„Puto“ steht an der Pinkelrinne – und 14 Fischer teilen einfach alles

Die Zuversicht der deutschen Fans vor dem Ghana-Spiel ist berechtigt - mit dem 1:0-Sieg zieht die Löw-Elf ins Achtelfinale ein. (Foto: Frank Schmidt)

Von Frank Schmidt (zurzeit in Südafrika)

Pretoria. „Gegen England muss sich mancherlei ändern“, meint Rudi Kaiser, und mit dieser Meinung steht er nicht allein. Der 42-Jährige aus Oberhagen ist erst am Tag des Spiels gegen Ghana in Südafrika angekommen und hat Quartier im DFB-Fancamp in Pretoria bezogen, wo auch wir – meine beiden Freunde und ich – für zwei Nächte eingecheckt haben. Nach dem knappen 1:0-Erfolg gegen Ghana überwiegt die Erleichterung, doch so richtig zufrieden sind sie nicht, die Deutschland-Anhänger, die nun in den gemieteten Bussen zurück von Johannesburg Soccer City ins Camp gebracht werden.

„Hammerpartie“

„Marin sollte der Löw jetzt bringen, und am Besten auch Kroos, damit unser Spiel variantenreicher wird“, fordert Kaiser, der sich innerhalb einer Woche mit seinen beiden Kumpels aus Hattingen und Velbert noch vier, fünf Spiele im Landesinneren ansehen möchte. Darunter ist natürlich auch das Achtelfinale gegen England – eine echte Hammerpartie.

Elektrisieren kann dieser ewig junge Fußballhit im Moment indes weder Rudi noch die anderen Fans unserer Adlerträger. Die deutschen Helden sind müde nach den spannenden 90 Minuten gegen Ghana, nach all dem Anschreien gegen die Vuvuzelas und der stundenlangen Anreise im Stau von Johannesburg. Mitten auf der Autobahn wurde unser fröhlicher Busfahrer Wilbur mehrfach genötigt, die Tür zu öffnen, und dann haben sie munter in Reih und Glied auf den Mittelstreifen gepieselt. Treibende Kraft war natürlich das Bier, und Wilbur hat nicht schlecht gestaunt über die Freizügigkeit seiner Fahrgäste. Jetzt aber, auf der Rücktour, wird friedlich geschlafen.

Zumutung

Im Fanzelt in Pretoria kommen die Meisten wieder auf Betriebstemperatur. Die Stimmung ist prächtig, ganz anders als nach der Partie gegen Serbien, wo im Camp schon Lagerkoller aufkommen wollte. „Schlimmer als beim Bund ist das hier“, kam uns schon beim Eintritt in die Rezeption ein stinksaurer Fan entgegen, und bald ging uns auf, was er meinte. Das Camp ist mit einem Übernachtungspreis von 55 Euro nicht nur die teuerste unserer bisherigen Unterkünfte, sondern mit Abstand auch die schlichteste und besticht mit dem herben Charme untersten Jugendherbergsniveaus.

Nachts wird es bitterkalt, doch Heizmöglichkeiten gibt es in den Studentenzimmern der Technischen Universität von Pretoria, die zum Fancamp umgewidmet wurden, nicht. Einige aus der mehrere hundert Köpfe zählenden Fangemeinde haben sich Heizstrahler gekauft, vor allem die, die länger bleiben. Man staunt, was der Deutsche Fußballbund seinen Anhängern, die über mehrere tausend Kilometer hierher gekommen sind, zumutet. „Powered by Coca Cola“ steht auf den schwarz-rot-goldenen Fancamp-Schildern, die allgegenwärtig sind. Dafür gibt‘s ein rotes Werbehandtuch und eine Tüte mit Fan-Schnickschnack.

Es gibt hier einige, die sich wirklich ausschließlich für Fußball interessieren, und für sie ist der Besuch von Gerald Asamoah, deutscher Ex-Nationalspieler mit ghanaischen Wurzeln, vor dem letzten Gruppenspiel einer der wenigen Höhepunkte im Lagerleben. Dabei hat Pretoria auch viel zu bieten an Museen und Kultur. Viele aber wagen sich erst gar nicht in die Stadt, bestaunen nicht die Küchen auf offener Straße, die Taxifahrer, Polizisten und andere Pretorianer mit schmackhafter Kost versorgen. Auf den Kreuzungen warten die fliegenden Händler, verscherbeln bei sengender Sonne MP3-Player, Mützen und Handschuhe. Wie gesagt, nachts wird es frisch, auch wenn man es in der Mittagshitze im bunten Menschengewirr kaum glauben mag.

Sympathieträger

Gerald Asamoah (links) stimmt die deutschen Fans im DFB-Fancamp auf die Partie gegen Ghana ein. Auch wochenkurier-Redakteur Frank Schmidt fachsimpelte mit dem deutschen Ex-Nationalspieler.

Asamoahs Prophezeiungen bewahrheiten sich nur bedingt. Gemauert haben sie wirklich nicht, die Ghanaer, die nach der Vorrunde die Fahne des Austragungskontinents hochhalten. Und der Torwart war mitnichten ein Schwachpunkt. Doch Asamoah ist ein Sympathieträger, der Afrikas Herzlichkeit auch nach all den Jahren im harten Profigeschäft nicht eingebüßt hat. Erinnerungsfotos werden geschossen, und kein Autogrammwunsch ist dem nach St. Pauli wechselnden Schalker zuviel. Der DFB-Spitze um Theo Zwanziger, die vor dem Achtelfinale im Camp erwartet wird, dürfte ein rauerer Wind ins Gesicht wehen angesichts der reichlich überteuerten Herberge.

Einziger Fahrgast

Immerhin können Frank, Michael und ich hier mal große Wäsche machen nach den ersten zwölf Tagen unseres Südafrika-Abenteuers. Das ein oder andere Kapitel habe ich auch für mich allein; zum Beispiel, dass ich die „Lady B“ bei einer Rundfahrt persönlich durch Kapstadts Hafen steuern durfte. Denn angesichts des heftigen Gewitters war ich der einzige Fahrgast, und Kapitän Ridhwaan Wells hätte mit seiner Barkasse eigentlich gar nicht auslaufen dürfen. „You will not see very much – Sie werden nicht viel sehen“, hatte mich Ridhwaan noch von der Rundfahrt abbringen wollen, doch weil ich so enttäuscht aus der Wäsche guckte, ließ er seinen Matrosen Meshack Zikhali doch die Leinen lösen.

Ridhwaan hat mir den Hafen genau erklärt, als sei die „Lady B“ voller Passagiere: „Da vorn liegen die Thunfischkutter, die zehn bis 14 Tage auf See bleiben. Sieben Mann arbeiten stets auf Deck, sieben weitere ruhen sich währenddessen aus, damit auch nachts gearbeitet werden kann. Die Betten werden geteilt, sie haben nur sieben Kojen.“ Und Meshack ergänzt grinsend: „Übrigens haben sie auch nur sieben Frauen.“ Unser Gelächter übertönt das fleißige Tuckern des Dieselmotors.

„Puuutooo!“

Ein weiteres Glanzlicht ist die Begegnung zwischen Mexiko und Uruguay, in dem sich die „Urus“ mit einer starken Leistung als Gruppenerster fürs Achtelfinale qualifizieren. Die zahllosen, phantasievoll gekleideten mexikanischen Fans sind ein Erlebnis für sich. Sie haben für die Partie eine neue, zwerchfellerschütternde Choreographie eingeübt. Jedesmal, wenn sich der Torwart der „Urus“ anschickt, den Ball abzuschlagen, gehen wackeln die Hände in die Höhe – „Ooooooooooh“ – und dann, wenn der Keeper das Leder trifft, erklingt es lautstark: „Puuutooo!“ – „Puto“ ist ein ganz schlimmes spanisches Schimpfwort, das den Sprössling einer Dame des ältesten Gewerbes der Welt bezeichnet und in der Halbzeitpause auch mir gewidmet wird. Denn mein Zweitteam ist Uruguay, und als ich als einziger Himmelblauer unter 150 grünen Mexikanern in einer langen Schlange an der Pinkelrinne warte, geht plötzlich das Licht aus: „Oooooooh“ – und dann geht das Licht wieder an, einer paar Mexikaner zeigen auf mich, und alle brüllen – na, was wohl? Wir machen uns fast vor Lachen in die Hosen.

Daumen drücken

Nun, ein paar Tage später, steht das Englandspiel vor der Tür. Immer wieder wuseln Kamerateams durch das Fancamp und erfragen die deutsche Befindlichkeit. „Endlich ein Topspiel“, eröffnet ein Schwabe dem RTL-Reporter. Und wenn es zum Elfmeterschießen kommen sollte? „Kein Problem – da tät ich sogar noch selbst anlaufen“, ergreift der junge Mann im Deutschlanddress schon wieder seine Schafkopfkarten. Zuversicht hat sich breit gemacht, erst recht, nachdem die von den Fans ungeliebten Italiener ausgeschieden sind.

Für uns aber geht es im Achtelfinale auch darum, ob wir weiter das deutsche Team begleiten dürfen oder mit den gewöhnlich reichlich bizarr auftretenden Engländern weiter reisen. In diesem Sinne heißt es am Sonntag: Doppelt Daumen drücken für Jogi und seine Jungs.

Auf geht‘s also – auf Wiederlesen aus Bloemfontein!