Restaurierung eines Hagener Denkmals

Hagen. (TH) Das Theater Hagen steht seit vielen Jahren im Fokus der Hagener Öffentlichkeit. Positiv macht es immer wieder durch die Qualität und Quantität seines kulturellen Angebotes auf sich aufmerksam. Negativ dagegen war lange Zeit das äußere Erscheinungsbild zu bewerten.

An vielen Stellen bröckelte der Putz von der Fassade. Tiefe Risse waren zu sehen. Rund dreißig Prozent der etwa 3500 Quadratmeter umfassenden Wand- und Dachfläche zeigten sich im Frühling 2011 noch schadhaft. (Foto: Michael Eckhoff)

Das unter Denkmalschutz stehende Theater wurde in den Jahren 1910 und 1911 erstellt und am 5. und 6. Oktober 1911 eingeweiht. Bei dem 1909 ausgelobten Architektenwettbewerb wurden 107 Entwürfe eingereicht. Am Ende setzte sich mit dem 2. Preis Prof. Dr. Ing. Ernst Vetterlein, Darmstadt, durch und erhielt den Auftrag zur Errichtung des Hagener Theaters.

Erster Spatenstich

Zunächst hatte man seit 1908 nach einem geeigneten Grundstück gesucht. Im Eckbereich Konkordia-/Elberfelder Straße, wo zuvor das Allgemeine Krankenhaus gestanden hatte, wurde man fündig. Der Spatenstich erfolgte am 2. August 1910. In den Monaten danach gelang es unter der Regie des örtlichen Bauleiters Architekt Alexander Thoma bereits am 29.12.1910 den Dachstuhl und am 15.02.1911 den Rohbau zu vollenden. Hier hatte sich die außergewöhnlich milde Witterung dem Bau gnädig gezeigt. Dies setzte sich während der weiteren Bauperiode fort, so dass das Theatergebäude zur vereinbarten Zeit seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Von den Zimmererarbeiten bis zur Stoffbespannung waren insgesamt 25 Hagener Handwerksunternehmen an der Errichtung beteiligt.

Knapp 100 Jahre später sind die Spuren zweier Weltkriege, der Umweltbelastungen und der Witterung an der Gebäudehülle trotz regelmäßiger Instandhaltungsarbeiten unverkennbar. Dank einer umfangreichen finanziellen Unterstützung der Sparkasse Hagen konnte erstmals eine grundlegende Sanierung im Jahr 2010 unter der Regie der Gebäudewirtschaft Hagen in Angriff genommen werden. Für die Koordination der Arbeiten wurde ein Team, bestehend aus dem Architekturbüro Weide, vertreten durch Dipl.-Ing. Ernst Weide und Dipl.-Ing. Alexandra Bürger, sowie die Wirtschafts- und Servicegesellschaft des Handwerks mbH, vertreten durch Dipl.-Ing. Torsten Heumann, beauftragt.

Zahlreiche Risse

Nach einer im Vorfeld durch Restauratoren und Handwerksmeister erstellten Schadensanalyse wurde das Restaurierungskonzept erstellt und mit der Unteren Denkmalbehörde abgestimmt. Das Konzept beinhaltete das Wiederherstellen der schadhaften Putzstellen im denkmalgeschützten Fassadenbereich, das Dämmen der neuzeitlichen Fassaden mit Wärmedämmverbundsystemen, das Erneuern und Dämmen der Flachdächer sowie des Bühnenturmdaches, die Wiederaufbereitung der Natursteinelemente und das Restaurieren und teilweise Austauschen zahlreicher Fensterelemente.

Die Sanierung des Theaters Hagen tritt nun in ihre entscheidende Phase - spielfreie Zeit! Jetzt können die Handwerker unbelastet vom Spielplan „in die Vollen“ gehen. (Foto: WSGH)

Dies setzte zugleich zahlreiche Detaillösungen voraus. An den Gebäudeecken zur Elberfelder Straße und den benachbarten Fensterstürzen sind zahlreiche statische Risse vorhanden, welche durch Anker vernadelt werden müssen. Die Balustraden vor den Flachdächern zeigen witterungsbedingt grobe Schäden, und zahllose Gesims- und Brüstungsabdeckungen sind nicht mehr vorhanden oder schadhaft. Überall bestanden seit Jahrzehnten Angriffsflächen für Wind und Wetter. Die Schäden wurden in den vergangenen Jahren derart deutlich, dass provisorische Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden mussten, um zu verhindern, dass herabstürzende Gebäudeteile den öffentlichen Straßenraum gefährden.

Start im April

Nachdem die Ausschreibungen im Dezember 2010 erfolgten, konnte mit der Bauausführung im April 2011 begonnen werden. Neben den technisch notwendigen Maßnahmen lag ein besonderes Augenmerk in der denkmalgerechten und optischen Gestaltung. So wurde neben der Farbgestaltung der Fassade die Form der zu verwendenden Dachziegel, die Auswahl der zu restaurierenden Fenster und Details bis hin zur Gestaltung von Fensterbänken und Gesimsabdeckungen erörtert.

Nach Bemusterung unterschiedlicher Farbkonzepte fand eine zwar an die Ursprünge angelehnte, jedoch etwas hellere Farbgebung eine breite Mehrheit.

Besondere Anforderungen

Alle Beteiligten haben sich im Sommer 2011 viel vorgenommen, um wie bereits vor 100 Jahren, die Arbeiten in einer Kooperation aus vielen Hagener Unternehmen und Fachleuten termingerecht - das heißt: Ende September - zum Jubiläum fertig zu stellen. (Foto: WSGH)

Besondere Anforderungen ergaben sich im Verlauf der Sanierungsarbeiten durch den engmaschigen Spielplan des Theaters. Aufgrund täglich notwendiger Proben und angebotener Aufführungen konnten die Sanierungsarbeiten bisher nicht in gewohnter Weise durchgeführt werden. Lärm verursachende Arbeiten beispielsweise konnten in der Regel nur täglich bis 10 Uhr morgens und an einigen Nachmittagsstunden durchgeführt werden. Restaurierungsarbeiten der Fenster von innen hingegen waren jeweils auch nur kurzzeitig möglich, so dass manche Fensterelemente bis zur Fertigstellung dreimal eingerüstet werden mussten.

Kurzeinsätze

Hier erwies sich bislang jedoch die Zusammenarbeit und direkte Abstimmung zwischen der Gebäudewirtschaft Hagen, vertreten durch Dipl.-Ing. Daniel Bangrazi, der Theaterleitung und den koordinierenden Architekten als sehr hilfreich. Auch zahlte sich aus, dass die maßgeblichen Gewerke nach der erfolgten Ausschreibung überwiegend an Hagener Unternehmen vergeben werden konnten. So wurden von den Firmen Westphal, Bohrmann & Breitenbach, Borgmeier, Trabandt und Erlmann oftmals Kurzeinsätze ermöglicht.

Entscheidende Phase

Beginnend mit dem 11. Juli 2011 tritt die Sanierung des Theaters Hagen nun in ihre entscheidende Phase. Die sechswöchige spielfreie Zeit ermöglicht die Sanierung des Bühnenturms, da hierzu u.a. einige Brandschutzeinrichtungen abgeschaltet werden müssen. Zahlreiche Fensterelemente können in dieser Zeit ausgetauscht werden, ohne das Theaterpersonal in seiner täglichen Arbeit zu behindern. Damit jeder Tag der spielfreien Zeit optimal ausgenutzt werden kann, wurde das Bühnenturmgerüst bereits am Sonntag, 10. Juli, fertig gestellt und durch die Bauberufsgenossenschaft abgenommen.

Alle Beteiligten haben sich im Sommer 2011 viel vorgenommen, um wie bereits vor 100 Jahren, die Arbeiten in einer Kooperation aus vielen Hagener Unternehmen und Fachleuten termingerecht fertig zu stellen.

Noch ein kurzer Rückblick auf das Jahr 1911

(ME) Zur Eröffnung im Oktober 1911 erschien auch eine Festschrift, worin sich dessen Autor freut: „Als im Jahre 1909 die Theater-Aktiengesellschaft den Wettbewerb zur Gewinnung von Planskizzen für das neue Theater einleitete, war das an der Elberfelderstrasse gelegene Bauterrain für den Neubau fest bestimmt. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der gewählte Platz im Stadtplan außerordentlich günstig liegt.“

Kostbare Geschenke

Die sechswöchige spielfreie Zeit ermöglicht die Sanierung des Bühnenturms, da hierzu u.a. einige Brandschutzeinrichtungen abgeschaltet werden müssen. Zahlreiche Fensterelemente können in dieser Zeit ausgetauscht werden, ohne das Theaterpersonal in seiner täglichen Arbeit zu behindern. Damit jeder Tag der spielfreien Zeit optimal ausgenutzt werden kann, wurde das Bühnenturmgerüst bereits am Sonntag, 10. Juli, fertig gestellt und durch die Bauberufsgenossenschaft abgenommen. (Foto: WSGH)

Der Bau gliedert sich naturgemäß in das Bühnenhaus und das Zuschauerhaus – mit den Haupteingängen an der Elberfelder Straße, wo drei bronzebeschlagene, inzwischen rekonstruierte Türen ins Innere führ(t)en. Früher gab es auch noch einen säulengetragenen Vorbau an der Konkordiastraße, der als „Anfahrt der Wagen“ gedacht war. Im Innern wurde 1911 an der Ausstattung nicht gegeizt, so wurde der „Hauptwandelraum“ mit Pilastern „aus echtem polierten, teilweise vergoldeten Marmor und echten Kunstverglasungen geschmückt“. Dieser kostspieligen Ausstattung lag eine Stiftung des Hagener Stadtverordneten Gustav Neveling zu Grunde. Der größte Teil des gesamten Bauwerks war auch ansonsten von Hagener Bürgern finanziert worden. An Baukosten verschlang das Theater damals rund 450.000 Mark. Was relativ preiswert war. Weitere 30.000 Mark flossen in einen Anbau für die lukullischen Genüsse und 50.000 Mark ins Mobiliar.

Die damalige Bestuhlung im Hagener Theater sah immerhin 996 Plätze vor, deutlich mehr, als wir es heute von der Hagener Bühne kennen. Zur Bühne hin wurde der Zuschauerraum selbstverständlich vom Hauptvorhang getrennt, der – gefertigt aus kostbarem Stoff – ein Geschenk von August Funcke war.

Opferwilliger Idealismus

Der Autor der 1911er Festschrift kommt zu dem Ergebnis, dass Hagens Theaterbau zu einer „verblüffend niedrigen Summe“ zustande gekommen sei, „die,“ so lesen wir wörtlich, „sich nur durch den opferwilligen Idealismus erklären lässt, mit dem alle am Bau tätig gewesen Kräfte im Dienste der schönen Aufgabe gewirkt haben“.

Ein wesentlicher Teil des Bauwerks wurde mit Backsteinen errichtet, zudem kam Eisen- beziehungsweise Stahlbeton zum Einsatz, ein damals völlig neuer Baustoff. Auch beim Fußbodenbelag zeigten sich die Hagener auf der modischen Höhe der Zeit: sie ließen das damals als überaus modern geltende Linoleum verlegen. Ultramodern präsentierte sich zudem die Eingangspartie – geschmückt von vier 2,50 Meter hohen Figuren der in Hagen vielfach tätigen Bildhauerin Milly Steger.

Lack ab

Hundert Jahre nach Baubeginn – also 2010 – bot sich, wie eingangs beschrieben, das Theater in einem arg ramponierten, ja geradezu jämmerlichen Zustand dar. An vielen Stellen bröckelte der Putz von der Fassade. Tiefe Risse waren zu erblicken. Eine Sanierung war längst überüberfällig. Oberbürgermeister Jörg Dehm musste denn auch verschämt feststellen: „Ausgerechnet unser Theater zeigte bislang das schmuddeligste Antlitz der gesamten Innenstadt.“

Doch die Stadt Hagen ist bekanntlich äußerst klamm – eine ordentliche Reparatur hätte sie aktuell niemals allein stemmen können. Deswegen sprang eine „Tochter“ in die Bresche: der Verwaltungsvorstand der Hagener Sparkasse machte eine Million Euro locker. „Das Theater wurde einst in großen Teilen von der Hagener Bevölkerung finanziert – an diese Leistung wollten wir gerne anknüpfen,“ erläuterte Sparkassenchef Frank Walter diese Entscheidung. Eine gute Entscheidung…