Puhhh, das war knapp!

Der Jacques-Cartier-Fluss im Parc National de la Jacques Cartier. (Foto: G.E.Sollbach)

Hagen. (ME) Der Herdecker Historiker Dr. Gerhard E. Sollbach war erneut auf abenteuerlichen Pfaden durch Kanada unterwegs. In drei Teilen berichtete er darüber bereits im wk; heute folgt der letzte Teil:

Irgendwann war die Hochfläche erreicht und es eröffnete sich ein erster Ausblick auf den Canyon des Malabaie-Flusses, des tiefsten und größten der vielen Canyons in dem Park. Der schmale Pfad zum eigentlichen Gipfel führte steil und teilweise über einen mehr oder weniger schmalen Grat. An einigen Stellen verlief er sogar direkt am Rand der fast senkrecht abfallenden Canyonwand entlang. Auch ging es dort wie gewohnt über Steine und steile glatte Felsen. Doch aufgeben, so kurz vor dem Ziel?

Was für eine Blamage! Kommt nicht in Frage! Also los! Immer starr nach vorne blickend, begann ich den Aufstieg. Zu allem Unglück wurde der Wind immer heftiger, je höher ich kam. Außerdem kam er jetzt vermehrt in Böen und zerrte heftig an meinem vollgepackten Trecking-Rucksack, so dass ich Angst hatte, ich würde durch einen heftigen Windstoß mitsamt Rucksack über den Canyonrand geweht werden. Doch es ging alles gut. Manchmal auf allen Vieren kriechend überwand ich hohe und steil aufragende Felsen und erreichte schließlich den Hauptgipfel. Der Blick von oben fast senkrecht 800 Meter hinunter auf den tief unten als ein schmales Silberband aufscheinenden Malabaie-Fluss war in der Tat überwältigend und lässt die Anstrengung und Ängste des Aufstiegs schnell vergessen.

Meine „Heldentat“ musste ich aber unbedingt durch ein Foto dokumentieren. Nach mehreren Versuchen mit der Selbstauslöser-Automatik hat es schließlich geklappt. Dabei hätte ich fast die kleine Karibu-Herde übersehen, die nur ein kurzes Stück hinter mir im Gras lag. Weder meine Anwesenheit noch mein Hin- und Her-Rennen schienen die Tiere gestört oder gar beunruhigt zu haben.

Knapp davonkommen

Der letzte Nationalpark, den ich besucht habe, war der Saguenay-Nationalpark mit dem Fjord des Saguenay-Flusses. Dieser Fjord ist mit rund 100 km Länge einer der längsten und südlichste der Welt. Seine Steilklippen erreichen eine Höhe bis zu 280 Metern.

Inzwischen war es Oktober geworden und die Herbstfärbung des Laubs ging auf ihren Höhepunkt zu. Dieses großartige Naturschauspiel wollte ich mir ja unbedingt noch im Jacques-Cartier-Nationalpark ansehen. Auf der Rückfahrt verschlechterte sich das Wetter aber zunehmend. Es begann heftig zu regnen und es regnete auch noch, als ich schließlich im Jacques-Cartier-Nationalpark ankam. Ich war offenbar wieder der einzige Camper und bekam auch problemlos wieder meinen alten Lagerplatz direkt am Ufer des Flusses. An einen Zeltaufbau war bei diesem Wetter aber nicht zu denken. So verbrachte ich wieder einmal eine unbequeme Nacht mit angezogenen Beinen auf dem PKW-Rücksitz. Auch in der Nacht hielt der Regen unvermindert an. Geschlafen habe ich in dieser Nacht kaum. Nicht nur das ständige Trommeln des Regens auf das Wagendach hinderte mich am Einschlafen. Vor allem die Beunruhigung darüber, dass das Rauschen des Flusses trotz der Trommelgeräusche auf dem Autodach immer deutlicher hörbar wurde, hielt mich wach. Ich dachte, hoffentlich geht das gut…

Der Jacques-Cartier-Canyon im Herbstkleid. (Foto: G.E.Sollbach)

Und es ging nicht gut! Kaum war es am anderen Morgen hell geworden, klopften zwei Ranger an die Autoscheibe. Ich solle schnell den Park verlassen, denn es gebe eine Überschwemmung, teilten sie mir mit. Die Ranger-Station sei schon geräumt. An mehreren Stellen stehe der einzige Weg in und aus dem Park bereits unter Wasser. Ich müsse mich aber beeilen, denn das Wasser steige schnell. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und machte mich so schnell es ging auf den Weg. Nachdem ich zwei große Wasserlachen auf der Fahrstrecke glücklich durchquert hatte, kam ich an eine recht tiefliegende Stelle. Wo früher sich hier die Straße befand, war jetzt ein kleiner See. Der Straßenverlauf war überhaupt nicht mehr zu erkennen. Zum Glück stand hier mit seinem Pickup-Truck ein Ranger, der offenbar auf mich gewartet hatte. Er gab mir mit Handzeichen zu verstehen, dass ich langsam fahren solle und wies mir auch die Richtung. Trotz langsamer Fahrt, spritzte das Wasser hoch über die Motorhaube und bis an die Frontscheibe, so dass ich fürchtete, mitten in der Wasserlache stecken zu bleiben.

Riesige Wasserwüste

Doch es ging noch einmal gut. Als ich die anschließende Höhe erreicht hatte und mich außer Gefahr befand, habe ich den Wagen abgestellt, und bin zurückgelaufen, um mir das Unheil anzusehen. Aus dem bei meinem ersten Besuch vor zwei Wochen friedlich dahinfließenden klaren Jacques-Cartier-Fluss war eine reißende und brodelnde schmutzig-braune Flut mit einzelnen Schaumkronen geworden. Das Flussufer war nur noch daran zu erkennen, wo Bäume mehr oder weniger tief im Wasser standen. Der kleine See, den ich vor etwa einer Viertelstunde durchfahren hatte, hatte sich in der kurzen Zeit in eine riesige Wasserwüste verwandelt.

Ein Durchkommen wäre jetzt für mich überhaupt nicht mehr möglich gewesen. Das sagte mir der Ranger, der unmittelbar nach mir durch das Wasser gefahren war und als letzter den Park verließ. Jetzt wurde mir erst bewusst, in welcher Gefahr ich mich befunden hatte.

Abschied mit Wehmut

Ganz so abenteuerlich hatte ich mir mein Wildnis-Erlebnis nicht gewünscht. Drei Tage blieb der Park daraufhin geschlossen. Dann wurde ein kleiner Teil aber wieder geöffnet. Zwei Tage vor meinem Heimflug konnte ich daher bei herrlichem Sonnenschein noch den Farbenzauber des Indian Summer in meinem Lieblingspark ausgiebig genießen. Mit ein bisschen Wehmut habe ich dann auch Abschied genommen.