Rohrbrüche und Wohnungssorgen

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie mit einem Blick in den Februar fort.

Die Grundlagen verfasste abermals Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach:

Rohrbrüche

Es gab im Februar 1914 nicht nur Fröhliches aus Hagen zu berichten. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar (Montag auf Dienstag) platzte an der Schwenke am Beginn der Wehringhauser Straße das Hauptrohr der Wasserleitung. Durch die dabei ausgelöste Erdaufwühlung“ wurde auch das Zufuhrrohr beschädigt. Infolge dessen hatte der ganze Stadtteil Wehringhausen bis zur Ausbesserung des Schadens gegen 1:00 Uhr mittags am übernächsten Tag keinerlei Wasserzufuhr.

Ein zweiter Wasserrohrbruch ereignete sich in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar auf der Altenhagener Brücke. In beiden Fällen wurde das nach einer Frostperiode Anfang Februar plötzlich einsetzende und bereits erwähnte milde Wetter als unmittelbare Ursache des Unglücks angesehen. Durch die beim raschen Auftauen des Erdreichs vielfach entstehenden Verwerfungen sind die Wasserleitungen verformt und schließlich zerbrochen worden.

Miet- und Wohnungssorgen

Viele Hagener bedrückten aber im Februar 1914 andere, dauerhaftere Sorgen, nämlich Miet- und Wohnungsprobleme. Fast 90 Prozent der Einwohner wohnten damals in Hagen zur Miete und sie befürchteten, dass die Hausbesitzer die zum Jahresbeginn erfolgte Erhöhung der Wehrsteuer auf die Mieter umlegen würden. Außerdem herrschte in der Stadt weiterhin Wohnungsnot, und zwar sowohl in Form fehlender als auch zu kleiner Wohnungen. Zahlreiche Familien mussten in Zwei-Zimmer-Wohnungen leben.

Um ihre Interessen als Mieter wirksam vertreten zu können, warb der Hagener Mieterverein daher damals unter anderem in der Presse um Beitritt zum Verein. Zu den vom Mieterverein verfochtenen Mieterinteressen gehörte auch die Entwicklung des Kleinwohnungsbaus. Das betraf seinerzeit in Hagen zum Teil auch die im Entstehen begriffene Gartenvorstadt Emst.

Eigentlich hatte es auf Emst ab etwa 1911 eine Siedlung mit mindestens 2500 Wohnungen geben sollen, an dessen Planung unter anderem Karl Ernst Osthaus und der Regierungsbaumeister Albert Marx mitgewirkt hatten. Doch die hierfür speziell gegründete Gesellschaft ging aufgrund eines eklatanten Kapitalmangels rasch pleite. In die Bresche sprang dann eine Genossenschaft: der Spar- und Bauverein aus Wehringhausen. Diese Genossenschaft plante unter anderem 50 Einfamilienhäuser im Bereich von „Hasenlauf und „Am Waldesrand“, wofür allerdings bereits 80 Anwärter vorgemerkt waren.

Unverzüglich

Am 20. Februar, abends um 8:30 Uhr, fand überdies eine vom Hagener Mieterverein organisierte öffentliche Veranstaltung zur Wohnungsfrage im „Reichshof“ in der Frankfurter Straße statt. Dabei wurde unter anderem angesprochen, dass jetzt unverzüglich die Anträge auf Übernahme städtischer Bürgschaften für den Bau von Drei-Zimmer-Wohnungen in verschiedenen Stadtteilen fertiggestellt und eingereicht werden sollten.

Außerdem wollte man verstärkt darauf hinwirken, dass für Familien mit Kindern die Zwei-Zimmer-Wohnungen in der Stadt „wegen der gesundheitlichen und sittlichen Gefahren“ endlich verschwänden.

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