“.

Bereits im Oktober 2008 wurden einzelne Umweltzonen im Ballungsraum der Metropole Ruhr mit einer Fläche von insgesamt circa 225 Quadratkilometern eingerichtet. Dort seien dann die Staubbelastungen tatsächlich gesunken, heißt es. Die gesetzlichen Grenzwerte konnten allerdings nicht flächendeckend eingehalten werden. „Insbesondere die Stickstoffdioxid-Konzentration in der Luft stagniert nach wie vor deutlich oberhalb der zulässigen Höchstwerte,“ klagen die Umweltexperten in den zuständigen Rathäusern. Daher sei die aktuelle Weiterentwicklung der Maßnahmen notwendig geworden.

Fahrverbote bestehen in der Umweltzone Ruhr/Hagen aktuell nur für Autos ohne Plakette. Doch die Verschärfung kommt auch hier. Sie erfolgt schrittweise. Ab 1. Juli 2014 ist die Einfahrt dann nur noch für Fahrzeuge mit grüner Plakette erlaubt. In anderen deutschen Metropolen - etwa in Berlin und Stuttgart - ist man bereits bei dieser Stufe 3 angelangt. (Foto: dpp)

Existenzielle Nachteile

Für den ADAC ist dies alles Augenwischerei. So ist Ulrich Klaus Becker, der Vizepräsident des Autoclubs, überzeugt: „Umweltzonen haben einen monströsen Verwaltungsaufwand und existenzielle Nachteile für viele Autofahrer gebracht.“ Tobias ist ein gutes Beispiel für diese Nachteile: Weder kann er sich eine Nachrüstung leisten, noch ein neues Auto kaufen. Stattdessen verlässt er jetzt die Autobahn A 46 schon an der Hagener Ausfahrt „Feithstraße“, umkurvt dann die Umweltzone, um letztlich von Süden her in die Nähe seines Arbeitsplatzes zu gelangen. „Hin und zurück macht das rund fünf Kilometer aus. Ich muss mehr Geld für Sprit ausgeben, und für die Umwelt ist doch damit gar nichts erreicht – eher im Gegenteil.“

Leute wie Tobias sind momentan die Ausnahme. Er ist einer jener Million PKW-Eigner, die überhaupt keine Plakette besitzen. Schon bald werden aber wesentlich mehr Menschen betroffen sein. Zum Beispiel Rosi L.; die 60-Jährige besitzt einen noch relativ neuen Fiat. Doch obwohl der Wagen erst wenige Jahre „auf dem Buckel“ hat, verfügt er nur – wie drei Millionen weitere PKW – über eine gelbe Plakette. Weil’s ein Diesel ist! Die Frau muss jetzt schnellstens nachrüsten – was übrigens 2012 vom Staat mit 330 Euro pro Fahrzeug gesponsert wird (Infos: www.bafa.de oder www.adac.de/umwelt).

Am Sinn der Umweltzonen wird regelmäßig gezweifelt. Nach Auffassung des ADAC sind sie für PKW völlig unsinnig. Es sei besser, so der Club, beispielsweise rasch alternative Antriebe zu fördern, den Verbrauch zu senken und grüne Wellen zu schaffen.

Schlussendlich eine wichtige Info für alle Autofahrer, die noch keine Plakette haben, sie aber beanspruchen können: Die Feinstaubplaketten können für sechs Euro unter anderem bei den Zulassungsbehörden, den technischen Diensten wie TÜV, GTÜ, KÜS, Dekra sowie in vielen Werkstätten erworben werden (letztere sind preislich ungebunden). Hierzu ist die Vorlage des Fahrzeugscheins oder Fahrzeugbriefs beziehungsweise der Zulassungsbescheinigung notwendig. Es besteht im Übrigen keine generelle Pflicht zum Erwerb einer Feinstaubplakette. Aber „ohne“ drohen vielerorts Knöllchen – siehe oben!