Pennäler hatten viel Sex im Kopf

Hagen. (Red.) Sein 100-jähriges Bestehen feiert das Albrecht-Dürer-Gymnasium in diesem Jahr. Grund genug, einen Blick in eine Zeit zurückzuwerfen, in denen sich ein Hans Pfeiffer aus der „Feuerzangenbowle“ (der mit den drei f) durchaus zu Hause gefühlt hätte. Für den Wochenkurier hat Gerhard E. Sollbach seine Nase in die Archive der Schule im heutigen Gerichtsviertel gesteckt. Er fand heraus, dass mit der Lehrerschaft anno dazumal beim Anblick nackter Haut gar nicht gut Kirschen essen war.

Über zwei „pikante“ Ereignisse aus der Kinderstube der Schule berichtet Gerhard E. Sollbach in diesem Artikel:

„Die Konferenz ist der Überzeugung, dass dieser Schüler eine Gefahr für seine Klasse bildet.“ Das steht im Protokoll der Lehrerkonferenz am 30. November 1916 des damaligen Königlichen (Staatlichen) Realgymnasiums zu Hagen – der Schule also, die sich heute Albrecht-Dürer-Gymnasium nennt. Der so be- oder vielmehr verurteilte Schüler war der 13-jährige Untertertianer (9. Klasse) Fritz S.

In konsequenter Weise beschloss die Konferenz daraufhin, den Jungen von der Schule zu verweisen. Das Vergehen des Schülers: Er hatte eine Postkarte mit einer „sehr schmutzigen Darstellung“, wie es vorsichtig umschreibend im Protokoll heißt, mit in die Schule gebracht. Im Klartext: Es handelte sich um eine erotische Postkarte. Doch nicht nur das: Fritz S. hatte diese Postkarte, bei der es sich nach Feststellung der Lehrer um eine Darstellung „äußerster Gemeinheit“ handelte, in der Pause auch noch einigen Mitschülern gezeigt – und war dabei ertappt worden. Wie das geschah, ob ein Lehrer ihn beobachtet hatte, oder ob Fritz S. von Mitschülern verpetzt worden war, darüber gibt das Konferenzprotokoll keine Auskunft.

1916 geschrieben: Eintrag in dem Protollbuch der Lehrer-Gesamtkonferenzen des damaligen Königlichen Realgymnasiums zu Hagen (heute Albrecht-Dürer-Gymnasium) über die Verweisung eines Schülers von der Schule wegen „Unsittlichkeit“ - Ausschnitt. (Repro: Sollbach)
1916 geschrieben: Eintrag in dem Protollbuch der Lehrer-Gesamtkonferenzen des damaligen Königlichen Realgymnasiums zu Hagen (heute Albrecht-Dürer-Gymnasium) über die Verweisung eines Schülers von der Schule wegen „Unsittlichkeit“ – Ausschnitt. (Repro: Sollbach)

Lügen bedrohte die Autorität

Unglücklicher- oder vielmehr unklugerweise verschlimmerte der „Übeltäter“ seine Sache, indem er es wagte, den Klassenlehrer, der ihn zur Rede stellte, anzulügen und zu behaupten, er habe gar nicht die fragliche Postkarte herumgezeigt, sondern ein belangloses Schreiben. Nachdem er aber zwei Mitschülern als Zeugen gegenübergestellt worden war, konnte er seine Tat schließlich nicht mehr leugnen und musste sie zugeben. Ein solches dreistes Belügen eines Lehrers betrachteten die Kollegen nicht nur als Frechheit ihnen gegenüber, sondern auch als eine Infragestellung ihrer Autorität. Da kannten sie keine Gnade, wie der einstimmig gefasste Konferenzbeschluss bezeugt: Der Junge wurde von der Schule verwiesen.

Dem ländlichen Boele sei Dank

Anders, nämlich gnädiger, urteilte das Lehrerkollegium im Fall eines weiteren Untertertianers, der auch in der Gesamtkonferenz am 30. November 1916 verhandelt wurde. Dieser Schüler, der 14 Jahre alte Franz Sch., hatte sich ebenfalls eines „sittlichen Vergehens“ schuldig gemacht, indem er durch Wort und Gebärden „Unzüchtiges“ zum Ausdruck gebracht hatte – und das sogar hinter dem Rücken seines Lehrers. Auch hatte er eine „unzüchtige Zeichnung“ an eine Wand des Schulhofs gemalt, und zwar so deutlich, dass sie laut Protokolleintrag „Aufmerksamen verständlich“ war. Dennoch erkannte das Kollegium hier mildernde Umstände. Denn, so steht’s im Protokoll: Die „bedenkliche Richtung“ der Phantasie des Jungen sei auf die „Beobachtung des Tierlebens“ in seiner ländlichen Heimat Boele zurückzuführen. Außerdem war Franz Sch., wie im Protokoll ausdrücklich vermerkt, „geständig und reuig“. Die Konferenz glaubte daher, keine „tiefgehende Verderbtheit“ bei ihm erkennen und von einem Verweis von der Schule absehen zu können. Fritz Sch. kam mit der Androhung des Verweises davon.

Das alte Protokollbuch der Lehrerkonferenzen der Schule, dem diese Nachrichten entnommen sind, befindet sich heute noch im Archiv des Albrecht-Dürer-Gymnasiums.