Polizist ohne Pardon

Hagen. (AnS) „Das kann ich schon alleine“, sagt die vierjährige Julia, wenn sie in ihren Kindersitz klettert und es ums Anschnallen geht. Das der Gurt verdreht ist und auch viel zu locker sitzt, stört das Mädchen nicht. Seine Mutter aber schon. „Und das ist auch gut so,“ erklärt Jörg Ebel, Verkehrssicherheitsberater bei der Polizei Hagen. Jörg Ebel tourt mit seinem Programm „Kinder im Straßenverkehr“ durch Kindergärten, klärt und zeigt auf.

Wenn es um das Thema Sicherheit geht, kennt der Polizist kein Pardon und spricht deutliche Worte. „In Fragen der Sicherheit haben Kinder kein Mitspracherecht!“ Auch beim Anschnallen gibt es für ihn keine Ausnahmen. Denn immer noch fahren viel zu viele Kinder, aber auch Erwachsene nicht oder nur unzureichend angeschnallt im Auto mit. „Oft fehlt“, weiß Jörg Ebel aus Erfahrung, „sogar ein passender Kindersitz.“ Babys, die auf dem Schoß der Oma transportiert werden, oder ein Auto mit fünf Sitzplätzen, auf denen sich aber sechs Kinder tummeln: Alles schon gesehen.

Sitz bis zum 12. Geburtstag

Mit dem richtigen Kindersitz und sicher angeschnallt macht die Autofahrt doch gleich viel mehr Spaß...(Foto: wk-Archiv)

Bis zum 12. Lebensjahr oder bis zu einer Größe von 150 Zentimetern müssen Kinder in einem entsprechenden Sitz transportiert werden. Erlaubt sind auch sogenannte Sitzerhöhungen, die vorne aber über ein Hörnchen verfügen müssen, damit der Gurt bei einem möglichen Unfall nicht in den Beckenraum einschneidet. „Wichtig ist auch, dass der Gurt im Halsbereich nicht einschneidet, die Erwürgungsgefahr ist groß.“

Auf dem Beifahrersitz dürfen Kinder jeden Alters ebenfalls mit den entsprechenden Sicherungssystemen transportiert werden. Ganz wichtig: Wird der Kindersitz entgegen der Fahrrichtung angebracht, muss der Airbag ausgeschaltet sein. Wird das Kind hingegen in Fahrtrichtung transportiert, muss der Airbag zum Schutz unbedingt eingeschaltet sein. Anzumerken sei allerdings auch, dass es grundsätzlich besser ist, das Kind möglichst auf dem Rücksitz zu befördern. Komme es zu einem Unfall, seien die Verletzungen auf der Vorderbank meist enorm, weiß der Fachmann. Schließlich ist der Beifahrersitz der am meisten gefährdete Ort im Auto. Nur, wenn es gar nicht anders gehe, sollte man das Kind auf diesem Platz tatsächlich Platz nehmen lassen.

Kindersitze: Qual der Wahl

Den richtigen Kindersitz zu finden, ist bei der riesigen Auswahl gar nicht so einfach. Die Qual der Wahl kennt Jörg Ebel, selbst Familienvater. Deshalb sein Tipp: Probieren geht über studieren. Zunächst sollte der Kindersitz natürlich amtlich genehmigt sein und der Norm entsprechen. Erkennbar sei das am ECE-Prüfzeichen: die Prüfnummer muss dabei mit einer „03“ oder „04“ beginnen. Ferner spielen das Gewicht, die Körpergröße und das Alter des Kindes eine Rolle. Verschiedene Gruppen von 0 bis 3 teilen Babyschalen und Kindersitze in diverse Klassen ein. Und auch das Körpergewicht, das angegeben ist, ist nur ein Richtwert. Das hartnäckige Gerücht „Kinder schwerer als 36 Kilo brauchen keinen Sitz mehr“ ist absolut falsch.

Höchste Sicherheit biete ein rückwärtsgerichteter Sitz, der allerdings aufgrund seiner Größe nicht in jedem Auto Platz findet. Gut sei auch eine Befestigung mit Fangkörper und Dreipunktgurt. Vor dem Kauf gilt also: Informieren und im eigenen Auto und im Zweifelsfall auch im Zweitauto testen. „Ich rate Eltern, das Kind mitzunehmen: Einmal, um den Sitz zu probieren. Zweitens setzt sich ein Kind, das vielleicht in punkto Stoff und Farbe mitentscheiden durfte, viel lieber in den Sitz.“ Jetzt muss nur noch der Gurt angelegt werden, denn der schützt nur, wenn er richtig sitzt: Straff und eng sollte er sein, die Führung muss stimmen und er sollte immer durch die Eltern überprüft werden. Ein „Klick“ durchs Kind reiche da eben nicht.

Gefahr auch für Mitfahrer

Jörg Ebel appelliert an das Gefahrenbewusstsein der Eltern. Gern stellt er sich vor Kindertageseinrichtungen und zeigt Müttern und Vätern auf einem Video, was alles passieren kann. Nicht nur, dass sich der unangeschnallte Mitfahrer selbst gefährdet, nein, er bringt auch andere in Gefahr. Bei einer Vollbremsung fliegt er durchs Auto. Schon bei einer Geschwindigkeit von zehn Kilometern kann man sich nicht mehr im Auto festhalten, das haben Tests ergeben. Und: Auch im leeren Zustand sollten Kindersitze angeschnallt werden, sie werden sonst ebenso wie Flaschen, Einkaufstüten oder Haustiere zu lebensgefährlichen Geschossen.

Konsequent sein, das ist ein weiterer Tipp, den Jörg Ebel den Eltern mit auf den Weg gibt. Gern erzählt er die Geschichte von seinen eigenen Kindern, die sich während einer weiten Fahrt zu Freunden abschnallten. Der Polizist hielt an, erklärte seinen Dötzen die Situation, brach die Tour ab und fuhr viele Kilometer wieder nach Hause zurück…

Die meisten Kleinen aber, das wissen Eltern und auch Jörg Ebel, erinnern die Eltern, falls diese das Anschnallen mal vergessen haben. Wenn der Gurt dann noch richtig sitzt und eine geeignetes Sitzsystem vorhanden ist, könnten so manche Unfälle glimpflicher ausgehen. Die eingangs erwähnte vierjährige Julia wartet mittlerweile schon darauf, dass Mama den Gurt bei ihr noch mal kräftig nachzieht. Insbesondere seit sie vor kurzem einen Auffahrunfall selbst miterlebt hat, weiß sie, wie wichtig das ist!

„Man kann nur immer wieder aufklären“, betont Jörg Ebel. Dass es immer noch Unverbesserliche gibt, die das Thema auf die leichte Schulter nehmen, daran kann auch er – leider – nichts ändern…