Reiseerinnerungen aus den Sechzigern

Hagen. (tau) Das Reisen hat Edeltraud Fischer immer schon geliebt. Raus aus der heimischen Enge in die weite Ferne, davon träumte die gebürtige Hasperin von Kindesbeinen an. Einige Träume konnte sie sich erfüllen. Die Fahrt nach Russland 1965 und ein knapp einjähriger Aufenthalt in Kanada 1960 sind ihr in besonderer Erinnerung geblieben.

„Nach Russland? Man hielt mich damals für verrückt“, erzählt die heute 90-Jährige. „Aber ich wollte das für mich tun. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen von dem Land, in dem viele meiner Freunde im Krieg gefallen und begraben sind.“ Was ihr begegnete, waren Fürsorglichkeit und Respekt aus der Bevölkerung. „Und diese malerischen Küsten der Krim“, schwärmt sie.

„Für die Überfahrt nach Kanada hatte ich vier Monatsgehälter gespart“, schmunzelt die 90-Jährige. Von heut’ auf morgen kündigte sie ihren Job als Exportkauffrau und setzte über den Großen Teich, wo ihre Schwester bereits eine neue Heimat gefunden hatte. „Am liebsten wäre ich für immer dort geblieben“, sagt Edeltraud Fischer. Die Weite des Landes, aber auch die verschiedenen Nationalitäten, auf die sie traf, begeisterten die Hagenerin. Doch ihre Mutter erkrankte, und so zog sie zurück in die Volmestadt.

Hasper Zeitung

Ihre Reise-Erlebnisse schrieb Edeltraud Fischer als freie Mitarbeiterin für die seinerzeitige Hasper Zeitung nieder. Dort kannte man sie aus dem Sportbereich. Edeltraud Fischer war Fechterin, zunächst in Haspe, dann beim TSV Hagen 1860. In den 50er Jahren nahm sie sogar an der deutschen Meisterschaft teil.

Spät entschloss sich Edeltraud Fischer noch zu einem Studium und arbeitete bis zur Pensionierung als Kunstlehrerin an der Gesamtschule Helfe. In den Ferien war sie immer wieder unterwegs. Indonesien gehörte zu den Zielen, aber auch das afrikanische Zimbabwe.

Welcher Reistetraum ist unerfüllt geblieben? „St. Petersburg! Ich hätte mir gerne die Eremitage angeschaut. Das geht nun nicht mehr, und es ist auch nicht schlimm. Ich hatte ein erlebnisreiches Leben“, lächelt die 90-Jährige. „Aber wenn ich nochmal jung wäre, dann würde ich gerne Reiseschriftstellerin!“

Lesen Sie hier die Reiseberichte der Hagenerin:


 

Von der Hasper Schreibmaschine nach Kanada

erzählt von einem Elfmonats-Besuch

Ihre Reise-Erlebnisse schrieb Edeltraud Fischer Anfang/Mitte der 1960er Jahre als freie Mitarbeiterin für die Hasper Zeitung nieder. (Foto: Bärbel Taubitz)
Ihre Reise-Erlebnisse schrieb Edeltraud Fischer Anfang/Mitte der 1960er Jahre als freie Mitarbeiterin für die Hasper Zeitung nieder. (Foto: Bärbel Taubitz)

aus: Hasper Zeitung, 22. Juli 1961

Es ist 6 Uhr morgens. Mein Blick aus dem Fenster gleitet vom diesig-grauen Sommerhimmel auf die Talstraße. Dorthin, wo die Wassermassen der Ennepe ein riesiges Loch in die Steinwand gerissen haben. Dort nun, wo die Gärten sind – dicht neben der Bahnlinie – am Rand des Kraters – kniet ein alter Mann. In seinen Händen hält er eine Kohlenschaufel, mit der er Erde in ein Gefäß schaufelt. Kostbare Erde, die von seinem herabgestürzten Garten, von diesem winzigen Quadratmeter bebauten Landes, übriggeblieben ist. Und er trägt sie fort zu einem anderen Teil seines Gartens und vermengt sie behutsam mit der dortigen Erde. – Der Anblick dieses alten Mannes in seinem abgetragenen Anzug, seiner Schürze, um ihn noch zu schützen, hat etwas Berührendes und zugleich Erschütterndes für mich. Ich bin wieder ganz zu Hause. Die Enge, die Fülle, bedrücken mich nicht mehr, wie zu Anfang, als ich zurückkam nach einjährigem Aufenthalt in Kanada, dem Land der unendlichen Dimensionen, der schnurgeraden Straßen, der Weite, die kein Mensch findet, und der Wälder, die am großen Strom beginnen und in der Unendlichkeit aufzuhören scheinen…
Die „Bremen“ brachte mich in die „Neue Welt“. Der Ozean zeigte sich nicht in seiner besten Laune, sondern ließ ahnen, wessen er fähig ist, wenn er ganz unwirsch ist. Zeitweilige Windstärke 7 reichte mir vollauf, um rettendes Land herbeizusehen, auch, wenn die „Bremen“ alles an Unterhaltung bot, was man sich auf einer „schwimmenden Stadt“ auf der Fahrt ins große Abenteuer wünschen kann. Ein letzter Gruß dem aufmerksamen Stewart, ein letzter Händedruck den vertraut gewordenen Mitreisenden – und das letzte Stück Heimat verschwand.

New York nahm mich in seinen Bann – dieser Schmelztiegel der Nationen und Rassen. Der erste Eindruck – eine Wüste aus Stein – eine Millionenstadt der Heimatlosen. Der Blick vom Empire State Building verstärkte noch diesen Eindruck, denn in gleißender Mittagsglut – es waren nahezu 37 Grad Celsius – erschien mir nichts trostloser als die in den Himmel ragenden Wolkenkratzer, kaum etwas Grün – nichts als Stein.

Gänsehaut bei solchen Preisen

Man braucht Zeit, um sich in New York heimisch zu fühlen, um zu erkennen, was New York zur „Nahtstelle“ der Welt gemacht hat. Kaum ein Besucher wird diese Stadt verlassen, ohne einer Führung durch die Räume der „Vereinten Nationen“ beigewohnt zu haben. Imposant und faszinierend, und charmante „Führerinnen“ aus allen Ländern der Welt geben in den verschiedensten Sprachen Auskunft. Ein Bummel über die Prachtstraße der Welt, der 5th Avenue, beendete meinen ersten Tag in der Neuen Welt. Wohlverdienten Schlaf fand ich allerdings in meinem Hotelzimmer – im zehnten Stockwerk eines im Zentrum gelegenen Hotels – nicht. Nicht einmal die Nachtluft kühlte sich ab. Und kein Luftzug brachte Kühlung in die engen Straßen, geschweige denn in ein Hotelzimmer. Dabei hätte einem bei dem Preis eine Gänsehaut über den Rücken laufen müssen. Denn für einen Touristen sind – auch im Land des Dollars – zehn Dollar für ein Zimmer ohne Frühstück immer noch rund 40 Mark, also kein Pflaster für einen normalen Mitteleuropäer mit mittlerem Einkommen.

Stadt im Grünen: Montreal

Ehrlich gesagt, war ich zunächst froh, nach drei Tagen den Zug nach Montreal in Kanada besteigen zu können. Schon eine kurze Fahrstrecke hinter New York war die schönste Landschaft, die man sich denken konnte: Wälder wechselten sich ab mit Seen, und es ging vorbei an kleinen Orten, meinem Endziel zu. Vom ersten Moment an habe ich mich in Montreal wohlgefühlt – vielleicht zunächst darum, weil im Mittelpunkt der Stadt ein Berg steht, der Mont Royal, um den die ganze Stadt gruppiert ist. Man hat darauf verzichtet, die Stadt abzuholzen zu Gunsten einer rücksichtslosen Bauweise. Man hat die Landschaft in die Stadt hineingenommen. Nur da, wo es sich nicht vermeiden ließ, hat man der Natur Gewalt angetan. So kommt es, daß man zur Sommerzeit vom Berg in die Stadt ebenso ins Grüne schaut wie umgekehrt. Und wie geruhsam kann man spazierengehen in den einzelnen, heute noch selbstständigen Teilen der Stadt, wie Westmount, Town of Montreal, Outremont etc. Jedes dieser Stadtgebiete wetteifert um Schönheit und Sauberkeit und verteidigt gegen alle Annektionsversuche der Stadt Montreal die Selbstständigkeit mit allen rechtlichen Mitteln.
Für Montreal und die Planung der Stadt gewiß ein Problem, das ich in den Zeitungen mit Interesse verfolge. – A propos „Zeitung“. – Was war es doch für ein Genuß, jeden Morgen die nicht ganz „schmale“ Gazette auf dem Frühstückstisch zu haben und jeden Mittag den „Star“ mit wenigstens 40 Seiten in Großformat! Und das für nur zehn Cent. Von „old Adenauer“ und dem common market wurde man in allen Einzelheiten unterrichtet – und das durchaus objektiv. Man ist in Kanada an allen deutschen Problemen sehr interessiert. Ich glaube, nicht nur darum, weil die deutschen Einwanderer einen sehr hohen Prozentsatz der Emigranten stellen. Man bringt viel Verständnis für uns auf und auch viel Bewunderung.

Zweisprachig in den Städten

Auf einer Party (schrecklich – weil man stundenlang herumstehen muß, ohne sich setzen zu dürfen) stellte sich heraus, daß von zwölf anwesenden Physikern – alles Professoren der französischen Universität von Montreal – tatsächlich jeder schon einmal in Deutschland war, entweder zu einem ein- oder mehrjährigen Ferienaufenthalt – oder auch nur zu einem mehrwöchigen Besuch. Jeder versuchte, ein paar Brocken deutsch zu reden – mit unterschiedlichem Sprachschatz und je nach Muttersprache mit unterschiedlichem Akzent. Montreal ist zweisprachig. In allen Kaufhäusern, Hotels, Behörden etc. ist man „bilingual“. Die Zweisprachigkeit hört dort auf, wo man in der Provinz Quebec „aufs Land“ und in die kleinen Ortschaften kommt. Dort wird ausschließlich französisch gesprochen. Diese beiden Kulturzentren – im ständigen Wettstreit um die Vorherrschaft – geben dem kulturellen Leben Montreals das geistige Gepräge. So kommt es, daß fast jedes Gastspiel, das für New York gebucht ist, auch nach Montreal kommt. Hier tanzte die „Ulanowa“, und hier gastierte die Peking Opera, hier spielte Wilhelm Kempff sämtliche Sonaten Beethovens und hier sang Dietrich Fischer-Dieskau Lieder von Hugo Wolff.

Arbeitslose genug

Die Zeit wird einem nicht lang in Montreal, auch nicht, wenn man nur Inhaber eines Besuchsvisums ist und laut Gesetz nicht arbeiten darf, denn Kanada hat genug Arbeitslose, sogar im Sommer.

Ich las einmal in einer Zeitung, daß man Kanada einen Professor Erhard wünsche. (Kommentar überflüssig). Daß jemand in das Land kam, um einen längeren Besuch zu machen, um das Land kennenzulernen und nicht, um Dollars zu ernten, war für kaum jemanden verständlich. Geldverdienen ist drüben das A und O. Der Kampf um den Dollar lässt gerade bei den Einwanderern, welcher Nationalität sie auch angehören, keinen Platz für gesellschaftliches Leben. Daher oft die Verbitterung und Einsamkeit der Einwanderer, denn die „alten“ Kanadier haben mit ihrem hohen Lebensstandard und ihrer durchweg 37- bis 38-Stunden-Woche bereits den „Platz an der Sonne“.

…schlief im guten, alten VW

Montreal hat eine so günstige Lage, daß man bequem die Hauptstadt Ottawa – erinnert in ihrer Bürgerlichkeit etwa an Bonn – erreichen kann. – Nach Quebec, der Stadt mit dem Gepräge der französischen Provinzstadt – sind es nur vier Eisenbahnstunden. Ich fuhr die endlos erscheinende Straße, vorbei an verfallenen Farmen, dichten Wäldern, nach Toronto. Ich sah die Sonne über dem Lake Ontario aufgehen und und schlief im guten, alten VW, als wir an die großen Seen, zu den Niagara-Wasserfällen, fuhren. Und ich erlebte den strengen kanadischen Winter. Bei Temperaturen um 30 Grad Celsius hörte sogar die Eitelkeit der Frauen auf. Man trug wasserfeste Überschuhe und dicke Strümpfe. Der Nicht-Autofahrer ist ohne Pelzmantel verraten und verkauft. Während der kältesten Zeit hatte ich einen Dreitage-Job als Babysitter – 50 Kilometer nördlich von Montreal. Der wunderschöne Wintertag verlockte mich, ein paar Aufnahmen zu schießen. Es war mir aber unmöglich, draußen die Handschuhe auszuziehen; sofort wurden die Finger klamm und ich konnte keine Kamera halten, bis ich merkte, daß ich weit und breit das einzige Lebewesen draußen war. Kein Wunder, durch die Wettermeldung erfuhr ich, daß es der kälteste Tag – mit 42 Grad Celsius – war. Und bei dieser Kälte bleibt selbst der Kanadier in der zentralgeheizten Wohnung. Der Schneemassen wurde man Herr durch Raupenschlepper, die die Bürgersteige freifegen. Mit Riesengebläsen wird der Schnee dann vom Straßenrand auf Lastkraftwagen geblasen und irgendwo außerhalb der Stadt – so wie bei uns Müll – abgeladen.

Die Hilfsbereitschaft der Männer

In einer Hinsicht möchte ich auch hier gern kanadische Sitten einführen; die Hilfsbereitschaft der Ehemänner in Haushaltsfragen ist sprichwörtlich. Spülen und Abtrocknen ist für sie eine Selbstverständlichkeit und in Fragen der Kindererziehung – der Fütterung von Kleinkindern – sind sie durchaus kompetent. Gewaschen wird von ihnen an freien Samstagen in der Münz-Waschanstalt. Da gibt es dann einen „Männerschwatz“, bis die trockene Wäsche mit nach Hause genommen werden kann. Und die Kanadierin erfreut „Ihn“ dafür durch gepflegtes Aussehen, durch immer freundliches Wesen. Grazil und schlank sind sie alle und sehr feminin.

Um der Freiheit willen

Und doch: Auf meiner Rückreise – auf einem griechischen Dampfer – waren Hunderte von enttäuschten Einwanderern, die versucht haben, drüben ihr Glück zu machen, die um der absoluten Freiheit willen rübergingen und jetzt Kanada den Rücken kehrten – enttäuscht – verbittert – arm. Sie zogen den sicheren Arbeitsplatz im überbevölkerten Deutschland der Unsicherheit im Land der großen Weite und Menschenleere vor. – Und eine Kroatin war es, die mir mit Tränen in den Augen sagte: „Ich war acht Jahre in Kanada – ich habe gearbeitet wie ein Pferd, ich habe meine Gesundheit ruiniert – das Klima nicht vertragen – ich habe immer wieder versucht, Fuß zu fassen – und gehe heute zurück nach Österreich, um dort bei den letzten Verwandten, die ich habe, zu leben. – Und ich würde die Erde küssen, wenn ich noch einmal in meine Heimat nach Jugoslawien könnte…


Rußlands Rosen duften betörend

Ein Urlaubsausflug nach Sotschi am Schwarzen Meer
Russische Erinnerungen von Edeltraud Fischer

aus: Hasper Zeitung, 17. Juli 1965

Total verrückt!“ – das wurde mir einen Tag vor Urlaubsbeginn von einer intelligenten Frau – meiner früheren Lehrerin – in vollem Ernst an den Kopf geworfen. – Ich hatte auf Befragen nicht etwa erzählt, ich sei für die nächste Fahrt zum Mond vorgesehen. – Nein, viel schlimmer: Ich hatte eine Urlaubsreise nach Rußland gebucht und besaß die Verwegenheit und den Optimismus, mich auch noch darauf zu freuen. Vom „Sie sticht wohl der Hafer“ meines Chefs bis zum wahrhaft verächtlichen „Phh – Rußland“ meiner Friseuse reichte die Skala der verständnislosen Kommentare. – Ich schämte mich fast, meinen näheren Bekannten mein Reiseziel kundzutun. Aber zu ihrer Ehre sei gesagt, daß sie mir alle eine gesunde Heimkehr wünschten – als ginge beziehungsweise flöge ich ins Land der Kannibalen.

Die Boeing 727 brachte uns sicher nach Varna. Weder Tüte noch Sauerstoffmasken wurden trotz des schlechten Wetters benutzt. Der bulgarische Flughafen Varna glich einem in Unordnung geratenen Ameisenhaufen. Maschine auf Maschine landete mit deutschen Touristen, die ihre Ferien am Gold- und Sonnenstrand verlebten. Einige stiegen um zur Türkei und ein ganz winziges Häuflein wartete auf die russische Düsenmaschine, die zwar landete, aber wegen des schlechten Wetters über dem Schwarzen Meer nicht mehr startete. – Stunden des Wartens vergingen, bis der Pilot der russischen Maschine entgegen der vorgeschlagenen Übernachtung in Moskau sich für eine Nacht in einem erstklassigen Hotel am Goldstrand entschied, um seinen deutschen Fluggästen „einen angenehmen Flug zu gewährleisten“.

Fürsorge auf Schritt und Tritt

Wie wir erst später feststellen sollten, war das keine Phrase, sondern Ausdruck der Fürsorge um das Wohlbefinden der Gäste, dem wir in drei Wochen Aufenthalt auf Schritt und Tritt begegneten. – Am nächsten Morgen landeten wir nach einer Flugzeit von eineinhalb Stunden in Simferopol auf der Krim. Wir waren nervös wie die Schulkinder; aber als die ersten deutschen Gäste den Fuß auf russischen Boden setzten, bekamen sie von Vertretern der Stadt einen Riesen-Rosenstrauß zur Begrüßung, da es der erste Direktflug Varna – Simferopol war. Bisher mußten alle Zollformalitäten in Odessa erledigt werden. Man war so stolz, nun auch ausländische Gäste direkt betreuen zu dürfen. Alles ging reibungslos und schnell vonstatten. Direkt rührend, wie ein paar ältere Männer sich um unsere wirtschaftswunderlichen Schweinsleder- und sonstige Luftkoffer kümmerten. Man nahm sie uns aus den Händen, legte behutsam ein weißes Deckchen auf die alte, primitive Balkenwaage, damit die Koffer nicht beschädigt würden. (Drei Wochen später – bei dem Rückflug – stand eine ganz moderne Waage zur Verfügung).

Unser nächstes Reise-Endziel war Sotschi an der kaukasischen Schwarzmeerküste – eine Stadt von 200.000 Einwohnern. Sicher setzte die TU 124 auf dem Rollfeld des Flughafens Adler auf.

Einstudierte  Antworten

Am Bus wartete Galina und hieß uns in bestem Deutsch willkommen. In den nächsten Tagen sollte sie uns die Schönheiten ihres Landes zeigen. Die Stadt Sotschi mit ihren Tausenden von Rosen – in jedem Garten, in jedem Park entfalteten sie ihre Pracht. Romantisch wirkten die Parkanlagen, der Botanische Garten, verschwiegene Wege, der Aufgang zum Hotel Intourist, in dem wir bestens untergebracht waren. Das chagallblaue Meer mit subtropischer Vegetation entlang der Küste. Mit dem ganzen Stolz der ideologisch – und auf das verantwortliche Amt als Fremdenführerin in Moskau geschulten Kommunisten – begleitete sie uns auf den Achrun-Berg mit einem wundervollen Ausblick auf den kaukasischen Bergrücken. Voller Stolz führte sie uns an der malerischen Küste entlang durch Gagra, einen der schönsten Kurorte im Gebiet der Abchasischen ASSR bis zum Riza-See, der, 900 Meter über dem Meeresspiegel, von über 2.000 Meter hohen, schneebedeckten Bergen des Kaukasus eingeschlossen liegt. Wir fragten sie über soziale Einrichtungen, über den Lebensstandard der Russen, über die Einstellung zur Kirche. Sie hatte auf alles eine einstudierte Antwort parat und fühlte sich persönlich angegriffen, wenn sie etwas Negatives zu berichten hatte, was kaum vorkam.

Ein typisches Beispiel: In Rußland gäbe es keine Nachtigallen, erklärte sie uns – aber die Drosseln würden genauso schön singen…

Mängel nicht zu übersehen

Und warum sollte wohl jeder Arbeiter ein Auto haben wollen, wo er doch so billig fliegen könne? – Stimmt! Die Flugpreise sind spottbillig. Daß jede verheiratete Frau noch mitarbeiten muß, ist doch selbstverständlich, da sie endlich voll gleichberechtigt sei und glücklich dazu, ihre berufliche Chance nutzen zu können. – Mitarbeit bei vier und mehr Kindern? – Die hat niemand – in Deutschland etwa? Galina wirkte humorlos, weil sie immer bestrebt war, uns ihre Heimat in bestem Licht erscheinen zu lassen. – Wir sahen indes auch die Mängel, die es überall gibt.

Galina war es auch, die uns in zwei Tagen das gewünschte Visum für den Besuch der Hauptstadt Georgiens, Tiflis, besorgte. Sie belehrte uns, daß es nicht Georgien, sondern Grusinien heiße und die Menschen nicht Georgier, sondern Grusinier wären.

Charmante Georgier

Intourist, das staatliche Reisebüro, hatte die Flugkarten, die Zimmer, den Bus und den Dolmetscher bestellt. Wladimir, westlich gekleideter, liebenswerter Dozent für Germanistik, erwartete uns an der Gangway und war in den drei Tagen unser „guter Geist“. Er bestellte das Essen (nur eine halbe Suppe – da Sie ja doch nicht viel essen), besorgte Theaterkarten und wußte alle Fragen nach der Geschichte seiner Heimat zu beantworten. Er begleitete uns ins alte Tblissi, wo wir auf wahrhaft historischem Boden standen und erzählte uns voller Stolz von der neuerworbenen Ikone.

Er war ganz und gar Georgier und berichtete, daß Georgien im Norden an Rußland grenze! Im Ikonenmuseum wies er so ganz nebenbei auf eine Abteilung russischer Maler hin – wenn Sie die auch noch sehen wollen?

Ich war in Deutschland gewesen

In Tiflis war es auch, wo es uns zum Bewußtsein kam, wie sehr man dort die Deutschen schätzt – und nicht nur fürchtet. Vor dem Intourist-Hotel sprach uns ein ärmlich gekleideter Mann an – gebeugt, schüchtern, ob wir Deutsche seien? Etwa aus Westdeutschland? Ihm kamen die Tränen, als er mit bewegter Stimme erzählte, er habe von 1926 bis 1931 in Aachen studiert. – Mit einem verschüchterten „Verzeihen Sie, daß ich Sie angesprochen habe“, nahm er die Hand meiner Freundin und führte sie an die Lippen. Ein paar Straßenzüge weiter berichtet ebenfalls ein alter Mann von seinen Erlebnissen in Deutschland. Er war im 1. Weltkrieg als Gefangener in Dortmund und Münster. Seine Augen strahlten, als er von der wundervollen Zeit erzählte – die er bis heute nicht vergessen habe. – Aber in Rußland sei es doch heute auch gut, meinten wir. – Er schüttelt den Kopf und geht mit schlurfenden Schritten vondannen. Wir sind bedrückt und trotz der 35 Grad im Schatten ist die Urlaubs-Hochstimmung verflogen.

Auch der Abschied von Wladimir fällt uns schwer. Wir möchten dem hochbegabten, charmanten Greorgier so gern einmal Westdeutschland zeigen, damit er sich selbst ein Urteil bilden kann. Aber er darf nur in die Zone. Sein „Kommen Sie einmal wieder?“ wagen wir nicht zu beantworten. Die Worte klingen noch lange in uns nach, als sich die Maschine hebt und wir über die gigantischen Berge des Kaukasus zurückfliegen.

Muskelkater nach Kraftmassage

Während Sotschi ein Kurort internationaler Prägung mit Gästen aus Frankreich, Deutschland, England ist, ist Jalta auf der Krim vorwiegend Erholungsort für die Werktätigen aus allen Teilen der UdSSR. Allein 80 Sanatorien liegen malerisch entlang der Küste. Teils im Baustil der griechischen Tempel, teils modern. Man hatte uns das Sanatorium Kaukasus überlassen mit kostenloser Behandlung, ärztlicher Betreuung, Bädern, Massagen etc. Aber wir fühlten uns so mopsfidel, daß wir nur eine sibirische Kraftmassage über uns ergehen ließen, nach der ich befürchten musste, meine Heimat wegen zerbrochener Gliedmaßen nicht wiederzusehen. Tagelang hatte ich einen Muskelkater wie nach dem größten Fechtturnier meiner sportlichen Laufbahn.

Deutsche gerngesehene Gäste

Obgleich die Krim Kampfgebiet im letzten Weltkrieg war und Sewastopol die härtesten Verluste erlitten hatte (die Stadt wurde zu 90 Prozent zerstört), war man auch in Jalta entgegenkommend und freundschaftlich, wenn man unsere Nationalität erfuhr. Wie oft hörten wir: „Gefällt es Ihnen bei uns gut oder sehr gut?“ Die Frage, ob Deutschland kriegslüstern sei, wurde auch manchmal gestellt und wir waren froh, daß wir harmlose Touristen das Gegenteil bekunden konnten.

Die Krim hat wohl eine der schönsten Küsten Europas und man kann verstehen, daß sich die Reichen des alten Zarenreiches hier ihre Denkmäler in Form von Schlössern und Burgen bauten, die heute ausnahmslos den Werktätigen als Erholungsstätten dienen, sogar der Sommersitz des Zaren, in dem die denkwürdige Jalta-Konferenz stattfand.

Die letzte  Flasche Krimsekt

Man nimmt den Eindruck eines durchaus zufriedenen Volkes mit, obgleich wir auch die Ärmsten der Armen bettelnd vor der Kirche sahen, die in Jalta so voll war, daß wir auf den Stufen stehend das monotone Singen des Kirchenchores hörten. Alte Frauen in weißen Kopftüchern mit zerfurchten Gesichtern, als trügen sie die jahrhundertealte Last des russischen Schicksals auf ihren Schultern. – Demütig gebeugt und gläubig warteten sie stundenlang auf Einlass. Ein altes Mütterchen in zerlöcherten Schuhen hatte uns durch das glutvolle Jalta geleitet. Sie schien stolz, daß Fremde nach ihrer Kirche gefragt hatten und ungeachtet unseres Nichtverstehens erzählte sie unentwegt – bis ich versuchte, ihr einen Geldschein zuzustecken, den sie sicher gut hätte gebrauchen können. – Sie wehrte ab und ohne ein weiteres Wort verschwand sie in der Menge der Andächtigen. Wie beschämt waren wir doch, die wir meinten, unsere westliche Geflogenheit, mit Geld einen Dienst zu bezahlen, auch hier anwenden zu können. – Nicht in Rußland, dem Land, in dem der Gast noch geehrt wird wie in früheren Jahrhunderten.

Eine letzte Flasche Krimsekt in fröhlicher Runde mit dem Blick auf das nachtschwarze Meer, ein letzter Blick auf die prächtigen Rosen vor unserem Fenster – und mit der Fahrt zum Flughafen, vorbei an winzigen Katen, endlosen Weinbergen, Schlössern am Meer, arbeitenden Straßenarbeiterinnen, war der Urlaub zu Ende. – Nicht nur Rußlands Rosen hatten die Reise erlebnisreich gemacht.