(Red./tau) Für die rund 450.000 Menschen, die in Deutschland mit Parkinson leben, hängt die Lebensqualität entscheidend von der medizinischen Behandlung ab. Denn Parkinson ist nach wie vor nicht heilbar – einzig die Symptome lassen sich mit Medikamenten und begleitenden Therapieangeboten kontrollieren.

Welche medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und wann sie zum Einsatz kommen, darüber informierten Neurologen am Lesertelefon anlässlich des Welt-Parkinson-Tags 2018.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Welche Medikamente stehen heute überhaupt zur Verfügung – und wie wirken sie?

Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Skodda: Sämtliche verfügbaren Medikamente verfolgen das Ziel, den Mangel an Dopamin im Gehirn auf die eine oder andere Art auszugleichen – mit verschiedenen Wirkansätzen: Levodopa wird im Gehirn zu Dopamin umgewandelt, die so genannten Dopaminagonisten ahmen die Wirkung von Dopamin im Gehirn nach. MAO-B- und COMT-Hemmer hingegen blockieren den Abbau von Dopamin im Gehirn. NMDA-Antagonisten und Anticholinergika schließlich sind Wirkstoffe, die auf das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn einwirken. Die Auswahl der passenden Medikamente richtet sich nach dem Krankheitsstadium, den Symptomen der Betroffenen, möglichen Nebenwirkungen und etwaigen Begleiterkrankungen.

Ich lese immer wieder, dass die besten Ergebnisse mit L-Dopa erzielt werden. Warum wird das Medikament nicht von vorneherein eingesetzt?

Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Skodda: Richtig ist, dass Levodopa das wirksamste Medikament in der Behandlung der Symptome ist. Mit fortschreitender Symptomatik ist der Einsatz von L-Dopa bei den allermeisten Patienten im Laufe der Zeit erforderlich. Allerdings gibt es Hinweise dafür, dass der frühe Einsatz von L-Dopa das Auftreten von motorischen Wirkungsfluktuationen begünstigt. Das bedeutet, es kommt früher als notwendig im Tagesverlauf zu Schwankungen in der Beweglichkeit. Um diese Fluktuationen so weit wie möglich hinauszuzögern, werden wenn möglich zunächst zum Beispiel Dopaminagonisten eingesetzt. Wegen des Nebenwirkungsspektrums der Dopaminagonisten kann jedoch auch ein früher Einsatz von L-Dopa in Frage kommen.

Besonders morgens habe ich starke Schmerzen und bin völlig verkrampft. Wirken die Medikamente nicht ausreichend?

Prof. Dr. med. Michael Barbe: Sie beschreiben das Problem einer morgendlichen „Off-Phase“. Der Grund: Der Medikamentenspiegel fällt über Nacht ab. Eine mögliche Lösung ist ein Medikament mit dem Wirkstoff L-Dopa, dass retardiert, also mit Verzögerung und länger wirkt. Die andere ist die Einnahme eines schnell wirksamen L-Dopa-Präparats am Morgen. Viele Patienten haben dieses Medikament morgens in Reichweite und stehen auf, wenn die Wirkung nach circa 30 Minuten einsetzt. Für Patienten, die noch kein L-Dopa einnehmen, kann in einigen Fällen eine Änderung des Einnahmezeitpunkts ihrer Dopaminagonisten, zum Beispiel am Abend, oder eine Aufteilung der Tagesdosis Besserung bringen.

Über fast sieben Jahre haben die Medikamente bei mir gut gewirkt. Jetzt merke ich aber, dass ich die nächste Dosis früher nehmen müsste….

Prof. Dr. med. Michael Barbe: Mit der Zeit nimmt die Fähigkeit von Nervenzellen ab, Dopamin zu speichern und kontinuierlich abzugeben. Das führt zu einer Verkürzung der Wirkdauer und damit beim Patienten zu Wirkfluktuationen. Oft ist das Problem schon durch eine Verkürzung der Einnahmeintervalle der L-Dopa-Tabletten in den Griff zu bekommen. Alternativ bietet sich die Hinzunahme von COMT-Hemmern an. Bleiben die Wirkschwankungen bestehen, können ein Apomorphin-Pen oder – nach eingehender Prüfung der Eignung – eine Pumpentherapie oder die Tiefe Hirnstimulation helfen.

Was sind noch mögliche Folgen der Langzeittherapie?

Prof. Dr. med. Richard Dodel: Es gibt Folgen der Langzeitbehandlung und Folgen der fortschreitenden Erkrankung selbst. Zu ersteren zählen die Abnahme der Wirkstärke und -dauer der Medikamente, besonders bei L-Dopa. Deshalb ist eine Überprüfung der Medikation mindestens alle sechs Monate notwendig. Als Folgen der fortschreitenden Erkrankung können kognitive Einschränkungen, zum Beispiel Störungen der Orientierung auftreten, ebenso Depressionen und Halluzinationen, Störungen des Magen-Darm-Traktes wie Verstopfung sowie Störungen des autonomen Nervensystems wie zum Beispiel ein niedriger Blutdruck. Oft kommt beides zusammen, wenn zum Beispiel Medikamente die Verstopfung noch verstärken oder die Halluzinationen vermehren.

Ich bin nach über 20 Jahren mit der Krankheit völlig ausgelaugt, fühle mich antriebslos und oft auch allein gelassen. Was raten Sie mir?

Prof. Dr. med. Richard Dodel: Möglicherweise sind Ihre Beschwerden Anzeichen für eine depressive Verstimmung, die bei der Parkinson-Erkrankung sehr häufig auftreten kann. Wichtig ist, dass Sie rasch Hilfe aufsuchen und Ihre Probleme offen und umfänglich schildern. Denn eine depressive Verstimmung kann gut behandelt werden und führt zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität. Die Behandlung von psychischen und Verhaltenssymptomen ist ebenso wichtig wie die medikamentöse Behandlung der motorischen Störungen. Und ganz wichtig: Pflegen Sie ihre Kontakte zu Familie, Freunden und Bekannten – auch wenn die Erkrankung es Ihnen schwer macht.

Das ständige Hin und Her zwischen guter und schlechter Beweglichkeit trotz Medikamenten zerrt ganz schön an den Nerven. Welche Möglichkeiten gibt es?

Prof. Dr. med. Dirk Woitalla: Wenn durch die Tabletteneinnahme keine befriedigende Einstellung der Beweglichkeit möglich ist, müssen andere Therapieverfahren wie die Tiefe Hirnstimulation oder die Pumpentherapie erwogen werden.

Wann kommt eine Tiefe Hirnstimulation in Betracht?

Prof. Dr. med. Dirk Woitalla: Die THS kommt insbesondere bei Patienten infrage, die unter einem starken Tremor leiden und solchen, die unter der medikamentösen Therapie starke Schwankungen der Beweglichkeit oder Überbeweglichkeit erfahren. Allerdings ist die THS nicht als Therapieoption zu verstehen, die dann eingesetzt werden kann, wenn alles andere nicht mehr funktioniert. Insbesondere in weit fortgeschrittenen Krankheitsstadien und bei älteren Patienten wird sie in der Regel nicht angewandt.

Wie riskant ist die Operation?

Prof. Dr. med. Dirk Woitalla: Die Operation wird nur in spezialisierten Zentren durchgeführt und erfolgt unter einem sehr hohen Sicherheitsstandard, sodass Komplikationen wie Blutungen oder Entzündungen selten auftreten. Da die Methode seit vielen Jahren in Deutschland angewandt wird, ist sie technisch ausgereift. Gelegentlich sind der Schrittmacher – vergleichbar einem Herzschrittmacher – oder die Kabel unter der Haut sichtbar. Spürbare Einschränkungen werden von Patienten nur sehr selten berichtet.

Wie funktioniert eine Pumpentherapie?

Prof. Dr. med. Rüdiger Hilker-Roggendorf: Das Prinzip der Pumpentherapie ist die kontinuierliche Verabreichung von Dopaminpräparaten. Dadurch werden ein konstanter Wirkspiegel im Blut und eine dauerhaft ausreichende Versorgung des Gehirns mit Dopamin erreicht. Dadurch können die Wirkschwankungen der üblichen Medikation, die der Patient als so genannte On-/Off-Fluktuationen wahrnimmt, vermindert werden. Heute stehen zwei Varianten der Pumpentherapie zur Verfügung: eine mit dem Dopaminagonisten Apomorphin, die andere mit einem speziellen L-Dopa-Präparat.

Wo liegt der Unterschied zwischen den beiden Verfahren?

Prof. Dr. med. Rüdiger Hilker-Roggendorf: Der Hauptunterschied besteht in der Verabreichung des Wirkstoffs. Während Apomorphin mittels Pumpe in das Unterhautfettgewebe injiziert wird, muss das Levodopa-Gel über eine Magensonde, die durch die Bauchdecke implantiert wird, in den Dünndarm verbracht werden. Daher ist bei letzterer Methode ein kleiner operativer Eingriff notwendig. Wichtig ist bei beiden Systemen eine dauerhafte Unterstützung durch erfahrene Ärzte und betreuende Personen, zum Beispiel speziell geschulte Familienangehörige oder Pflegekräfte. Welches der beiden Systeme zum Einsatz kommen kann, muss sorgfältig durch erfahrene Ärzte mit dem Patienten und den Angehörigen abgewogen werden.

Welche ergänzenden Therapieangebote kann ich nutzen?

Prof. Dr. med. Rüdiger Hilker-Roggendorf: Einen großen Stellenwert haben die so genannten aktivierenden Therapien. Darunter fallen zum Beispiel die Physiotherapie, Gangtraining, Nordic Walking, Tai-Chi, Tanztherapie, Ergotherapie sowie Sprech- und Schlucktherapie. Zur Krankheitsverarbeitung und Besserung psychischer Symptome kann bei vielen Patienten eine Psychotherapie sinnvoll sein.

Parkinson besser verstehen

Mit rund 23.000 Mitgliedern ist die Deutsche Parkinson-Vereinigung die größte Selbsthilfevereinigung zu Morbus Parkinson. Unterstützt durch einen ärztlichen und einen psychologischen Beirat kümmert sie sich um die Belange der Betroffenen, ihrer Partner und Angehörigen.

Ziel der Arbeit ist die Verbesserung der medizinischen Versorgung und Lebensumstände von Menschen mit Parkinson durch Information, Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit. Die dPV bietet allen Interessierten eine Reihe von Büchern und Informationsbroschüren, die gegen einen geringen Kostenbeitrag über die Website bestellt werden können: www.parkinson-vereinigung.de

Fakten zu Parkinson

  • Betroffene in Deutschland: Nach neuesten Erkenntnissen der Deutschen Parkinson-Vereinigung ca. 450.000, jährlich kommen etwa 20.000 neue hinzu, die Dunkelziffer ist hoch.
  • Erkrankungsalter: Die meisten Betroffenen erkranken zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Etwa jeder zehnte Erkrankte ist allerdings jünger als 40 Jahre.
  • Frühe Symptome: Ein Arm schwingt beim Gehen nicht mehr mit, unsicherer Gang, Depressionen, Riechstörungen, veränderte Handschrift, Schmerzen im Nacken-Schultergürtel-Bereich, Schlafstörungen.
  • Hauptsymptome: Zittern, Verarmung der Bewegungen, Steifheit der Muskeln
  • Diagnose: Stellt der Neurologe meist aufgrund der körperlichen Untersuchungsbefunde. Ist die Abgrenzung von anderen Erkrankungen notwendig, kommen zur weiteren Diagnostik bildgebende Verfahren zum Einsatz.

Behandlung

  • Mit Medikamenten, die auf unterschiedlichem Wege versuchen, den Dopamin-Mangel im Gehirn auszugleichen. Die wichtigsten Wirkstoffgruppen sind Levodopa, Dopaminagonisten, MAO-B- und COMT-Hemmer. Wenn Tabletten nicht mehr gut wirken, können die Medikamente auch über Pumpen kontinuierlich verabreicht werden.
  • Mit der so genannten Tiefen-Hirnstimulation steht ein operatives Verfahren zur Verfügung, bei der Elektroden in das Gehirn der Patienten implantiert werden.
  • Begleitende Therapien wie Krankengymnastik, Sprach- und Ergotherapie können Beweglichkeit und wichtige Alltagsfähigkeiten gezielt trainieren. Psychotherapeutische Unterstützung kann bei Depressionen und Ängsten hilfreich sein.
  • Die Behandlung zielt auf die Beeinflussung und Kontrolle der Symptome ab. Eine Heilung ist bislang nicht möglich.

Weitere Informationen unter www.parkinson-vereinigung.de.

Buchtipp Parkinson

Henk Blanken: „Da stirbst du nicht dran. Was Parkinson mir gibt“
Übersetzt aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke

„Parkinson gibt mir mehr, als es mir nimmt“, sagt der Journalist Henk Blanken. Stundenlang im Garten sitzen und die Wolken am Himmel beobachten zum Beispiel, dafür hatte er vor der Diagnose keine Zeit. Als viel beachteter Journalist stand er immer unter Strom. Jetzt stolpert er, zittert, hat seine Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle, wird vergesslich. Das zwingt zur Langsamkeit. Als er von der Diagnose erfährt, ist seine erste Reaktion: „Das ist aber eine gute Geschichte.“

Diese seine Geschichte hat er meisterhaft aufgeschrieben. Selten hat ein Parkinsonkranker so packend seine eigene Erkrankung protokolliert. Es geht um das Annehmen des körperlichen und – noch beängstigender – des geistigen Verfalls, aber auch um die Frage, wie lange ein Leben lebenswert ist. (Patmos Verlag, 240 Seiten, 20,00 €)

Die Experten am Lesertelefon waren:

  • Univ.-Prof. Dr. med. Michael Barbe
    Facharzt für Neurologie, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Köln
  • Univ.-Prof. Dr. med. Richard Dodel
    Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie an der Universität Duisburg-Essen und ärztlicher Leiter des Geriatrie-Zentrum Haus Berge, Essen
  • Prof. Dr. med. Rüdiger Hilker-Roggendorf
    Facharzt für Neurologie, Neurologische Intensivmedizin, Chefarzt der Klinik für Neurologie, Vest
  • Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Skodda
    Fachärztin für Neurologie, Leitende Oberärztin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum
  • Prof. Dr. med. Dirk Woitalla
    Facharzt für Neurologie, Chefarzt der Klinik für Neurologie, St. Josef-Krankenhaus Kupferdreh, Essen