„Pinocchio“

Hagen. (AnS, 26.05.10) „Il palloncino“ – stolz hält Neele die Memory-Karte mit dem großen, roten, runden Luftballon in die Höhe. Ihr kleiner Nachbar hat bereits „il bambino“ gefunden: Wenn die Turnhallentür des Evangelischen Kindergartens „In der Welle“ in Eilpe sich schließt, wissen die Kinder: Jetzt ist Zeit für Italienisch!

„Pinocchio“ nennt sich das Programm, das italienischstämmigen Kindern ihre Muttersprache lehrt und mittlerweile in sieben Hagener Kindergärten angeboten wird. „Denn“, wissen Miriam Sammarco und Sabrina Di Dio Ciantia von ihren Landsleuten: „In vielen Familien wird kaum noch unsere Heimatsprache gesprochen.“ Bedauerlich findet dies auch der Verein „Vestfalia e.V.“mit Sitz in Werl, eine Initiative des italienischen Konsulats Dortmund mit Konsul Paola Maria Cristina Russo an der Spitze, der dieses Projekt ins Leben gerufen hat.

Spielerisch

Mit Gesang beginnt Miriam Sammarco die Unterrichtseinheit, die nur wenig mit einer klassischen Schulstunde gemein hat. Fröhlich machen die Kinder, die allesamt auf Socken in die Turnhalle gekommen sind, mit: ahmen die Bewegungen der 33-Jährigen nach, tanzen, hüpfen, klatschen und plappern munter die für sie mitunter doch noch fremde Sprache nach.

Übersetzungen ins Deutsche werden nur selten benötigt. Spielerisch mit vielen Gesten bringt die Hagenerin den Drei- bis Sechsjährigen einfache Vokabeln wie Begrüßung, Tiernamen oder auch Richtungen bei.

Dem Gesang folgt eine Geschichte von jenem Ballon, die Miriam Sammarco mit schauspielerischen Elementen untermalt. Die Eilperin wurde selbst in Italien geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Deutschland. Sie hat wie ihre Kollegin Sabrina Di Dio Ciantia, die an der Meinolf-Schule diesen Unterricht anbietet, das italienische Abitur gemacht und beherrscht beide Sprachen perfekt, Voraussetzungen für ihre Tätigkeit im Verein Vestfalia e.V.“. Mit ihren Kindern spricht sie deutsch und italienisch, weiß aber, dass dies in anderen Familien nicht der Fall ist. „Italienisch – das ist nicht nur eine Sprache, dahinter stecken Kulturgut, Lebenslust und Mentalität,“ erklärt sie mit viel Leidenschaft.

Mit Spaß

„Ooh, der Ballon ist ja sporco (schmutzig),“ ruft Luca in die Runde, als er eine weitere Karte des Memory-Spiels, das das Gelernte festigen soll, aufdeckt. Der kleine Italiener ist einer der jüngsten Teilnehmer, wenn auch nicht immer aufmerksam und mit voller Konzentration dabei: „Die Kleinen bekommen sehr viel mit, speichern mehr als wir denken“ weiß Sabrina Di Dio Ciantia. Sein Bruder Toni turnt derweil lieber auf der dicken Sportmatte, Miriam Sammarco gönnt ihm diese Auszeit: „Schließlich ist das Mitmachen hier freiwillig und soll vor allem Dingen eins machen: Viel Spaß!“

Die Vorschulkinder haben mittlerweile an einem kleinen Tischchen Platz genommen. Mit Feuereifer und vor Anstrengung roten Bäckchen arbeiten sie die Geschichte mit Ausschneiden und Ausmalen noch einmal auf. Zum zweiten Mal hält Neele stolz ihr Werk in die Luft, das Miriam Sammarco in eine Mappe steckt. Zuhause soll die Fünfjährige die Vokabeln noch einmal wiederholen. „Diese Nacharbeit ist erwünscht, aber auch wieder freiwillig.“ Aber San Marco weiß: „Neele trägt mit Begeisterung ihrer deutschen Mama die Vokabeln vor.“ Und die Mutter freut sich: Von ihrer Tochter lernt sie auf diese Weise ein bisschen von der auch für sie fremden Sprache.

Neugierde groß

Weit über 40 Kinder machen in der Volmestadt beim Programm, das im Oktober 2009 zu ersten Mal angeboten wurde, mit: „In diesem Alter ist die Neugierde groß, das nutzen wir.“ Mit Musik, Tanz, Spielen und Bilderbüchern frischt „Pinocchio“ auf, was vielleicht einmal vorhanden war. Miriam Sammarco weiß: „Sobald die Kleinen in den Kindergarten kommen, bleibt der italienische Wortschatz, wenn er denn vorhanden war, auf der Strecke.“ Andererseits: Die deutsche Sprache soll auf keinen Fall zu kurz kommen, der angebotene Unterricht will sie nicht verdrängen. „Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz.“

Neele und ihre kleinen Freunde packen derweil Schere und Stifte beiseite und gehen zurück in ihren deutschen Kindergartenalltag, der zweimal in der Woche durch den italienischen Unterricht ein wenig bereichert wurde…

Kindergärten, die an diesem für Kinder, Eltern und Tagesstätten kostenlosen Programm teilnehmen möchten, bekommen unter Telefon 0 29 22 / 9 09 83 27 weitere Informationen.