Revanche für Wembley in Bloemfontein

Von Frank Schmidt (zurzeit in Südafrika)

Bloemfontein. Eigentlich wissen wir schon am Tag zuvor, dass es gegen England klappen wird. Denn Lindsay gabelt uns vor dem „Visitors Point“ in Bloemfontein auf, stellt sich als Mitarbeiterin der FIFA vor und fragt, ob wir – meine Freunde Frank, Michael und ich – nicht Deutschland im Rahmen einer Fernsehshow repräsentieren wollen. Klar möchten wir, und schon sitzen wir in einem der ungezählten FIFA-Kleinbusse, die überall in den WM-Städten durch die Gegend flitzen.

Fragen über Fragen

Drehort ist die Waterfront, eine neue Einkaufsburg mit Geschäften, Restaurants und Cafés direkt am Loch Logan, einem künstlichen See gleich neben dem Stadion. Regisseur Jonathan Sloan erklärt uns ohne Umschweife, worum es geht. Gegen ein englisches Team sollen wir antreten und haben Fragen über das Land des Gegners zu beantworten – die Briten werden umgekehrt über uns Deutsche ausgequetscht. Beim Torschützenkönig der englischen Premier League müssen wir nicht lange überlegen: Didier Drogba, 29 Treffer. Und die Frage nach dem Trainer des Weltmeisterteams von 1966 erweist sich als maßgeschneidert für meine Fußball-Geschichtsleidenschaft: Alf Ramsey, der später von der Queen zum „Sir“ geadelt wurde. Bei Englands Premierminister sitzen wir auf der Leitung, doch die Engländer trösten uns: Es ist David Cameron, aber er wird’s wohl nicht lange bleiben.

Wie viele Einwohner England hat? 50 Millionen, werfe ich in die Diskussion, meine Kollegen tippen auf 45. Es sind zwar doch 50, aber weil wir eine Toleranzspanne von 5 Millionen haben, können wir gerade noch aufatmen. Die Briten glauben umgekehrt übrigens an die germanische Fruchtbarkeit und schätzen uns auf 150 Millionen. Englands Rekordnationalspieler ist nicht Bobby Moore, wie ich meine, denn er wurde von Peter Shilton überholt. Dafür kennen wir die drei englischen Champions-League-Teilnehmer für die kommende Saison: Chelsea, Manchester United und FC Arsenal!

Quiz gewonnen

Mit Glanz und Gloria gewinnen wir das Quiz, denn die Engländer wissen über uns Deutsche – gar nichts! Dann werden noch ein paar Trailer für das Quiz mit uns aufgenommen, Jonathan spendiert einen Drink, und wir werden zurück ins Privatleben entlassen. Die Show wird im Rahmen des FIFA-Fernsehangebots in alle Welt verkauft, und Jonathan weiß beim besten Willen noch nicht, welche Länder auf das Angebot zurückgreifen werden. Wenn wir aber in Sachen Orientierung genau so pfiffig wären wie beim Ratespiel, dann würden wir anschließend sicherlich nicht eine geschlagene Stunde in Bloemfontein herumirren, bevor wir am „Visitors Point“, etwa 200 Meter Luftlinie von der Waterfront entfernt, zurück sind. Den geplanten Stadtrundgang per Pedes können wir nun endgültig vergessen.

Lothar aus Leipzig

Tags darauf treffen wir auf dem Hof unserer Unterkunft, auf die ich später unbedingt noch zurückkommen muss, auf Lothar aus Leipzig, der uns schon in Durban und Port Elizabeth über den Weg gelaufen ist und uns stets aufs Neue mit seiner Dämlichkeit beeindruckt. Frei jeden Schamgefühls steht er da in Deutschlandtrikot und knappem Slip, was selbst für einen Schwarzen aus den elendsten Townships ein furchtbarer Anblick sein muss, und fragt uns nach einer Viertelfinalkarte. Ferner benötigt er eine Mitfahrgelegenheit Richtung Kapstadt.

Ogottogottogott! Doch leiderleider fliegen wir ja nach Kapstadt!

Eine Karte haben wir zwar noch übrig, doch für diese auch schon andere Interessenten. Verhandelt wird trotzdem, obwohl ich ankündige, in Kapstadt von der Tribüne zu springen, wenn ich neben Lothar, einem unermüdlich sprudelnden Quell furchtbarster Nervereien, sitzen muss. Wir verlangen den Normalpreis, was Lothar nicht so recht schmecken will. Er hat sich schon beim Achtelfinale verspekuliert, musste seine Karte mit hohem Verlust verscherbeln, weil er gedacht hatte, Deutschland werde in der Runde der letzten 16 in Port Elizabeth spielen. Was übrigens nach dem Spielplan von vornherein völlig unmöglich war.

Nun ja, erstmal sehen, ob Deutschland weiterkommt. „Wir sehen uns im Stadion“, sagt Lothar. „Vergiss nicht, dir ’ne Hose anzuziehen“, erwidere ich.

Ein Erlebnis für sich

So, nun aber zu den „Leisegang Rooms“, in denen wir in Bloemfontein logieren und die uns pro Nacht 100 Rand kosten – etwas weniger als zehn Euro. Etwas Anderes war in der von Engländern überfluteten Stadt einfach nicht mehr zu kriegen.

Wir haben in Südafrika schon in ganz tollen Lodges genächtigt, zu durchaus moderaten Preisen zwischen 17 und 40 Euro, sowie in den unverschämt teuren Studentenbuden des DFB-Fanclubs (55 Euro). „Leisegang“ aber ist ein Erlebnis für sich. Keinerlei Sicherheitsvorkehrungen, nur ein Zimmerschloss, wie man es etwa von einer Schranktür her kennt. Schon weit aus der Wand gebrochen ist die Schraube nebst Halterung in der Mitte über meinem Fenster, auf der die Gardinenstange und ein schmutzigbrauner Vorhang balancieren. Vor den beiden eingeschossigen Gebäudezeilen steht eine Bretterbude, die Rezeption. Für mein Handtuch zahle ich 20 Rand Pfand, knappe zwei Euro. Auf einen Zipfel hat jemand mit Filzstift „Leisegang“ gekritzelt. Sicherlich ein schönes Souvenir, dieses Handtuch, aber die 20 Rand wären natürlich flöten…

Bewundert

Auf dem Weg ins Stadion zeigen plötzlich Engländer auf uns: „The germans from the TV-show!“ In Südafrika ist unser Quizerfolg gerade landesweit über den WM-Sportsender geflimmert, und so werden wir immer wieder als Attraktion bewundert.

An die kunterbunten Fans aus allen Teilen der Welt mit den teils verrückten, teils auch bescheuerten Verkleidungen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Einer läuft sogar mit Pickelhaube und NVA-Wintermantel herum. Sehr sympathisch sind dagegen Raquel und Ricky aus Puerto Rico – sie im Deutschland-Outfit, er mit England-Bemalung. Das Pärchen reist regelmäßig zu großen Turnieren, und weil Puerto Rico ja nie dabei ist, unterstützt es England oder Deutschland. Heute aber ist Aufgabenteilung angesagt.

Mit den Tribünenplätzen haben wir diesmal Glück: Wir sitzen direkt an einer Brüstung, erst zwei Meter tiefer beginnt der nächste Block, und keinerlei Animationsgymnastik („Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“ etc.) kann meine Sicht beeinträchtigen. Ich erkenne sofort, dass es eine späte Revanche für Wembley gibt und der Ball, der das 2:2 bedeutet hätte, klar hinter der Linie aufschlägt. So ein Pech aber auch!

Sonderlob

Zurück im „Leisegang“, parke ich unseren Mietwagen aus dem Innenhof um, sodass er von der „Rezeption“ aus gut zu sehen ist. Neben uns wohnen Engländer, und die haben uns schon in der Nacht zuvor unsere Deutschland-Autofahne abgebrochen. Ich gebe dem Nachtportier, ein junger Farbiger, 50 Rand und bitte ihn, ein Auge auf den Wagen zu werfen. Denn die Engländer sind bestimmt schwer angesäuert. Man kann ja nie wissen, ob der Frust nicht in Aggression umschlägt. Der Nachtportier versichert, er werde den Wagen behüten wie seinen Augapfel.

Als ich nachts gegen Fünf mal muss und nach dem Rechten sehe, hat Mister Augapfel seine Kapuze übers Gesicht gezogen und schläft den Schlaf des Gerechten. Am Wagen aber ist nichts dran. Da ist dann am Morgen ein Sonderlob nebst Zigarette fällig, bevor wir auschecken und uns aufmachen Richtung Krügerpark. Viel Zeit bleibt bis Samstag, bis zu unserem Viertelfinalspiel gegen Maradonas Argentinier. Das wird ein heißer Tango um den Einzug ins Finale, gegen Messi, Higuaín und Co.

Auf Wiederlesen also aus Nelspruit!